Wohnquartier P18 in Stuttgart

Sortenrein rückbaubar und energieautark

Angesichts knapper Ressourcen, des Klimawandels und Abfallaufkommens im Bausektor muss das Bauen grundsätzlich neu gedacht werden – darüber sind sich nahezu alle beteiligten Akteur*innen einig. Doch nur selten entstehen Bauprojekte, die so konsequent durchdacht sind, wie das Wohnquartier P18 im Stuttgarter Stadtteil Bad-Cannstatt. Das Büro Werner Sobek hat auf Basis des selbst entwickelten Aktivhauses 330 Wohnungen geplant, die sich schnell errichten, nachhaltig und energieautark betreiben und später fast vollständig sortenrein rückbauen lassen.

Die 330 Wohnungen für Mitarbeitende des Klinikums Stuttgart verteilen sich auf sechs Gebäude mit vier und fünf Geschossen, die in Holzmodulbauweise errichtet wurden.
Jede Wohnung hat einen eigenen Balkon bzw. eine Terrasse.
Innen ist nicht mehr viel von der Modulbauweise zu erkennen. Geheizt wird mittels (ebenfalls vorinstallierter) Fußbodenheizung.

Auf dem Baugrundstück direkt neben dem Klinikum Bad Cannstatt standen zuvor Wohnriegel aus der Nachkriegszeit, die jedoch eine schlechte Bausubstanz aufwiesen und städteplanerisch wenig ansprechend waren. An ihrer Stelle entstand ein Ensemble aus sechs jeweils zweigeteilten, vier- bis fünfgeschossigen Baukörpern, die als Unterkünfte für die Klinik-Mitarbeitenden dienen. Ihre Anordnung erlaubt eine Durchwegung in alle Richtungen und schafft verbindende Freiräume. Ein Fußweg führt durch das autofreie Quartier zum oberhalb gelegenen Grünbereich Galgenberg. Eine Tiefgarage sowie Kellergeschosse bilden den konstruktiven Sockel für die Häuser, die in Holzmodulbauweise errichtet sind. Jede Wohnung verfügt über einen Balkon oder eine Terrasse. Durch große, bodentiefe Fenster fällt viel natürliches Licht in die Innenräume. 

Nachhaltige Module

Für das Quartier wurden insgesamt 16 verschiedene Modultypen konzipiert, die zwei Gebäudeformen sowie sechs Grundrissvarianten mit ein bis vier Zimmern ermöglichen. Die Wohnungen werden entweder über ein massiv gebautes Treppenhaus oder über einen Laubengang erschlossen. Die Module wurden im Werk inklusive aller Ausbauten vorgefertigt und mussten auf der Baustelle nur noch aufgestellt und miteinander verbunden werden. Dadurch konnten Materialverbrauch und Abfallerzeugung in der Produktion deutlich reduziert und gleichzeitig eine durchgehende Qualitätssicherung gewährleistet werden. Um die Recyclingfähigkeit und den abfallfreien Rückbau der Module am Ende ihres Lebenszyklus gewährleisten zu können, sind die eingesetzten Baustoffe sortenrein und mit gut lösbaren Verbindungen verbaut. Design for disassembly nennt sich das bei Aktivhaus. So soll sichergestellt werden, dass alle Materialien in biologische und technische Kreisläufe zurückgeführt werden können. Die leichte Holzständerbauweise minimiert außerdem das Gewicht der Baukörper. Insgesamt sind 212 im Werk vorgefertigte Module mit einer Größe von jeweils rund 15 x 4,5 m verbaut. Die Montage dauerte pro Modul nur dreißig Minuten, pro Stockwerk einen Tag und pro Haus eine Woche.

Autarker Betrieb

Die Energieversorgung des Quartiers P18 folgt einem nahezu autarken, vollständig regenerativen Konzept auf Basis des KfW-40-Plus-Standards. Im Fokus stand die Bereitstellung von Wärme für Heizung, Warmwasser und Belüftung. Dafür kommen verschiedene Quellen zum Einsatz: Eine Sole/Wasser-Wärmepumpe übernimmt die Hauptlast der Heizung, unterstützt von Elektro-Heizstäben für Spitzenzeiten. Auf den Dächern aller Gebäude erzeugen PVT-Kollektoren sowohl Strom als auch Wärme. Die Lüftungsanlage mit effizienter Wärmerückgewinnung und einer Abluft-Wärmepumpe liefert vortemperierte Frischluft in die Innenräume. 

Zusätzlich sind die Südfassaden der meisten Gebäude mit integrierten Photovoltaikmodulen ausgestattet, um die Energiegewinnung zu maximieren. Überschüssiger Strom aus den PVT- und PV-Anlagen wird im Sommer in Batteriespeichern für den späteren Bedarf gespeichert. Das Trinkwasser wird über die Heizungsanlage vorgewärmt und in den Wohnungsstationen mit einem Durchlauferhitzer auf die gewünschte Temperatur gebracht. Insgesamt deckt der Stromertrag von 375.065 kWh den Energiebedarf des Quartiers von 348.469 kWh vollständig ab. 

Die Bauweise spart zudem 5.500 m³ Beton und reduziert die Materialmasse im Vergleich zu einem Stahlbetonbau um 70 bis 75 Prozent. -tg

Bautafel

Architektur: AH Aktiv-Haus & Werner Sobek, Stuttgart
Projektbeteiligte: Werner Sobek, Stuttgart (Tragwerk, Energiekonzept, TGA-Planung, Bauphysik); Unihouse, Bielsk Podlaski (Modulbau); AH Aktivhaus mit Wolff & Müller Hoch- und Industriebau, Stuttgart (ARGE)
Bauherr*in: Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG), Stuttgart
Fertigstellung: 2023
Standort: Prießnitzweg 15, 70374 Stuttgart
Bildnachweis: Zooey Braun, Stuttgart

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