Wohnturm Screen 504 in Udaipur

Sonnenschutz in luftiger Höhe

Sonnenschutz hat im indischen Bundesstaat Rajasthan eine lange architektonische Tradition – und ist zugleich eine dringende Notwendigkeit. In Udaipur, wo die Temperaturen im Sommer bis zu 48 Grad Celsius erreichen können, griffen die Planer*innen von Sanjay Puri Architects auf regionale Bautraditionen zurück, um ein zeitgemäßes Wohnhochhaus mit passiven Klimastrategien zu entwickeln. Das Projekt Screen 504 zeigt, wie sich klassische Bauelemente wie die Jali (Plural: Jalis) – durchbrochene, steinerne Sichtschutzwände – in neue Materialien und vertikale Architektur übersetzen lassen.

Um dem heißen Klima Indiens zu trotzen, ist der Wohnturm mit effektivem sommerlichen Wärmeschutz ausgestattet.
Der 21-geschossige Bau mit insgesamt 78 Apartments liegt in einem neuen Wohnquartier von Udaipur.
Zentrales gestalterisches Element sind die vorgelagerten Loggien, die jeder Wohnung zugeordnet sind.

Geometrie und Kontext

Der 21-geschossige Bau mit insgesamt 78 Apartments liegt auf einem 3.690 Quadratmeter großen Grundstück in einem neuen Wohnquartier von Udaipur. Entsprechend der lokalen Bauvorschriften musste die Grundfläche des Gebäudes kompakt gehalten und Abstände von 14 Metern zu allen Grundstücksgrenzen eingehalten werden. Daraus resultiert ein Baukörper mit 36 mal 30 Metern Grundfläche und 70 Metern Höhe.

Auf jedem Geschoss befinden sich vier großzügige Wohnungen, jeweils mit vier Schlafzimmern und einem zentralen Wohnbereich. Die Organisation in Quadranten erlaubt Ausblicke in zwei Himmelsrichtungen und sorgt für eine gleichmäßige Belichtung und natürliche Belüftung aller Räume. Gemeinschaftseinrichtungen wie Pool, Fitnessraum und Dachgarten ergänzen das Angebot und sollen ein soziales Miteinander im urbanen Kontext fördern.

Zentrales gestalterisches Element sind die vorgelagerten Loggien, die jeder Wohnung zugeordnet sind: Sie sind teils offen, teils mit beweglichen Schutzelementen versehen, was an der Rasterfassade eine dynamische Wirkung erzeugt. Das strenge Fassadenbild wird zusätzlich durch Balkone mit doppelter Geschosshöhe an den Gebäudeecken aufgelockert. Diese etwa sechs Meter hohen Außenräume bereichern die Wohneinheiten um ein zusätzliches Raumerlebnis und tragen zur vertikalen Gliederung des Baukörpers bei.

Materialien, Konstruktion und Nachhaltigkeit

Sämtliche Innenwände des Gebäudes bestehen aus Flugasche-Ziegeln, die regional verfügbar und besonders leicht sind. Die Fassadenflächen im Sockelbereich sowie Teile der Freianlagen wurden mit lokalem Sandstein verkleidet. Die Tragstruktur basiert auf einem klassischen Stahlbetonskelett, ergänzt durch statisch optimierte Auskragungen in den Balkonzonen.

Zur Reduktion des Primärenergiebedarfs kommen bei Screen 504 mehrere passive Systeme zum Einsatz. Ein umlaufendes Regenwassermanagement leitet das Wasser von allen Balkon- und Dachflächen in eine unterirdische Zisterne und ermöglicht so die Speicherung und Nutzung von Niederschlagswasser. Ergänzend wird das anfallende Grauwasser recycelt und zur Bewässerung der begrünten Freiflächen verwendet. Die thermische Belastung der Innenräume wird durch eine Kombination aus kontrollierter Verschattung und natürlicher Querlüftung deutlich reduziert, was den Einsatz aktiver Kühlsysteme vermindert.

Sonnenschutz: Thermische Pufferzonen und Jalis

Der Entwurf folgt dem Ziel, Sonnenschutz nicht als Add-on, sondern als integrales Element des architektonischen Systems zu denken. Keine Fensterfläche bleibt unverschattet. Vielmehr basiert das Klimakonzept auf der konsequenten Ausbildung von transitionalen Außenräumen: Jede Wohnung verfügt über fünf vorgelagerte Balkone – einen am Wohnzimmer und jeweils einen an den vier Schlafzimmern. Diese dienen als thermische Pufferzonen und sind zum Teil mit verschiebbaren Paneelen ausgestattet, die nach dem Vorbild traditioneller Jalis gestaltet wurden.

Diese filigranen, durchbrochenen Strukturen – ursprünglich aus Stein gearbeitet – sind ein klassisches Element der indischen Baukultur und wurden über Jahrhunderte als gestalterisches wie funktionales Mittel eingesetzt. In Screen 504 erleben sie eine zeitgemäße Wiederbelebung: als perforierte Metallpaneele, digital gefertigt, beweglich montiert und individuell regulierbar. Die Paneele verbessern nicht nur den Blendschutz, sondern auch die Luftzirkulation und den Sichtschutz, ohne die visuelle Verbindung zur Umgebung vollständig zu unterbrechen. So lässt sich der Sonnen- und Wärmeeintrag je nach Tageszeit und Jahreszeit aktiv steuern. -sr

Bautafel

Architektur: Sanjay Puri Architects
Projektbeteiligte: Ar. Sanjay Puri, Prachi Pawar, Pratik Patel (Design Team Architekturbüro); Shalini Gupta and Associates (Tragwerksplanung); Resonance MEP Consultants, Udaipur (Gebäudetechnik); Satatv Design Consultants, Jaipur (Landschaftsplanung) 
Bauherr*in: Mr Ravi Mundra
Fertigstellung: 2025
Standort: Udaipur, Rajasthan, India  
Bildnachweis: Mr.Vinay Panjwani (Fotos); Sanjay Puri Architects (Pläne)

Fachwissen zum Thema

Seit langem ist Holz für Sonnenschutzelemente beliebt, wie dieser Maschrabiyya an einem Nasridenpalast der Alhambra in Granada zeigt.

Seit langem ist Holz für Sonnenschutzelemente beliebt, wie dieser Maschrabiyya an einem Nasridenpalast der Alhambra in Granada zeigt.

Materialien

Holz

Das Wort Jali stammt aus dem Sanskrit. Es bedeutet Gitter oder Netz und bezeichnet perforierte Platten respektive Tafeln aus Stein oder Holz, die die Fensteröffnungen vollständig ausfüllen.

Das Wort Jali stammt aus dem Sanskrit. Es bedeutet Gitter oder Netz und bezeichnet perforierte Platten respektive Tafeln aus Stein oder Holz, die die Fensteröffnungen vollständig ausfüllen.

Zubehör

Jali

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