Ausbauhaus in Berlin

Vorvergraute Holzfassade mit roten Vorhängen

Schon Le Corbusier hatte es propagiert, Frei Otto bei der IBA Berlin mit seinen Baumhäusern verfolgt, doch erst jetzt scheint es sich allmählich durchzusetzen – das Prinzip des Ausbauhauses: ein schnell errichtetes, auf Langlebigkeit ausgelegtes Tragsystem wie ein Regal, das Eigentümer*innen dann nach ihren Bedürfnissen „fertigbauen“ können. In Berlin hat das Büro Praeger Richter in einer Neubau-Blockrandstruktur auf dem Areal Schöneberger Linse, direkt westlich des Bahnhofs Südkreuz, ein solches Ausbauhaus erstellt. Die Architekturschaffenden konnten dabei auf Erfahrungen aus mehreren anderen Projekten zurückgreifen.

Das siebengeschossige Wohnhaus gab eine Baugruppe in Auftrag.
Rote Vorhänge und vorvergraute Lärchenschalung prägen die Fassade.
Die schmalen, über die gesamten Hausbreite verlaufenden Austritte weiten sich an zwei Stellen zu Balkonen.

Differenziert wird bei dem in Holzhybridbauweise errichteten, insgesamt siebengeschossigen Gebäude zwischen drei unterschiedlichen Lebenszyklus-Bereichen, entsprechend ihrer erwartbaren Lebensdauer: 

  • eine langlebige, robuste und an vielen Stellen roh belassene Stahlbeton-Tragstruktur, bestehend aus Brandwänden, Decken und Erschließungskern
  • eine rückbaubare Fassade
  • ein umbaufähiger, verbundstofffreier Innenausbau, welcher in der Regel den kurzlebigsten Teil eines Gebäudes darstellt

Eingeplante Demontage

Bereits im Hinblick auf spätere Umbauten wurde deshalb der Innenausbau als trockene und größtenteils verbundstofffreie Konstruktion aus nachwachsenden Rohstoffen ohne Verkleben und Verspachteln ausgeführt. Beispielsweise wurden die Holzständer der Innenwände auf schwimmend verlegte Rohböden gestellt und mit Lehmbauplatten und schweren Massivholzplatten beplankt. Die Oberflächen sind weitgehend unbehandelt, die Materialien sicht- und lösbar verschraubt, gelegt oder gesteckt. Entsprechend können sie zerstörungsfrei demontiert und so von den Bewohner*innen als „Materiallager“ genutzt werden. Diese Differenzierung nach Lebensdauer folgt dem Prinzip: je kurzlebiger die Bauteile, desto einfacher demontier- und wiederverwendbar.

Wohnen, Arbeiten und Gemeinschaft

Unter dieser Prämisse wurden für die auftraggebende Baugruppe auf fünf Geschossen dreizehn Eigentumswohnungen und drei förderfähige Wohnungen zwischen 38 und 130 Quadratmetern realisiert. Es handelt sich um Zwei- und Drei- bzw. Fünfzimmerwohnungen, die als Zwei- bis Vierspänner organisiert sind. Hinzu kommen zwei kleinere Wohneinheiten und eine gemeinschaftlich nutzbare Gästewohnung im zurückgestaffelten, sechsten Obergeschoss. Im 4,50 Meter hohen Erdgeschoss, teils mit eingezogener Galerie, sind Schulungsräume und ein Kiezwohnzimmer mit Atelier untergebracht.

Sonnenschutz aus der Landwirtschaft

Das auffälligste Element der Gebäudehülle sind wohl die außenliegenden, roten Vorhänge. Bei dem Textil handelt es sich um ein beständiges, üblicherweise in der Landwirtschaft eingesetztes Material. Der ansprechende Low-Tech-Sonnenschutz wurde kombiniert mit einer sägerauen, vorvergrauten Lärchenholzschalung und bodentiefen, schwellenfreien Holzfenstern. Davor verlaufen über die gesamte Hausbreite hinweg mit Stahlgeländern versehene Betonbänder, die als Austritte dienen. An zwei Stellen weiten sie sich zu gut drei Meter tiefen Balkonen – teils vorkragend, teils loggiaartig eingeschnitten.

Hülle mit Blick in die Zukunft

Die Fassade ist als rückbaubare und recycelbare Holzkonstruktion ausgeführt. Hinter der hinterlüftet geschraubte Lärchenschalung befindet sich eine Unterdeckholzfaserplatte, darunter die Konstruktionsebene aus Holzständerwerk mit Holzfaser-Einblasdämmung. Innenseitig ist eine Grobspanplatte auf die Ständer aufgebracht, auf die eine Luftschicht und eine freistehende Holzfaser-Vorsatzschale mit Klemmfilz folgen und als innerer Abschluss eine Dreischicht-Massivholzplatte. Diese Lösung hat zwar zu deutlich höheren Kosten geführt, spart aber langfristig gesehen potenzielle Umbau- und Entsorgungskosten. Schließlich bleibt so wertvolles, wiederverwendbares Baumaterial erhalten.

Bautafel

Architekten: Praeger Richter Architekten, Berlin
Projektbeteiligte: Henri Praeger, Jana Richter, Tamara Granda, Philipp Dittus, Paul Zöll, Andreas Friedel, Max Mütsch (Projektteam Architektur); L.I.S.T. Projektsteuerung, Berlin und Müller Rose Projektsteuerung, Berlin (Projektsteuerung); Steffen Janitz Ingenieure, Guben (Tragwerksplanung); PSW Ingenieure, Berlin (TGA-Planung); Akustikbüro Moll, Berlin (Akustik); Hutterreimann Landschaftsarchitektur, Berlin (Freiflächen); CLKT Ingenieure, Berlin, (Energieplanung und -beratung); Praeger Richter Architekten, Berlin / Ing. Helmuth Bachmann, Berlin (Brandschutz)
Bauherr: Baugruppe Südkreuz 86
Fertigstellung: 2022
Standort: Gotenstraße 45, 10829 Berlin
Bildnachweis: Lindsay Webb, Berlin und Andreas Friedel, Berlin (Fotos); Praeger Richter Architekten, Berlin (Pläne)


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Materialien

Holz

Lacke schützen besonders gut vor UV-Licht, überdecken aber die holztypische Oberflächenstruktur.

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Materialien

Holz: Oberflächenbehandlung

Feststehende, mit Keramik bestückte Vertikallamellen am Clay-Museum in Middlefart; Architektur: Kjaer & Richter, Aarhus

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Sonnenschutz außen

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