Zwillingsfenster

Entlastungsbogen als Tragwerksprinzip

Zwillingsfenster sind die Bezeichnung für zwei eng nebeneinander spiegelsymmetrisch angeordnete Fenster. Etymologisch entstand das Wort zwiniling oder auch zwinelinc etwa im 9. Jahrhundert und bedeutet zweifach oder doppelt.

Drillingsfenster in der Dorfkirche Berlin-Rosenthal, 13. Jahrhundert
Historische Fotografie eines Zwillingsfensters in Florenz, zwischen 1851 und 1900
Historische Fotografie eines Doppelfensters mit Bogen, Alhambra, Granada, zwischen 1851-1890

Diese Doppelfenster entstanden aus tragwerkstechnischen, also baustatischen Gründen zur gleichen Zeit wie das Wort, nämlich in der frühen Romanik. In der Gotik und Renaissance wurden sie tragwerkstechnisch verfeinert und in Historismus und Postmoderne als Dekoration erneut zitiert. Im Prinzip sind sie die Vorgänger von heutigen horizontalen Fensterbändern und Pfosten-Riegel-Glasfassaden, in denen sich die massive Wand in ein Tragwerk-Skelett aus Kraftflüssen auflöst.

Zwillingsfenster, auch erweitert als Drillingsfenster, sind zwei bzw. drei stehende Fensteröffnungen

  • unter einem gemeinsamen Rundbogen als Entlastungsbogen
  • unter einem gemeinsamen Giebel, ursprünglich statisch wirksam, später dekorativ vorgeblendet
  • mit (insbesondere in der Renaissance) Trennung durch Steinsäulen
  • mit gemeinsamer Laibungsverkleidung
  • mit gemeinsam betonter Fasche, farblich und/oder reliefartig
 Die kunstgeschichtlich verwendete Vokabeln Biforium (= zweiflügeliges Fenster) ist insofern verwirrend, weil es sich nicht um zwei Öffnungsflügel in einem Blendrahmen handelt, sondern um zwei physische Öffnungen nebeneinander in einer Wand. Der Ausdruck gekuppeltes Fenster scheint hilfreicher für das Verständnis dieses architektonischen Elements.

Die Dimensionierung eines Fenstersturzes war lange Zeit begrenzt. Wenn zwei oder gar drei Fenster also dicht nebeneinander angeordnet sein sollten, um eine größere Öffnungsfläche zu schaffen, wurde eine bewährte und sichere Konstruktion gewählt, nämlich ein Bogen. Bei einem Bogen treten nur Druckkräfte gemäß der Stützlinie auf. Die Stützlinienform lässt sich in Abhängigkeit von Spannweite, Stichhöhe und Belastung mathematisch exakt ermitteln, falls nicht Erfahrungswerte vorlagen. Das Bauen von Bögen und Gewölben ist eine nahezu archaische architektonische Fähigkeit, auch wenn die Bauten oftmals erstaunlich komplex anmuten und an viele heutige Blobs erinnern, die rein digital berechnet sind.

Als Entlastungsbogen bezeichnet man einen gemauerten Bogen, der in das Mauerwerk eingefügt ist, das darunterliegende Mauerwerk von der aufruhenden Mauer entlastet und deren Druck seitlich ableitet. Innerhalb des Bogenfelds können deshalb mehrere Fensteröffnungen gut angeordnet werden. Der Entlastungsbogen selbst funktioniert optimal, wenn er symmetrisch ist, schon deshalb sind die Öffnungen sinnvollerweise ebenfalls symmetrisch angeordnet. Mögliche unkontrollierte Durchbiegungen und dadurch verursacht Instabilität wurden also reduziert. Je größer Stich und Spannweite des Bogens, je größer konnten auch die Zwillings-, Drillingsfenster oder sogar Mehrlingsfenster sein. Wenn zwischen den Fenstern zusätzlich - oft kunstvoll verzierte - Steinsäulen als Stützen angeordnet wird, ist das System noch stabiler.  
 
Eine Variation dieses Prinzips ist das Palladio-Fenster, auch Serliana oder Venezianisches Fenster genannt. Hier überspannt der Bogen nur das mittlere und damit größere Fenster mit seitlichen Säulen. Die Fensterfelder rechts und links vom Bogen sind wesentlich schmaler und niedriger und werden seitlich ebenfalls von Säulen flankiert. Da es sich meist um relativ schmale Öffnungen handelt, ist der Horizontalschub an den Auflagerpunkten begrenzt.

Erst dem italienischen Mathematiker und Ingenieur Alberto Castigliano gelang es, statisch unbestimmte Systeme wie zum Beispiel Durchlaufträger zu berechnen. Er veröffentlichte 1873 ein Verfahren zur Bestimmung der Verschiebung und des Neigungswinkels von Punkten eines elastischen Körpers. Damit brachte er wesentlich größeren Gestaltungsspielraum plus mathematisch kontrollierbare Sicherheit in Fassaden- und Fensterkonstruktionen ein.

Fachwissen zum Thema

Beim 14-geschossigen Reliance Building (erbaut 1894-95) griff der Architekt Charles B. Atwood aus dem Büro Burnham and Root die traditionelle und bewährte Typologie der Bay Windows aus England auf, um eine maximale Belichtung der Nutzflächen zu erzielen. Das gilt als die Erfindung des Chicago Window.

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Chicago Window

Alurahmen-Fenster im Düsseldorfer Neuen Zollhof, Architektur: Frank O. Gehry

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Fenster

Beim Begriff Fensterband handelt es sich um eine meist waagerechte Aneinanderreihung von Fenstern, die nur durch Rahmen, Pfosten oder schmale Blindfenster unterbrochen sind (im Bild: zeitgenössische Fensterbänder, Berlin, Gewers Pudewill, 2020).

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Fensterband

Bei einem stehenden Fenster ist die Fensterhöhe ein Vielfaches der Fensterbreite, während bei einem liegenden Fenster die Fensterbreite um ein Vielfaches größer ist als die Fensterhöhe (im Bild: stehendes Fenster in einer Metallhaut).

Bei einem stehenden Fenster ist die Fensterhöhe ein Vielfaches der Fensterbreite, während bei einem liegenden Fenster die Fensterbreite um ein Vielfaches größer ist als die Fensterhöhe (im Bild: stehendes Fenster in einer Metallhaut).

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