Besucherzentrum für Ightham Mote bei Kent
Hanfbeton und Holzskelett
Das mittelalterliche Herrenhaus Ightham Mote zählt zu den bedeutendsten und ältesten der englischen Grafschaft Kent. Es gehört zum Gebäudebestand der britischen Denkmalpflegeorganisation National Trust. Als Denkmal vom Typ Grade I ist das Gebäude von außergewöhnlichem architektonischem oder historischem Interesse. Um den stark gestiegenen Besucherzahlen zu begegnen, konzipierte das Londoner Architekturbüro Reed Watts Architects ein eigenständiges Empfangsgebäude mit Shop. 2024 war es fertiggestellt.
Ightham Mote stammt aus den 1340er-Jahren und liegt in der Nähe von Sevenoaks im Südosten Englands. Die Anlage wurde über die Jahrhunderte nur sehr behutsam verändert, sodass ihr mittelalterlicher Kern bis heute weitgehend erhalten blieb. Es ist von einem Wassergraben umgeben und besteht aus mehreren Gebäuden, die um einen zentralen Innenhof angeordnet sind. Außerdem gehören Gärten, Seen und Waldwege zum Anwesen.
Das Neubauprojekt ist Bestandteil des Ightham Mote Infrastructure Projects des National Trusts und wurde von Reed Watts Architects in Zusammenarbeit mit den Landschaftsarchitekten von Colvin & Moggridge geplant. Neben Verbesserungen bei der Landschaftsgestaltung wurden nachhaltige Entwässerungssysteme sowie neue Parkplätze vorgesehen. Das Empfangsgebäude ersetzt ein provisorisches Gebäude und nimmt auch den Museumsshop auf, der sich zuvor im historischen Kutschenhaus befand. Über mehrere Jahre hinweg entwickelten die Teams von Ightham Mote, Colvin & Moggridge und einem erweiterten Planungsteam, darunter Ingenieur*innen und Denkmalschutzberatende, das Projekt. Dabei prüften sie verschiedene Standorte und Gebäudekubaturen und untersuchten Zugänglichkeit und Erkennbarkeit. Zugleich galt es, Hochwasserrisiken und mögliche archäologische Funde zu berücksichtigen.
Klar strukturiertes Inneres
Der Neubau befindet sich zwischen den Parkplätzen und den historischen Gartenanlagen. Hier mündet eine kleine Vorfahrt, an der auch ein Café gelegen ist. Die üppig bewachsene Gartenmauer schirmt das Empfangsgebäude ab. Zwei Durchgänge geben den Blick auf die rotorange gefassten Eingangstüren zur Rezeption und zum Shop frei. Der rechteckige Grundriss ist klar in drei Zonen gegliedert: Im mittleren großen Raum befindet sich der Shop. Zum Anwesen hin, auf der Westseite, schließen die Rezeption und eine überdachte Terrasse an. Auf der anderen Seite des Gebäudes sind ein Büro und ein Lagerraum sowie eine Teeküche und ein WC für die Mitarbeitenden gruppiert.
Kalk und Holz an der Fassade
An der Ostseite schließt ein Anbau die Lücke zur Gartenmauer, während die Schmalseite an der Rezeption verglast ist. Die Längsseiten zeigen mit hellem Kalkputz versehene Wände, gegliedert mit aufgesetzten Holzleisten und stellenweise einer vertikalen Schalung aus lokalem Edelkastanienholz. Ein einziges rundes Fenster befindet sich auf der Gartenseite. Für natürliche Belichtung sorgt überwiegend die in der Dachmitte aufgesetzte, längliche Laterne mit ihrem umlaufenden Fensterband. Durch die somit insgesamt niedrige Silhouette bettet sich das Empfangsgebäude unauffällig in das Anwesen ein.
Holzskelett hinter Hanfkalkwänden
Hinter dem Kalkputz der Längsseiten befindet sich jeweils eine monolithische Mauerwerkswand aus 400 mm dicken Hanfkalksteinen. Raumseitig sind sie mit einem dünnlagigen, feuchteabsorbierenden Kalkanstrich versehen. Die Wände an der östlichen Schmalseite sind als Holzständerwerk mit Zwischendämmung ausgebildet. Innerhalb der Mauern befindet sich das primäre Tragwerk, ein Skelettbau aus Brettschichtholz und Vollholz. Um die Dimensionen der einzelnen Holzquerschnitte schlank zu halten und unerwünschtes Setzungsverhalten zu minimieren, führten die Tragwerksplaner von Price & Myers die Hauptstützen und -träger als gepaarte Elemente aus. Die Verbindungen wurden überwiegend als klassische Holz-in-Holz-Knoten ausgeführt. Stahllaschen und Flanschplatten kamen nur verdeckt und nur an hochbelasteten Anschlüssen zum Einsatz.
Die Hanfkalksteine werden aus Nebenprodukten der Hanfverarbeitung hergestellt und helfen, Akustik, Temperatur und Luftfeuchtigkeit im Gebäude passiv zu regulieren. Durch die vorgefertigten Blöcke ließ sich Bauzeit verkürzen und der Eintrag von Prozessfeuchte in das Holztragwerk verhindern. Im Gegensatz dazu hätte das In-situ-Verfahren, bei dem Hanfkalk flüssig in eine Schalung gestampft wird und wochenlang aushärten muss, wesentlich mehr Zeit beansprucht. Die Blöcke wurden mit einem speziellen Dämmkalkmörtel gemauert, dessen Wärmeleitfähigkeit dem Hanfkalk angepasst ist. Dadurch entsteht eine homogene, weitgehend wärmebrückenfreie Gebäudehülle. Bei den Dachanschlüssen und an geometrischen Übergängen wurden flexiblere Hanffaserdämmmatten eingesetzt.
Bauphysikalische und ökologische Vorteile
Die kapillaraktive Struktur des Kalkanstrichs und der Hanfbetonblöcke sorgt dafür, dass das Mauerwerk Feuchtigkeitsspitzen – hervorgerufen durch wechselnde Besucherzahlen – aufnimmt und zeitversetzt wieder abgibt. Auf Folien, Dampfbremsen oder synthetische Abdichtungsbahnen konnte im Wandaufbau vollständig verzichtet werden. Weiterhin kommt es zu einer Phasenverschiebung während heißer Sommertage: Das Gebäude heizt sich tagsüber sehr langsam auf. Nachts kann kühle Luft über motorisch gesteuerte Fensterflügel in der Laterne einströmen und das Gebäude wird passiv gekühlt. Neben der natürlichen Belüftung sorgt eine Luftwärmepumpe dafür, den CO2-Ausstoß im Betrieb zu senken.
Bautafel
Architektur: Reed Watts Architects, London
Projektbeteiligte: Price & Myers (Tragwerksplanung); Colvin & Moggridge, Filkins (Landschaftsarchitektur)
Bauherr: National Trust
Fertigstellung: 2024
Standort: Ightham, Sevenoaks TN15 0NT, Vereinigtes Königreich
Bildnachweis: Fred Howarth (Fotos), Reed Watts Architects (Pläne)
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