Clementine House, Krumau an der Moldau
Treppe auf kleinem Raum
Die Moldau schlängelt sich ruhig und in großen Schlaufen durch die mittelalterliche Altstadt von Český Krumlov, oder Krumau an der Moldau auf Deutsch. Dass im Sommer die Busse aus Prag ankommen und sich die Tagesgäste durch die Gassen zwischen den rot bedachten Häuschen schieben, kann man entlang des Flusses auf den langen Promenaden, den vielen Parks, kleinen Gärtchen und Terrassen fast vergessen. So wie auch im Clementine House, einer kleinen Pension am Flussufer, die zum Müßiggang und längeren Verweilen einlädt. Das dreigeschossige Haus wurde nach Plänen der Architektinnen Tereza Komárková und Lucie Němcová saniert und umgebaut. Die Bauherrin Anna Gášpárová vermietet hier seit 2022 zwei Appartements und drei Dachzimmer. Im Erdgeschoss wohnt sie selbst.
Grundriss
Der Fußabdruck des Gebäudes beträgt 140 Quadratmeter, aber weil die Mauerwerkswände des Altbaus eine Tiefe von über einem Meter haben, ergeben sich auf den zwei Vollgeschossen und im Dachgeschoss „nur“ 320 Quadratmeter nutzbare Fläche. Hinzu kam, dass die Treppenerschließung von ihrem Platz hinterm Gebäude für mehr Komfort und zugunsten eines Gartens ins Innere wandern. So wurde im Grundriss die statisch bedingte Dreiteilung des Hauses in einen querverlaufenden Mittelgang und Räume zu beiden Seiten beibehalten. Die weitere Unterteilung der Wohnflächen organisierte das Team jedoch neu und flexibel, dank großer Schiebetüren und raumteilender Vorhänge. So erhalten die Räume je nach Bedarf mehr Weite und Licht oder mehr Privatheit.
Erschließung
Die Dreiteilung des Grundrisses bedeutet, dass im Mittelgang nur ca. 26 Quadratmeter für eine neue Treppe, den Flur und den Eingang samt Wartbereich zur Verfügung standen. Die Architektinnen planten eine gewendelte Stahltreppe mit Holzstufen, die sie in einem Marineblau lackieren ließen. Die unterschiedlichen Geschosshöhen – das Erdgeschoss ist deutlich niedriger als die oberen beiden Geschosse – kamen der Treppenplanung entgegen: So reichte im Eingangsbereich eine einläufige Treppe mit lediglich gewendeltem Antritt. Sie ist kürzer als der halbgewendelte Treppenlauf, der das Ober- mit dem Dachgeschoss verbindet. Das Besondere ist zudem, dass die Treppe über die geschlossenen Stahlwangen einen statisch belastbaren Baukörper bildet, an den Geschossdecken verankert ist und, zumindest in den Obergeschossen, kontaktlos vor den alten Mauerwerkswänden verläuft.
Interior-Konzept
Alt und Neu sind behutsam voneinander getrennt und bilden dennoch eine gestalterische Einheit. Was für die Treppe gilt, trifft auf die gesamte Innenarchitektur zu. Die Architektinnen versehen die alten Mauerwerkswände mit einem von Hand aufgetragenen Zementputz und streichen die Holzbalkendecken sowie das Dachgebälk ebenfalls weiß. Die einheitliche Farbgebung schafft eine ruhige, harmonische Atmosphäre. In der Haptik bleibt die alte Bausubstanz mit ihren Rissen, Unebenheiten oder Maserungen erhalten und sichtbar. Treppen, Küchen, Armaturen und Möbel bringen dezent Farbe in die minimalistisch gestalteten Räume. Weitere Akzente setzen die kunstvoll gestalteten Tapeten, Schiebetüren oder Stoffe, die als Wandreproduktionen Werke des zeitgenössischen tschechischen Malers Patrik Hábl wiedergeben. Es gibt also viele Hingucker im Clementine House, aber am Ende nur einen Star: das ist die Moldau, die vorm Fenster vorbeizieht. ~rg
Bautafel
Architektur: Tereza Komárková, Lucie Němcová, Prag
Projektbeteiligte: Tereza Černá, Stanislav Heidler, Blanka Heidlerová (Projektteam); Patrik Hábl (Wandmalereien); Brandmark (Orientierungssystem); FUGU (Foliografie, Wandtapeten); Vidox (Generallieferant); Petr Hampl (Stahltreppe); BOCA, (Zementspachtelbeläge); Havwoods (Holzböden & Wandverkleidungen); HOMER Concept & Interiors (Möbel); Adriatik Stone, Bratislava (Steinplatten); Bers Metal (Schlosserarbeiten); ŠVEC Beton (Atypische Betonplatten für Badewannen); Lightworks (Beleuchtungsanbieter); Studio IHOR (Dekorative Kronleuchter); Momenti (Möbelhändler); Alax (Möbelhändler); Bonami (Möbelhändler); Tereza Korbelová (Möbelrestauration)
Bauherr*innen: Anna Gášpárová, Gergely Gášpár
Fertigstellung: 2022
Standort: Po Vodě 106, 381 01 Krumau an der Moldau
Bildnachweis: Václav Novák, Prag (Fotos); Tereza Komárková, Lucie Němcová, Prag (Pläne)
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