Biozentrum der Universität in Basel

Ein Turm für Forschung, Lehre und Austausch

Wo bis 2004 noch ein Gefängnis stand, entsteht mittlerweile ein Campusareal der Universität Basel, das 2029 fertiggestellt werden soll. Die insgesamt über 80 Gebäude der sieben Fakultäten, die bislang über die ganze Stadt verteilt sind, sollen künftig auf fünf Arealen konzentriert werden. Das erste realisierte Bauwerk auf dem neuen Life-Sciences-Campus nordöstlich der Universitätsklinik, auf dem die Fachgebiete Biologie, Biomedizin, Pharmazeutische Wissenschaften und Biosystems Science and Engineering zu finden sein werden, ist das Biozentrum – ein 73 Meter hoher Forschungsturm, der von dem Büro Ilg Santer Architekten entworfen wurde.

Eine Besonderheit des Forschungsturms ist seine fein strukturierte Chromstahlfassade.
In den ersten beiden Geschossen sind die Fassadenbleche über den Fenstern zwecks Belüftung perforiert.
Je nach Lichtsituation variiert die Wirkung der Fassade.

Tragende Fassade

Aus der Ferne gut sichtbar, erhebt sich der fein strukturierte Baukörper aus der eher niedrigen umliegenden Bebauung. Tagsüber schimmert die Chromstahlverkleidung der Fassade silbern, in der Abendsonne nimmt sie einen goldenen Ton an und bei Nacht tritt ihre Gitterstruktur im Kontrast zur Innenraumbeleuchtung, die durch die Fensterreihen nach außen strahlt, deutlich hervor. Konvexe Streifen auf den Blechen sollen sichtbar machen, dass die Fassade des Biozentrums tragend ist. Die Stützen zwischen den Fenstern, die von außen nur dezent angedeutet werden, ragen innen tief in den Raum hinein, wie der Grundriss erkennen lässt. Zusammen mit den vier inneren Erschließungskernen, die das Bauwerk aussteifen, bilden diese vertikalen Stützen und die horizontalen Deckenplatten das Tragwerk des Gebäudes.

Die fest verglasten Kastenfenster sind mit einer Breite von fünf und einer Höhe von drei Metern so groß wie statisch möglich. An den Ecken des Turms treffen auf allen Geschossen jeweils zwei Gläser direkt aufeinander. Während im Erdgeschoss und im ersten Obergeschoss alle Fensteröffnungen dieselbe Höhe haben, sind in in den Ebenen darüber die Eckfenster etwas höher als die übrigen Fenster. Über den beiden untersten Geschossen lassen sich von außen rundherum durchlöcherte Partien im Brüstungsband erkennen, die der Zuluft dienen. Die Fensterelemente sind als vorgefertigte Closed-Cavity-Konstruktion ausgeführt. Durch die Zufuhr von trockener, gereinigter Luft zwischen den Gläsern wird verhindert, dass sich Schmutz oder Kondensat ablagern kann. Als Sonnenschutz fungieren Stofflamellen, die zwischen den Scheiben hängen und sich je nach Sonnenstand automatisiert ausrichten.

Hochgestapelt

Die beengten Verhältnisse im Bestand veranlassten das Planungsteam dazu, in die Höhe zu bauen. Zudem konnten durch den relativ kleinen Grundriss größere Außenräume geschaffen werden. In dem Gebäude stapeln sich in den oberen zwei Dritteln zehn identische Forschungsgeschosse übereinander. Pro Regelgeschoss sind vier Professuren in gleich großen Quadranten untergebracht, die sich um eine langgezogene, gemeinschaftliche Mittelzone gruppieren. Je zwei Geschosse werden durch eine offene Treppe zu einer Forschungseinheit von acht Professuren verbunden. Unter den zehn Forschungsgeschossen fügen sich das kleinteilige Rechenzentrum der Universität, die zentralen Dienste und Übungsräume für Studierende in dieselbe Grundstruktur ein.

Und unterirdisch

Insgesamt fasst der 16-geschossige Turm selbst jedoch nur 60 Prozent des Gesamtvolumens. Die restlichen 40 Prozent befinden sich in den drei ausgedehnten Untergeschossen. Großflächige Hörsäle, Werkstätten und Speziallabore finden unterirdisch Platz. Eine dreigeschossige Eingangshalle stellt die räumliche Verbindung zwischen dem Turm und den Untergeschossen her. Die Halle erfüllt die Funktion eines großzügigen Ankunfts- und Begegnungsortes. Ihre Gestaltung kontrastiert mit der orthogonalen Grundstruktur der oberen Geschosse. Ein lose zusammenhängendes Gefüge aus kreisförmigen Rauminseln und Plattformen, die im Grundriss an Seifenblasen erinnern, schafft auf zwei Ebenen Verbindungen zwischen den vier Kernen.

