Am Postbahnhof 15 in Berlin

Grüne Speicher zwischen Schienen

Nahe dem Berliner Ostbahnhof, wo einst Briefe und Pakete umgeschlagen wurden, befindet sich heute ein Unternehmenscampus mit Büro- und Gewerbeflächen. 2024 erweiterte ein Neubau den denkmalgeschützten Postbahnhof um weitere Arbeitsräume sowie Gastronomie, eine Tiefgarage, Fahrradstellplätze sowie Fitness- und Umkleideräume. Knapp 25.000 m2 Bruttogeschossfläche kamen auf dem 7.800 m2 großen Grundstück Am Postbahnhof 15 hinzu. Die Freiraumgestaltung übernahmen Levin Monsigny Landschaftsarchitekten.

Das Areal befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Berliner Ostbahnhof.
In den vergangenen zehn Jahren hat sich das Umfeld stark verändert.
Direkter Nachbar ist der Spreeturm, ein zwanziggeschossiges Bürohochhaus.

Noch im frühen 20. Jahrhundert war der Postbahnhof ein zentraler Knotenpunkt des Bahnpostverkehrs. Der Neubau ist Teil der tiefgreifenden Transformation, die das Umfeld des Ostbahnhofs seit rund zehn Jahren durchläuft. Entstanden ist dabei das Stadtquartier Mediaspree – eines der größten Investorenprojekte Berlins. Den wiedererkennbaren Kern des Areals bilden die Reste des 1907 in Betrieb genommenen Logistikknotens. Große Teile des Areals stehen unter Denkmalschutz. Ziel der Erweiterung war es, nicht nur den Bestand zu erhalten, sondern ihn aktiv in die neue Nutzung zu integrieren.

Alt und neu verschmolzen

Von außen erscheint der Bau als kraftvoller, industriell geprägter Körper. Die Gebäudekubatur ist klar strukturiert und in den oberen Geschossen gestaffelt, mit begehbaren, begrünten Dachterrassen. Markante, kreuzförmig ausgebildete Betonstützen und großzügige Geschosshöhen prägen die Fassaden und knüpfen visuell an die historischen Hallen des Postbahnhofs an. Besonders sticht das ehemalige Bahnviadukt heraus, dessen Dach in eine begrünte Terrasse verwandelt wurde. Zu dem Ensemble gehören außerdem ein Wasserturm und eine Lok-Drehscheibe, die in die Freianlagen eingebunden ist.

Anpassungsfähiges Inneres

Großzügig und offen wirkt das Innere. Die fassadennahen Bereiche sind weitgehend frei von technischen Installationen, wodurch helle, lichte Arbeitszonen entstehen. Weite Teile der Gebäudetechnik sind in den Erschließungskernen in der Grundrissmitte konzentriert, während Lüftung und Kühlung über den Boden erfolgen. Dachterrassen erweitern die Bürogeschosse um Aufenthaltsflächen im Freien. Dabei fungiert das Viadukt als besondere Schnittstelle zwischen Architektur und Landschaft: eine erhöhte, begrünte Promenade, die den Bürokräften zugänglich ist. Der Garten um die Lokdrehscheibe ist derzeit noch öffentlich zugänglich.

Begrünte Infrastruktur

Eine der auffälligsten Besonderheiten ist die konsequente Integration historischer Infrastrukturen. Die ehemalige Lok-Drehscheibe und die originalen Gleisverläufe bleiben nicht nur erhalten, sondern werden aktiv als Gestaltungselemente eingesetzt. Als gestalterisches Leitmotiv dienen die wiederverlegten Schienen, die sich gleichermaßen durch Pflaster und Pflanzbereiche ziehen. 6.400 m2 oder ca. 82 Prozent des Grundstücks sind versiegelt. Auch die intensive Begrünung auf verschiedenen Ebenen – vom Viadukt bis zu den Dächern – schafft eine „grüne Oase“ innerhalb des stark verdichteten Stadtquartiers. Gräser- und Staudenpflanzungen schaffen eine unerwartet weiche, landschaftliche Atmosphäre im Kontrast zur massiven Architektur.

Dachbegrünung und Regenwassermanagement

Ein zentrales Element der Landschaftsarchitektur ist das hochentwickelte Regenwassermanagement. Rund 91 Prozent der Dachflächen sind als Retentionsdächer ausgebildet. Diese speichern Niederschläge, verzögern deren Abfluss und stellen Wasser für die Vegetation bereit. In dem kaskadenartigen System wird das Wasser zunächst auf den Dachflächen gesammelt und dann über mehrere Ebenen weitergeleitet, bis es schließlich in einer etwa 30 cm starken Retentionsebene auf dem Viadukt gespeichert wird. 

Die Retentionsebene kann bis zu 360 m3 Wasser aufnehmen. Zusätzlich werden bis zu 220 m3 auf den übrigen Dachflächen zurückgehalten. Dadurch reicht eine vergleichsweise kleine Zisterne mit 30 m3 Volumen aus, um die automatisierte Bewässerung der Vegetation zu unterstützen. Gesteuert wird das System von einer intelligenten Abflussregelung („Smart Flow Control“), die den Wasserabfluss gemäß Wetterprognosen reguliert und das Nachfüllen der Zisterne steuert. Somit lässt sich vollständig auf eine Versickerung und einen Anschluss der Dachflächen an die Regenwasserkanalisation verzichten. 

Außerdem sind lediglich etwa 1.000 m2 der Grundstücksfläche mit ihr verbunden. Stattdessen wird das Regenwasser in den Optigrün Retentionsboxen gespeichert und über Kapillarbrücken gleichmäßig an die Vegetationsschichten abgegeben. Diese Technik ermöglicht eine kontinuierliche Versorgung der Pflanzen und verbessert per Verdunstung gleichzeitig das Mikroklima auf dem Gelände.

Bautafel

Landschaftsarchitektur/Freiraumplanung: Levin Monsigny Landschaftsarchitekten, Berlin
Projektbeteiligte: Econcept und Minerva, Berlin (Projektentwicklung); eqviva Projektbetreuung, Berlin(Projektumsetzung); &MICA, Berlin (Bauantrag und Entwurf); driessen architekten, Berlin (Ausführungsplanung); kwp architekten, Berlin (Bauüberwachung Hochbau) ; Reinhold Fehmer, Falkensee (Ausführender Galabau-Betrieb); Optigrün (Retentionsdach); Ingenieurbüro Irriproject, Potsdam (Bewässerung und Wassertechnik)
Bauherr*in: Postbahnhof Development
Fertigstellung: 2024
Standort: Am Postbahnhof 15, 10243 Berlin
Bildnachweis: Levin Monsigny Landschaftsarchitekten, Berlin (Pläne)

BauNetz Architekt*innen

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Der Kapillareffekt bezeichnet die Fähigkeit von Vliesen und dem Substrat, Wasser aus unteren Schichten des Dachaufbaus vertikal nach oben zu transportieren und es horizontal zu verteilen.

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