Zwischen CO2-Druck, KI und neuen Bühnen

Rückschau auf die 70. BetonTage in Ulm

Drei Tage Ulm, unzählige Themen, volle Säle, parallele Vorträge, Gespräche zwischen Tür und Angel, dazu eine große Fachausstellung und erstmals ein eigener Digital Hub. Wer die 70. BetonTage besuchte, stand ständig vor derselben Frage: Wohin jetzt? Genau in dieser Verdichtung lag die eigentliche Aussage der Veranstaltung. In Ulm zeigte sich mit großer Klarheit, unter welchem Druck die Betonbranche derzeit steht – und in welcher Bewegung sie sich befindet. Das Leitmotiv Märkte für Menschen spannte den Bogen weit. Es ging um technische Entwicklungen, wirtschaftliche Tragfähigkeit, ökologische Verantwortung und um die Frage, wie all das in einer Zeit des Umbruchs zusammenfinden kann.

Dr. Ulrich Lotz eröffnete die 70. BetonTage als verantwortlicher Veranstalter und Vertreter der Beton- und Fertigteilbranche in Baden-Württemberg.
Volle Säle prägten die drei Kongresstage im Congress Centrum Ulm.
Auch die digitale Kommunikation der Branche erhielt eine eigene Bühne.

Beton der Zukunft gesucht

Deutlich wurde das bei den materialbezogenen Vorträgen. Die Suche nach Betonen mit kleinerem CO2-Fußabdruck läuft mit Hochdruck. Diskutiert wurden zementreduzierte Bindemittel im Leichtbeton, nachhaltige Leichtbetone auf Basis von Geopolymeren und neue Ansätze für alternative Binder. Dahinter steht eine drängende Aufgabe: Wie lässt sich der Zementanteil verringern, ohne die technischen Anforderungen aus dem Blick zu verlieren? Wie können neue Rohstoffpfade erschlossen werden, ohne dabei Verfügbarkeit, Normung und Praxistauglichkeit zu unterschätzen?

Diese Offenheit machte die Vorträge spannend. In Ulm war kein großer Befreiungsschlag zu sehen, keine einzelne Lösung, die plötzlich alle Probleme vom Tisch wischt. Sichtbar wurde vielmehr ein breites Entwicklungsfeld, in dem parallel an vielen Stellschrauben gedreht wird. Die Branche tastet sich voran, prüft, testet, verschiebt Grenzen. Das wirkt mühsam, hat zugleich aber auch etwas Ermutigendes. Bewegung ist da.

Dauerhaftigkeit rückt stärker ins Zentrum

Ebenso erhellend war ein zweiter Gedanke, der sich durch mehrere Beiträge zog: Nachhaltigkeit beginnt bei der Herstellung, sie endet dort jedoch keineswegs. Wer über die Zukunft von Beton spricht, muss auch über Lebensdauer, Resilienz und Instandhaltung sprechen. Genau hier setzte der Vortrag zum selbstheilenden Beton einen interessanten Akzent. Plötzlich weitete sich der Blick. Es ging um Risse, um Reparaturprozesse, um längere Nutzungsphasen, um die Frage, wie ein Baustoff über Jahrzehnte leistungsfähig bleibt.

Das ist mehr als ein technisches Detail, denn es verändert den Maßstab der Debatte. Die ökologische Qualität eines Bauwerks wird eben auch dadurch beeinflusst, wie robust es ist, wie selten es instand gesetzt werden muss und wie gut sich Schäden frühzeitig beherrschen lassen. In Ulm wurde spürbar, dass die Betonbranche Nachhaltigkeit zunehmend als Lebenszyklusfrage versteht. Dieser Perspektivwechsel dürfte in den kommenden Jahren weiter an Gewicht gewinnen.

KI wandert aus der Zukunftsrhetorik in den Alltag

Parallel dazu rückte die Digitalisierung mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit in die Mitte des Geschehens. Künstliche Intelligenz (KI) war auf den BetonTagen kein schillerndes Randthema für Technologiefans. Sie tauchte konkret auf, praktisch, anwendungsnah, oft erstaunlich nüchtern. Es ging um KI im Planungs- und Bauwesen, um KI-gestützte Vorfertigungschecks, um digitale Unternehmensprozesse und um neue Datenstrukturen in der Wertschöpfungskette.

Für die Beton- und Fertigteilindustrie ist das ein tiefgreifender Wandel. Digitale Werkzeuge verändern Abläufe, Schnittstellen und Entscheidungsgeschwindigkeiten. Sie greifen in Planung, Produktion, Dokumentation und Nachweisführung ein. Damit verschiebt sich auch das Selbstbild der Branche. Zwischen Werkhalle und Baustelle gewinnt der Datenraum rasant an Bedeutung.

Kommunikation: eine weitere Baustelle der Branche

Spannend war auch der erstmals eingerichtete Talkconcrete | Digital Hub. Dort ging es um Storytelling, Cross Channel Kommunikation, Podcasts, Personal Brands und den Einsatz von KI in der Content-Produktion. Auf den ersten Blick wirkt das im Umfeld klassischer Betonthemen vielleicht wie ein Seitengang. Tatsächlich traf dieses Format einen Nerv, denn technologische Entwicklung allein trägt heute nicht weit genug. 

Neue Materialien, digitale Tools und innovative Prozesse brauchen Sichtbarkeit. Sie müssen verständlich erklärt, in größere Zusammenhänge eingeordnet und für unterschiedliche Zielgruppen übersetzt werden. Der Digital Hub machte genau das sichtbar. Kommunikation wird in der Bau- und Betonbranche zunehmend zu einer eigenen Disziplin mit strategischem Gewicht. Wer Wandel gestalten will, muss ihn auch erzählen können.

Branchentreffen mit Tiefenschärfe

Die 70. BetonTage waren mehr als nur eine Bühne für Produktneuheiten und Fachvorträge. Die Veranstaltung wirkte wie ein Seismograf für die tektonischen Verschiebungen innerhalb der Branche. Materialwende, Lebenszyklusdenken, Digitalisierung, KI und neue Kommunikationsräume liefen hier eng nebeneinander her. Mal geordnet, mal fransig, mal tastend, mal sehr konkret.

Möglicherweise liegt genau darin die eigentliche Stärke dieser BetonTage. Sie zeigten eine Industrie, die ihre Zukunft gerade unter realem Druck neu zusammensetzt. Im Labor, in der Produktion, in der Planung, auf der Bühne, im Gespräch und inzwischen eben auch im digitalen Raum. Das Leitmotiv „Märkte für Menschen“ bekam dadurch Substanz. Es wurde in Ulm lesbar als Suche nach Lösungen, die fachlich belastbar, wirtschaftlich tragfähig und gesellschaftlich anschlussfähig sind.

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Ziel der behutsamen Betoninstandsetzung ist, alternde Sichtbetonbauten so zu reparieren, dass sie ihre bauzeitliche Oberflächengestaltung möglichst behalten.

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Dem hohen CO2-Ausstoß bei der Produktion des Bindemittels Zement steht die lange Haltbarkeit von Betonkonstruktionen gegenüber (Bild: Zementwerk in Berlin).

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