Akustik: Sprachverständlichkeit sowie Ruhe

Eine Universität ist nicht nur ein Ort, an dem gelernt und geforscht wird, sie ist auch ein Ort des direkten, fachlichen Austauschs von Mensch zu Mensch. Damit die Kommunikation das konzentrierte Lernen nicht beeinträchtigt, ist das Biozentrum räumlich zoniert. In den oberen Geschossen befinden sich entlang der Außenwände die Labore und Büros der Forschenden. Das offen gestaltete Zentrum der Laborgeschosse ist für den informellen Austausch vorgesehen. Je nach Nutzung wurden unterschiedliche akustische Raumcharakteristiken entworfen: Die Lehrräume wurden für Sprachverständlichkeit optimiert, die Raumakustik in den Aufenthaltszonen ist leicht hallig und für konzentriertes Arbeiten wurden gedämpfte Bereiche geschaffen. Gläserne Trennwände sorgen bei visueller Transparenz für eine akustische Abgrenzung der lauten Laborzonen.

Hörsäle und Seminarräume

Eine Besonderheit stellen die Hörsäle und Seminarräume im ersten Untergeschoss dar, die ohne Absorption an der Decke auskommen. Die erste Reflexion über die Decke wird zugunsten der Sprachverständlichkeit voll ausgenutzt. Störende Rückreflexionen werden über schwingende Wandvorsatzschalen als Tieftonabsorber und Vorhänge als Hochtonabsorber unterbunden. Zusammen mit dem breitseitig ausgerichteten Grundriss der Räume tragen die akustischen Maßnahmen zu einem unmittelbaren Kontakt der Vortragenden mit dem Publikum bei.

Dreigeschossige Eingangshalle

In der Eingangshalle sorgt eine perforierte Gipslochdecke für eine angenehme Raumakustik, die als Druckdecke auch Entrauchung und Abluft führt und dabei als kompositorisches Deckenbild den Raum prägt. Auch die Unterseiten der kreisförmigen Plattformen und Zwischenebenen sind perforiert. Eine gläserne, gebogene Glasbrüstung wurde auf den erhöhten Ebenen als Absturzsicherung eingebaut. Vereinzelt sind diese gläsernen Brüstungen bis zur Decke hochgezogen, wodurch geschlossene kreisrunde Räume ausgebildet werden. Im Inneren dieser Räume hängen weiße, transluzente Vorhänge vor den Glaswänden, die zum einen vor Blicken schützen und zum anderen als Hochtonabsorber der Schallhärte des Glases entgegenwirken.

Vorhänge kommen auch in der Mittelzone der Forschungsgeschosse zum Einsatz. Mithilfe von opaken, akustisch wirksamen Textilien können in der offen gestalteten Zone flexibel Seminarräume abgetrennt werden. Die himmelblauen Vorhänge mit Farbverlauf bilden einen optischen und haptischen Kontrast zum umgebenden Grau des Sichtbetons. Des Weiteren finden in den oberen Geschossen Kühldeckensegel Verwendung, welche die Schreibnischen zonieren und kühlen. -np

Bautafel

Architektur: Ilg Santer Architekten, Zürich
Projektbeteiligte: B+P Baurealisation, Zürich und Basel (Bauleitung); Aerni+Aerni, Zürich (Bauingenieure); Krebs und Herde, Winterthur (Landschaftsarchitektur); Stokar+Partner, Basel (Gebäudetechnik); Amstein+Walthert, Bern (HLKK-Planung); Pöyry Infra, Bern und HK & T Kannewischer, Bern (Sanitär); IBG B. Graf, Baar (Elektro); Jobst Willers, Rheinfelden (Gebäudeautomation);  AFC Air Flow Consulting, Zürich und Basel (Brandschutz); GKP, Aadorf (Fassade); Licht Kunst Licht, Bonn (Lichtplanung); Christoph Büchel, Basel und Lang Baumann, Burgdorf (Kunst am Bau); Dr. Heinekamp, Basel (Laborplanung); Bakus, Zürich (Bauphysik und Akustik)
Bauherr/in: Kantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft, vertreten durch das Hochbauamt Basel-Stadt
Fertigstellung Biozentrum: 2020
Fertigstellung Life-Sciences-Campus (geplant): 2029
Standort: Spitalstraße 41, 4056 Basel, Schweiz
Bildnachweis: Felix Krumbholz, Frankfurt am Main; Ana Skobe, Zürich; Ilg Santer Architekten, Zürich

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