Bürogebäude EDGE Südkreuz in Berlin

Smartphone gesteuerte Klimatisierung über die Lüftung

Die Schöneberger Linse erstreckt sich zwischen den Bahnhöfen Schöneberg und Südkreuz, begrenzt durch die S-Bahn-Trasse im Norden sowie den Sachsendamm und die Auffahrt zur A100 im Süden. Bis vor einigen Jahren war das Areal noch ein Unort mit brachgefallenen Bahn- und Gewerbeflächen. Dabei stand der Stadtraum Berlin-Südkreuz bereits seit der Wiedervereinigung im Fokus der bezirklichen Stadtplanung. Das Konzept sah vor, die heterogenen Strukturen in ein lebendiges städtisches Quartier mit einer Mischnutzung aus Dienstleistungs- und Wohnfunktionen umzuwandeln. Allerdings ließen die erwarteten privaten Investoren über 25 Jahre lang auf sich warten. Dies änderte sich mit dem gestiegenen Wohnraumbedarf ab Mitte der zehner Jahre. Von da an ging alles überraschend schnell und nun steht das Entwicklungsgebiet kurz vor der Fertigstellung. Das Büroensemble EDGE Südkreuz nach Plänen von Tchoban Voss Architekten bildet den östlichen Abschluss der Schöneberger Linse und gibt dem nach Hildegard Knef benannten Bahnhofsvorplatz am Südkreuz eine sinnvolle stadträumliche Fassung.

Vier baumähnliche Stelen, die sogenannten Trees, deren Kronen Treffpunkte ausbilden, sind der Blickfang im sieben Meter hohen Atrium.
Das Tragwerk besteht aus einer Kombination von Holz-Beton-Deckenelementen, die auf Brettschichtholz-Fassadenstützen ruhen, während die Wände aus Multibox-Wandelementen bestehen.
Gemeinsam mit den Nutzer*innen wurde eine maßgeschneiderte Bürolandschaft mit wechselnden Atmosphären und Nutzungskonstellationen entwickelt.

Die beiden siebengeschossigen Baukörper, die durch ein gemeinsames Parkdeck im Untergeschoss verbunden sind, unterscheiden sich in Dimension und Kubatur stark voneinander. Direkt an den Hildegard-Knef-Platz grenzt der deutlich kleinere Riegelbau. Den südlichen Abschluss bildet der größere Baukörper, das Carré, auf leicht asymmetrisch-trapezförmigem Grundriss, dessen vier Flügel ein Atrium umschließen. Ein ressourcenschonendes, hölzernes Tragwerk und der Einsatz effizienter Haustechnik verhalfen dem Projekt zu einem DGNB-Zertifikat in Platin sowie einer WELL-Zertifizierung.

Licht, Luft und Bäume

Durch den Haupteingang an der Nordseite des Carrés gelangt man in das sieben Meter hohe Atrium, das mit einer ETFE-Folienkonstruktion überspannt ist, durch die viel Tageslicht hineingelangt. Eindrucksvoll verteilen sich in dem großzügigen Raumvolumen vier sogenannte Trees, stilisierte Bäume, deren aufstrebende Holzlamellenstruktur sich zu Kronen in Form begehbarer Plattformen weitet. Der größte dieser Bäume ist 15 Meter hoch, der niedrigste gut vier. Verbunden sind sie über Treppen, die an Bilder des Künstlers M. C. Escher denken lassen.


Das Atrium dient einerseits als Verteilerfläche, andererseits auch als halböffentliche, repräsentative Begegnungsstätte. Die offene Fläche wird durch die unterschiedliche Gestaltung der Sitzlandschaften in die Bereiche Cafeteria und Co-Working unterteilt. Gestaltet wurde dieser Bereich sowie alle weiteren Innenräume von de Winder Architekten aus Berlin, die gemeinsam mit den Nutzer*innen eine maßgeschneiderte Bürolandschaft mit wechselnden Atmosphären und Nutzungskonstellationen entwickelten.

Leichter Holz-Hybrid

Die Trees verweisen auch auf die Konstruktion des Gebäudes; ein Holz-Beton-Hybrid-Tragwerk. Das Architekturteam legte dabei besonderen Wert auf Nachhaltigkeit und verwendete Materialien, die nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip recycelbar sind und den CO₂-Fußabdruck reduzieren. Das Tragwerk besteht aus einer Kombination von Holz-Beton-Deckenelementen, die auf Brettschichtholz-Fassadenstützen ruhen, während die Wände aus Multibox-Wandelementen bestehen. Insgesamt wurden 3.500 m³ FSC-zertifiziertes Fichtenholz verwendet, um das Gebäudegewicht zu reduzieren und die Dimensionen der Bauteile zu verringern.


