Autobahnkirche Siegerland in Wilnsdorf

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Gesteckte Holzrippendecke aus 650 Einzelteilen

Wer auf deutschen Autobahnen unterwegs ist, dem sind bestimmt schon einmal die Hinweisschilder mit der stilisierten Kirche aufgefallen, die auf eine solche aufmerksam machen. Schneider und Schumacher Architekten aus Frankfurt kennen sie auf jeden Fall, denn sie nahmen das Piktogramm zum Vorbild für eine Holzkirche auf dem Autohof Wilnsdorf an der A 45 südlich von Siegen. Ihr markanter Entwurf überzeugte schon die Jury eines 2009 ausgelobten Wettbewerbs. Vier Jahre später wurde die Autobahnkirche eingeweiht. Sie ist bundesweit die 40. ihrer Art und wurde ausschließlich aus Spenden finanziert.

Mit ihrer strahlend weißen Hülle und der abstrahierten Silhouette eines urtypischen Kirchenbaus lädt sie die Autofahrer zum Verweilen ein. Der Architekt Michael Schumacher formuliert es so: „Die äußere Form ist abstrakt, signalisiert aber distanzlos direkt, ich bin eine Kirche!“ Diese Deutlichkeit ist auch notwendig, muss sich das Bauwerk doch in einem Umfeld aus Spielhalle, Tankstelle, LKW-Waschstraße, Hotel und Fast-Food-Restaurant behaupten.

Auf einem abfallenden Gelände errichtet, besitzt das Gebäude einen quadratischen Grundriss mit einer Seitenlänge von 14 Metern. Von außen zeigt es sich mit einer komplex gefalteten Hülle, aus der zwei diagonal einander gegenüberliegende Türme mit jeweils dreieckiger Grundform herausragen. Der Zugang von der Raststätte erfolgt über eine rampenförmige Erschließungsbrücke. Sie ist beidseitig von zwei Mauern gefasst, die von Bodenniveau aus ansteigend und spitz aufeinander zulaufend, sich im Gebäude treffen und an ihrem Ende ein Eingangsportal bilden.

Die Außenwände der Kirche sind in Holzständerbauweise errichtet, das Dachtragwerk besteht aus einer Holzbinderkonstruktion. Innen- und Außenseiten sind mit OSB-Platten verkleidet, der Zwischenraum ist gedämmt. Die Brückenwände sind ebenfalls eine Holzkonstruktion mit OSB-Beplankung, lediglich der Brückenboden besteht aus Stahlträgern. Ein hoher Vorfertigungsgrad und die Verwendung eines vereinfachenden Montagesystems sorgten für eine kurze Bauzeit. Nachdem der Rohbau errichtet war, wurde er komplett und einschließlich der Verbindungsbrücke mit einer weißen Polyurethan-Sprühabdichtung beschichtet. Sie verleiht der Kirche nicht nur ihr homogenes Erscheinungsbild, sondern schützt sie auch vor Feuchtigkeit und äußerer Beanspruchung.

Eine Überraschung erwartet die Besucher im Inneren der Kirche. Statt kantig und weiß, wirkt der Raum mit seinem filigranen, honigfarbenen Holzgewölbe wie eine bergende Höhle. Zum Altar hin öffnet sie sich zu einer weißen Nische, die einzig von den verglasten Innenseiten der Türme indirektes Licht erhält. Bei der Entwicklung des Innenraums erarbeiteten die Architekten aus einem zweidimensionalen Grundriss einen hochkomplexen dreidimensionalen Baukörper. Dessen Umsetzung erfolgte mithilfe eines parametrischen Entwurfsverfahrens auf Basis eines Computerprogramms, ohne das die bis ins Detail optimierte Holzrippenstruktur der feingliedrigen Innenkuppel nicht möglich gewesen wäre.

