Aufstockung für ein Büro in Berlin-Neukölln
Grafische Schattenspiele durch Betonrippen
Im Berliner Stadtteil Neukölln realisierten Atelier Zafari eine Aufstockung für den historischen Bestand einer Fabrik aus der vorletzten Jahrhundertwende. Der im Hinterhof verortete, fünfgeschossige Bau folgt bereits einer Büronutzung und erhielt nun eine aufsehenerregende Krone gleicher Bestimmung. Ein Seitenflügel des Vorderhauses erstreckt sich entlang der Brandwand zum Nachbargrundstück in den Hof. Davon ausgehend schließt ein Querhaus mit fast quadratischem Grundriss an und unterteilt den Freiraum in zwei Innenhöfe. Die oberste Etage dieser T-förmigen Struktur ließen die Architekt*innen von Grund auf neu errichten. Dabei werden die Lasten über die darunterliegenden Außenwände des Bestandsgebäudes sowie über Stahlbetonbalken, die eigens in die Decke und den Boden des Seitenflügels integriert wurden, in die tragende Brandwand abgeleitet.
Ausgeklügelte Raumkonfiguration
Die nahezu symmetrische Raumverteilung erlaubt fließende Übergänge
und eindrucksvolle Verbindungen zwischen den Funktionen sowie innen
und außen. Die Erschließung erfolgt über den zweiten Innenhof und
damit über eines von zwei bestehenden Treppenhäusern im
Seitenflügel. Der vom ersten Hof aus erreichbare Treppenkern dient
der aufgestockten Einheit lediglich als zweiter Rettungsweg.
Dazwischen spannt sich im Seitenflügel ein außenliegender Korridor,
der direkt entlang der Brandwand verläuft. Er mündet in einer
Treppe, die zu einer Dachterrasse oberhalb der aufgestockten Ebene
führt. Seitlich durch weit öffnende Glastüren verbindet sich der
Korridor mit dem Empfang, von dem aus links und rechts je zwei
kleinere Nebenräume und Bäder anschließen.
Der vom Empfang ausgehende Hauptraum, der die gesamte Ebene des Querhauses einnimmt, bildet das eigentliche Highlight. Das Volumen wird dabei von einer Rahmenkonstruktion aus 20 Betonrippen umhüllt. Die 30 Zentimeter dicken Balken und Streben sind aus einem Guss in Sichtbeton ausgeführt und weisen den gleichen Abstand wie ihre Breite auf. Dadurch entsteht eine uniforme Raumhülle, die jedoch zu jeder Tageszeit einen anderen Eindruck vermittelt. Denn die seitlichen Schrägen – die mit ihrer 70-Grad-Neigung den baurechtlich vorgegebenen Dachflächen entsprechen – sind von außen in eine Stahl-Glas-Konstruktion gehüllt. Die schmalen Pfosten verlaufen genau über den Rippen, sodass sie von innen nicht sichtbar sind.
Licht gestaltet den Raum
Der Lichteinfall hingegen ist spektakulär. Die nach West und Ost
ausgerichteten Fassaden erlauben durch die Verglasung und das
rhythmische Spiel der Betonelemente zu jeder Tageszeit einen
unterschiedlichen Schattenverlauf im Raum. So ist dieser einerseits
durch eine homogene Gestaltung bestimmt – die jeweils über 12 Meter
spannenden Rippen münden in einem Estrichboden – andererseits
durch vielseitige Licht- und Öffnungskonfigurationen sehr
abwechslungsreich beschaffen. Das loftartige Volumen schließt mit
einer Giebelwand als Brandwand ab. Nach Osten befindet sich mitten
im Raum auch ein direkter Zugang zum Aufzug, der aus dem zweiten
Innenhof ankommt. Einzig hier brechen die Rippen mit dem gewohnten
Bild und bilden eine Art Gaube aus. Da die Bodenbalken im
Seitenflügel einen relativ hohen Bodenaufbau erforderten, ergibt
sich zum Querhaus ein Stufenabsatz, der den Hauptraum seinerseits
zoniert.
Vorgefertigte Schalungselemente für die Rippen aus
Ortbeton
Die große Spannweite, brandschutztechnische Gründe sowie
gestalterische Aspekte spielten bei der Materialwahl eine Rolle.
Die Hauptträger der Decke im Seitenflügel sind ebenfalls aus Beton,
die Nebenträger jedoch aus Holz errichtet. Für die Konstruktion der
Betonrippen wurde zunächst auf die tragende Außenwand des
Bestandsgebäudes ein Ringbalken betoniert, an dem die Rippen
anschließen. Im Ringbalken sind parallel dazu Flachstähle
eingespannt, die schwebend über dem Bestandsboden die Zugkräfte der
Konstruktion aufnehmen. Diese sind unter dem Bodenaufbau verborgen.
Die eindrucksvollste Raumkomponente ist mittels vorgefertigter
Schalungselemente entstanden, die die Zwischenräume zwischen den
späteren Rippen füllen. Unterhalb verlief eine durchlaufende,
geschlossene Fläche aus Schaltafeln. Auf eine Fase in der Schalung wurde
verzichtet, sodass die Konstruktion bewusst scharfkantig blieb.
-sab
Bautafel
Architektur: Atelier Zafari, Berlin
Projektbeteiligte: Ingenieurbüro Knut Jürgen Meyer, Calau (Tragwerksplanung); Abakus Ingenieurbau, Berlin (Rohbauunternehmen); Peri, Weißenhorn (Schalungselemente)
Bauherrin: Immobiliengesellschaft Huber im Tal, München
Standort: Mainzer Straße 39, 12053 Berlin-Neukölln
Fertigstellung: 2023
Bildnachweis: Werner Huthmacher, Studio Wesely