Da die Konstruktion im Innenraum überwiegend freiliegt, wird das Holz zum raumprägenden Material im Innenraum, begleitet von weißen Decken- und Wandflächen, hellgrauen Teppichböden und einigen farbigen Akzenten. Wichtig war den Gestaltenden, dass die Deckenträger in den Büros sichtbar bleiben. Diese sind in einem schmalen Abstand von 1,35 Meter angeordnet, wodurch sie fast vierzig Prozent der Deckenuntersicht ausmachen und somit den verfügbaren Platz für die haustechnische Installation deutlich einschränken. Daher wurde ein maßgeschneidertes Deckenelement entwickelt, in dem neben der Lüftung auch die LED-Allgemeinbeleuchtung sowie einige der rund 17.000 Sensoren für die Anwesenheitserkennung und die CO₂-Überwachung zur Steuerung der Frischluftzufuhr untergebracht sind.

Klimatisierung über die Lüftung

Die Klimatisierung der Räume erfolgt über die Belüftung. Die Anlage ist so ausgelegt, dass die Höchsttemperatur der Innenräume im Sommer 26 °C nicht überschreitet. Die Lüftungsrate beträgt 45 m³ pro Stunde pro Person, um die WELL-Zertifizierungsanforderungen zu erfüllen, was etwa der Lüftungsrate der Kategorie II DIN 16798-1 entspricht. Die Abluft wird direkt zu den Lüftungsgeräten auf dem Dach geleitet, ohne Luftumwälzung. Interessant ist die Steuerung des Raumklimas: „Es gibt keinen einzigen Schalter im Gebäude“, erklärt Martin Elze, Assoziierter Direktor beim Buro Happold, das für die Planung der Haustechnik verantwortlich zeichnet, „Alles wird von den Nutzern über eine App auf ihrem Smartphone gesteuert. Wenn man also einen Raum betritt, kann man mit seinem Telefon die Temperatur einstellen.“ Diese intelligente Steuerung ermöglicht es auch, die Temperatur in den Besprechungsräumen bereits vor einem Meeting über das zentrale Buchungssystem festzulegen.

Bei aller smarten Belüftungstechnologie lassen sich jedoch die mit einer MicroShade-Sonnenschutzfolie versehenen Fenster nach wie vor manuell öffnen, damit den Nutzer*innen das Gefühl der Eigenkontrolle über ihr direktes Umfeld bleibt. Die Temperierung des großen Atriums erfolgt über die Kombination verschiedener Kühlsysteme – eine Fußbodenkühlung, die Kühlung über zylindrische Luftauslässe in den Ecken sowie Kühlgeräte, die in den Trees eingebaut sind und die Sitzbereiche auf den Plattformen mit Frischluft versorgen.

Das Gebäude verfügt über einen 7,5 MW-Stromanschluss, was der maximalen Anschlussleistung der städtischen Infrastruktur entspricht. Der maximale Gesamtstrombedarf des Gebäudes im Betrieb wurde auf 6,8 MW errechnet, was wirklich alle Geräte einschließt. Kämen hier noch die 1,5 MW hinzu, die durch die Ladestationen für die 200 Elektroautos vorgesehen sind, würde das die maximal zur Verfügung stehende Leistung überschreiten. Für diesen (eher unwahrscheinlichen) Fall würde die Ladeleistung für die Ladestationen gedrosselt werden. Jedoch befindet sich im Untergeschoss ein zusätzliches Blockheizkraftwerk, das sowohl Wärme als auch Strom produziert. Damit will das Planungsteam bewusst auf das Fernwärmenetz der Stadt verzichten, das in einigen Teilen immer noch mit Kohle befeuert wird. Das BHKW wird mit Biogas betrieben.

Bautafel

Architektur: Tchoban Voss Architekten, Berlin
Projektbeteiligte: ARGE SXB, Südkreuz Berlin ZECH Bau, CREE Deutschland, Rhomberg Systemholzbau vertreten durch ZECH Bau, Berlin (Generalunternehmer); Buro Happold, Berlin (Statik, Haustechnik, Nachhaltigkeitsberatung und Zertifizierung); granz + zecher architekten, Berlin (Kooperation LP 5); de Winder Architekten, Berlin (Innenarchitektur); SMV Bauprojektsteuerung Ingenieurgesellschaft, Berlin (Projektsteuerung); hochC Landschaftsarchitektur, Berlin (Landschaftsplanung); Arup Deutschland, Berlin (Fassadenplanung)
Bauherr*in: SXB S.à r.l. / EDGE
Fertigstellung: 2022
Standort: Hildegard-Knef-Platz 2 und 3, 10829 Berlin
Bildnachweis: HG Esch, Hennef; Mark Seelen Photography, Hamburg

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