Ihre halbkreisförmige Ausbildung auf quadratischem Grund ließ in den Randzonen Restflächen entstehen, die Platz boten für die Sakristei und notwendige Lagerräume. Deren Zugänge liegen nicht sichtbar hinter der Kuppelkonstruktion, die mit ihrer organischen Form den Innenraum dominiert. Pulte, Opferlichtständer und Kniebänke sind aus dem gleichen Holz gefertigt, allein der weiße Altarbereich mit hinterleuchtetem Kreuz und durch ein Podest erhöht, hebt sich davon ab. Einen wesentlichen Anteil an dem höhlenartigen, Geborgenheit vermittelnden Raumeindruck hat das Licht, mit dessen Planung sich die Architekten intensiv beschäftigten. Zahlreiche Beleuchtungstests sowohl am Holzmodell als auch am computergestützten 3D-Modell brachten schließlich den gewünschten stimmungsvollen Effekt, der auch Nichtgläubige zu beeindrucken vermag.

Dach
Die Innenkuppel besteht aus 66 vertikal und horizontal zueinander verlaufenden, halbkreisförmigen Holzspanten. Diese wiederum setzen sich aus rund 650 Einzelteilen zusammen, die sich ebenfalls sowohl in horizontaler, als auch vertikaler Richtung durchdringen. Ihr Raster ist unten engmaschig und weitet sich nach oben zu offenen Feldern auf, wo mittig über ihnen die weiße Decke der Kirche sichtbar wird. Die Holzrippen sind über Schlitze nach einem einfachen Stecksystem zusammengesetzt, das gleichzeitig für eine Eigensteifigkeit der selbsttragenden Konstruktion sorgt. Punktuell angeordnete Stahlwinkel fixieren sie am Fußboden.

Der Zuschnitt der einzelnen Holzteile erfolgte mithilfe einer CNC-Software, die auf Grundlage der zuvor berechneten Daten des CAD-Planungsprogrammes zur Dimensionierung der Innenkuppel eine Art „Schnittmuster“ für alle 650 Kuppelteile erstellte. Diese wurden anschließend mit dem geringstmöglichen Verschnitt aus handelsüblichen OSB-Platten mit standardisierten Abmessungen zugeschnitten.

Beim Dachtragwerk handelt es sich um eine gedämmte Holzbinderkonstruktion mit einer Sparrenstärke von 200 x 500 mm, im Brückenbereich sind es 300 x 240 mm. Die Dicke der Zwischensparrendämmung beträgt überall 240 mm. Eine oberhalb der Sparren im Kirchendach angeordnete OSB-Platte von 22 mm Dicke sorgt für zusätzliche Aussteifung. Von außen ist das komplette Gebäude mit einer zweikomponentigen Flüssigabdichtung aus Polyurethanharzen (PUR) beschichtet. Darunter liegt erst eine Dampfsperre, dann ein Sandwich aus 35 mm starker Holzwolle-Leichtbauplatte und diffusionsoffener Holz-Faserplatte (DHF) von 15 mm Dicke. Im Außenbereich wurde auf Dämmung und Holzwolle-Leichtbauplatte verzichtet.

Bautafel

Architekten: Schneider + Schumacher, Frankfurt am Main
Projektbeteiligte: Bollinger und Grohmann Ingenieure, Frankfurt (Tragwerksplanung/Baupysik); rpb Ingenieure, Velchede (Haustechnik); W. Hundhausen Bauunternehmung, Siegen (Stahlbeton-Rohbau); Holzbau Amann, Weilheim-Bannholz (Holz-Rohbau, Türen); Metallbau Weinmann, Friedrichsdor (Fenster); Kaspar König & Söhne, Siegen (Bodenbelag); Elacoat, Schaan (Fassadenbeschichtung); Ernst Stahl- u. Treppenbau, Burgwald-Bottendorf (Stahltreppe); Schreinerei Hein, Waldbüttelbrunn (Holzrippen und Möbel)
Bauherr: Autobahnkirchenverein Siegerland e.V., Wilnsdorf
Standort: Autohof Wilnsdorf, A45 (Ausfahrt 23) Elkersberg, 57234 Wilnsdorf
Fertigstellung: 2013
Bildnachweis: Helen Schiffer, Frankfurt

Architektenprofil

schneider+schumacher
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