Zunftzeichen
Zeichen und Symbole an Eingangstüren und Schaufenstern
Zunftzeichen sind Schilder mit Symbolen im Sinne von zeichenhaften, bildlichen Verweisen auf eine Funktion oder Dienstleistung. Besonders in Altstädten und historisch rekonstruierten Stadtvierteln sind solche Schilder neben oder über den Eingangstüren und Schaufenstern von Geschäften, Werkstätten, Gasthäusern und Postfilialen zu finden. Zunftzeichen werden regional auch Hängeschilder oder Nasenzeichen genannt, denn sie hängen mittels Ketten, Ösen und Haken an meist schmiedeeisernen Kragarmen oder Auslegern, die wie eine Nase in den Straßenraum hineinragen.
Beispiele für Zunftzeichen:
- Goldener Stiefel = Schuhmacher, Lederwerkstatt
- Goldene Brezel = Bäcker
- Goldener oder silberner Teller = Frisör, Barbier, historisch einschließlich Zahnbehandlung
- Tiere wie Lamm, Stier, etc. = Fleischer, Metzger, Schlachter
- Weinrebe = Winzer, Weinhändler, Gaststätte mit Alkohol-Ausschank
- Schlüssel = Schlosser, Eisenwaren, Metallwerkstatt
- Schere = Schneider, Tuchhändler
- Uhr = Uhrmacher, Juwelier, Schmuckwerkstatt
- Horn = Post
Herkunft im Mittelalter
Die Zeichen haben ihren Ursprung im frühen Mittelalter und damit in einer Zeit, in der es einen sehr hohen Anteil von Analphabeten in der Bevölkerung gab. Die bildhafte Kommunikation half dabei, sowohl auf eine Tätigkeit als auch auf eine Berufsgruppe hinzuweisen. Verbindungen und Zusammenschlüsse von Handwerkern, Kaufleuten und Gewerbetreibenden in Form von Zünften, Gilden oder Bruderschaften entstanden im 11. und 12. Jahrhundert in Städten wie Mainz oder Würzburg. Diese Gemeinschaften organisierten sich mit Ordnungen und Regelungen bezüglich ihrer Tätigkeiten und zur Sicherstellung von Qualität als handwerklicher Ehre sowie mit Ritualen beispielsweise zur Aufnahme neuer Mitglieder und bei der Ausbildung des Nachwuchses. Die Zunftzeichen dienten als Kennzeichnung sowie als Wiedererkennung von ähnlichen oder verwandten Gemeinschaften in einer anderen Stadt, einer anderen Region und sogar in anderen Ländern, in die die Gesellen während ihrer Wanderjahre gelangten. Die sogenannte „Walz“ – im Prinzip vergleichbar mit einem heute obligatorischen Auslandsaufenthalt während des Studiums – ist ein Thema für sich und wird hier nicht weiter vertieft.
Visuelle Kommunikation
Strenggenommen sind zwar ausschließlich die Symbole der in den Zünften zusammengeschlossenen Handwerker als Zunftzeichen zu definieren, doch das visuelle System wurde als effektive Form der Kommunikation rasch auch von anderen Berufsgruppen übernommen, sodass hier Bräuche verschmelzen. So wurden auch Wappen und vereinzelte Buchstaben als Initialen einbezogen oder Verzierungen und Schmuckelemente wie Ranken, Blüten und Knorpelwerk dargestellt. Mit der Zeit entstanden zahlreiche weitere oftmals fantasievolle Interpretationen von Schildern wie beispielsweise mit Torten, Socken, Cocktailgläsern und einem großem „M“ für eine US-amerikanische Systemgastronomie-Kette.
Reklame, Retro, Vintage, Logo
Im 20. Jahrhundert wurden Zunft- und Nasenschilder vielfach als altmodisch betrachtet und infolgedessen abmontiert und durch elektrische Leuchtreklamen ersetzt. Heute erfahren diese Schilder eine neue Wertschätzung. Sie werden zur Wahrung von Traditionen rekonstruiert oder im Sinne von Retro und Vintage spielerisch nachempfunden. Derartige nostalgische Nachempfindungen sind zwar keine authentischen Zunftzeichen und widersprechen der Denkmalpflege, aber sie helfen mit, besonders in historischen Stadtvierteln Entstellungen durch unpassende Werbung zu verhindern.
Die Zunft- und Gewerbezeichen changieren als Kenn-, Hoheits- und Markenzeichen zwischen Mittelalter und Gegenwart. Als visuelle Kommunikation sind sie frühe Vorfahren von Logos, denn sie verkörpern ebenfalls Corporate Design und Corporate Identity. -sj
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