Crafts College – Ausbildungsstätte für Handwerksberufe in Herning
Holzkonstruktion mit geschwungenen Schieferdächern
Ein ganz besonderer Ort, um handwerkliche Berufe zu erlernen, ist im Nordosten der dänischen Stadt Herning nach Plänen des Architekturbüros Dorte Mandrup entstanden. Da dem Handwerk in vielen europäischen Ländern der Nachwuchs fehlt, gilt es, die Ausbildung attraktiver zu machen. Ein beispielhafter Schritt in diese Richtung ist das Crafts College in Herning: Das geschwungene, ansprechende und regional gut eingebundene Bauwerk verknüpft Werk- und Arbeitsräume mit gemeinschaftlichen Bereichen und individuellen Wohneinheiten für Auszubildende. Es ist die zweite von insgesamt drei geplanten Ausbildungsstätten dieser Art, finanziert durch eine Stiftung. Deren erklärtes Ziel ist die Förderung einer wohltuenden Lernatmosphäre, die Stärkung des gemeinschaftlichen Zusammenhalts und der professionellen Wertschätzung der erlernten Handwerksberufe.
Architektur und Handwerk
Mit einem elliptischen Grundriss, einem kreisförmigen Innenhof und einer nach außen ansteigenden Dachkonstruktion erinnert die Gebäudeform an ein Stadion. Der Entwurf von Dorte Mandrup soll die Bedeutung des Handwerks für die Architektur und die Wechselwirkung der Disziplinen veranschaulichen: Ohne gut ausgebildete Expert*innen, die über vertiefte Kenntnisse zu Materialien, Bearbeitungs- und Verbindungstechniken verfügen, lässt sich Architektur nicht verwirklichen. Wer seine Ausbildung im Crafts College absolviert, lernt grundlegende Baumaterialien mit ihren Eigenschaften am Gebäude kennen und kann in diesem Rahmen seine Fähigkeiten erproben und daran feilen.
Ein Hof als Herzstück
Ein begrünter Hof mit einer langen Holzbank bildet das Herzstück des Bauwerks, als windgeschützter, gemeinschaftlicher Treffpunkt. Vier offene Durchgänge führen in das kreisförmige Zentrum – sie sind Teil wichtiger Wegeverbindungen zur nahen Berufsschule, einem Stadtpark, dem Stadtzentrum von Herning sowie in die weite Landschaft. Obwohl die Räumlichkeiten in erster Linie für die Auszubildenden gedacht sind, gibt es Workshops und andere Veranstaltungen, die sich an ein breites Publikum wenden.
Wohnen mit Aussicht
Insgesamt 70 Unterkünfte für Auszubildende stehen zur Verfügung. Während sich die gemeinschaftlichen Nutzungen und Werkräume entlang des Innenhofes aufreihen, formen die Wohnstudios gleichsam den äußeren Ring. Jedes Apartment verfügt über einen eigenen Balkon oder eine Terrasse mit Aussicht in die Landschaft.
Holz, Naturstein und recycelte Ziegel
Natürliche und dauerhafte, mit einem möglichst geringen CO₂-Ausstoß verbundene Baumaterialien prägen die Ausbildungsstätte: verschiedene Arten zertifiziertes Holz, Schiefer, Granit und recycelte Ziegelsteine. Über eine Million wiederverwendete Ziegel kommen in den Innen- und Außenwänden sowie am Boden zum Einsatz. Sie zeigen die Spuren der Zeit, seien es Mörtelreste, Verwitterungen oder Verfärbungen.
Die Holzkonstruktionen sind mit sichtbaren Verbindungen ausgeführt. Nicht nur die Holzelemente, auch die verwendeten Natursteine altern unterschiedlich und entwickeln ihre eigene Patina. So lernen die Auszubildenden in einer Umgebung, die haptisch und formal, aber auch olfaktorisch und visuell deutlich macht, worum es in ihrem Metier geht.
Dachkonstruktion mit Schieferdeckung
Das Dach ist eine Holzkonstruktion und im Prinzip dreigeteilt: In der Aufsicht neigen sich ein äußeres und ein inneres Oval jeweils von der Außenseite Richtung Innenhof. Es handelt sich also um zwei ringförmige Pultdächer, die beide mit Schiefer gedeckt sind. Die Dachneigung des inneren Ovals ist etwas steiler als beim äußeren, beide sind teilweise mit Oberlichtern ausgestattet. Der dritte Dachbereich ist ein (aus der Vogelperspektive) sichelförmiges Vordach zum Hof, welches die umlaufende Regenrinne zum Kreis schließt. Über einen großen Speier wird Regenwasser vom Vordach in ein Rückhaltebecken im Hof abgeleitet.
Für die spezielle Dachgeometrie wurden als Unterlage der Schieferdeckung Holzkassetten vorgefertigt. Darauf sind die Naturschiefer im Format 60 x 30 cm als Rechteck-Doppeldeckung verlegt. Jede Schieferplatte ist mit zwei vorgeborten Löchern versehen und vernagelt. Eine solche Schieferdeckung kann hundert Jahre und mehr überdauern. -us
Bautafel
Architektur: Dorte Mandrup, Kopenhagen
Projektbeteiligte: Kristine Jensen Landscape & Henning Larsen (Landschaftarchitektur); fortheloveoflight (Lichtdesign); Artelia (Ingenieure); CC Contractor (Bauunternehmen)
Bauherr: Fonden for Håndværkskollegier (FFHK); BRF Fonden
Fertigstellung: 2025
Standort: Svanekevej 49, 7400 Herning, Dänemark
Bildnachweis: © Adam Mørk (Fotos); © Dorte Mandrup (Pläne)
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