Temporäre Kirche in Bad Nauheim

Bildergalerie | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 |

Holzrahmen und Plexiglas

Temporäre Bauten mit verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten spielen eine immer größere Rolle in der Architektur - mobile Kirchen sind allerdings eher die Ausnahme. An einen solchen temporären Ort der Besinnung wagte sich das Team des Darmstädter Architekturbüros Raum-z mit seiner Lichtkirche. Bauherr ist die evangelische Kirche Hessen und Nassau, erster Einsatzort des mobilen Baus ist seit April 2010 die Landesgartenschau in Bad Nauheim. Dort ist sie bis Oktober 2010 als Ort der Meditation und Besinnung zu bewundern; zudem finden zahlreiche kirchliche Veranstaltungen und Gottesdienste dort statt.

Die Architekten greifen mit ihrem Konzept auf die Symbolik des Lichts zurück, das seit je her eng mit der christlichen Glaubenslehre verbunden ist. Nicht nur an Ostern oder Weihnachten spielt Licht eine große Rolle, auch die sakrale Architektur ist geprägt vom Lichteinfall durch Fenster, deren Farben und Schattenspiele den Innenräumen der Gotteshäuser eine besinnlich-spirituelle Atmosphäre verleihen.
 
Die LichtKirche besteht aus einem Trägerwerk mit 14 hintereinander stehenden Holzrahmen, deren Außenseiten mit satinierten Acrylglasplatten gedeckt sind. So korrespondiert das Gebäude je nach Tageszeit über die unterschiedlichen Lichtsituationen mit seiner Umgebung. Tagsüber wirkt es als transluzente Gebäudeskulptur: Durch das hindurch scheinende Tages- und Sonnenlicht werden auf der Außenseite Silhouetten aus dem Innenraum sichtbar, umgekehrt zeigen sich auf der Innenseite die Schattenspiele der jeweiligen Umgebung. Finden abends keine Veranstaltungen statt, ist die Kirche geschlossen und strahlt von innen über LED-Strahler in hellem monochromen Weiß. Bei abendlichen Veranstaltungen variiert die Lichtgestaltung: Ruhige Zeremonien werden indirekt und gedämpft über die Fuge zwischen Boden und Außenwand beleuchtet, zu besonderen Anlässen wird das Haus zum Licht- und Tonkunstwerk mit leuchtenden Farben, geregelt über eine PC-Steuerung.

Die Lichtsymbolik wird unterstützt von einer zurückhaltenden Geometrie in Anlehnung an den Archetypus des christlichen Sakralbaus. Das 13 Meter lange und 4,3 m breite Gebäude, dessen Fundament und Unterkonstruktion aus einem Stahlträgerrost unter dem Holzboden bestehen, bildet mit seinen Giebeln den Eingangs- und Altarraum. Auf farbigen mobilen Sitzmöbeln haben 40 Menschen Platz, stehend können 70 Personen an Veranstaltungen teilnehmen. Der Altar im Innenraum ist fest installiert. Die nach außen offene Apsis des Kirchenschiffs verfügt außerdem über einen zweiten Altar, der als Mittelpunkt für größere Veranstaltungen im Außenbereich genutzt werden kann. In die Kirche eingeschoben ist ein drei Meter hoher Körper aus Schichtholzplatten, der als Sakristei genutzt wird. Er trennt zugleich Innen- und Außenraum der Kirche voneinander und sorgt für Abstand zwischen den beiden Altären.

Das Gebäude ist als fliegender Bau konzipiert, der an verschiedenen Standorten auf- und abgebaut werden kann. Die Bauteile sind transportabel und werden zwischenzeitlich eingelagert, maximale Produktions- und Transportmasse bestimmten die Konstruktion mit.
 
Dach
Das Tragwerk des Gebäudes mit seinen 14 Holzrahmen ist von innen und außen gut sichtbar und prägendes Gestaltungselement. Jeder Rahmen ist etwa acht Meter lang und aus einem Stück gefertigt. Am Giebel und an den Fußpunkten sind die Rahmenverbindungen mit Stahlverbindungen gefügt. Die unbehandelten Rahmenelemente haben an den Fuß- und Firstpunkten einen Querschnitt von 80/200 mm, die Rahmeneckpunkte 80/400 mm.

Die Felder zwischen den Holzrahmen sind einen Meter breit und mit satinierten, durchscheinenden Acrlyglasplatten gedeckt. Im Bereich des Daches sind die Platten 5 x 1 m groß und 10 mm stark. Der gesamte Bau ist acht Meter hoch; die Apsis des Kirchenschiffs wurde bewusst offen gelassen, so dass der Wind durch das Gebäude streichen kann und der Außenbereich bei Veranstaltungen spürbar bleibt. Durch die Hülle aus transluzenten Plexiglasscheiben erhält die Lichtkirche tagsüber ihren durchscheinenden Charakter und erstrahlt über Nacht von innen heraus.

Bautafel

Architekten: Raum-z Architekten, Darmstadt
Projektbeteiligte: Osd Ingenieure, Frankfurt /Main (Tragwerksplanung); Finnforest Merk, Aichach (Holzbauarbeiten); Birkholz Kunststoffwerk, Heppenheim (Kunststoffarbeiten)
Bauherr:
Evangelische Kirche Hessen und Nassau
Fertigstellung: 2009
Bildnachweis: Raum-z Architekten, Darmstadt