Wohnhochhaus „Stories” in Amsterdam

Fassaden-Raumfilter mit Bäumen, Balkonen und Wintergärten

Amsterdam ist von seinem alten, halbkreisförmigen Grachtengürtel aus längst nach Norden über die Amstelmündung und den Meeresarm IJ hinausgewachsen. Das ehemalige Industrieviertel Buiksloterham im Stadtbezirk Amsterdam-Noord hat sich zum ambitionierten Stadtentwicklungsgebiet gewandelt mit dem Ziel, das erste „zirkuläre” Stadtviertel Amsterdams mit geschlossenen Abfall- und Energieströmen zu werden. An städtebaulich prädestinierter Stelle hat das ortsansässige Büro Olaf Gipser Architects das dreizehngeschossige Holzhybrid-Wohnhochhaus Stories fertiggestellt – ein Baugruppenprojekt, das zusammen mit seinem östlichen Nachbarn eine Torsituation am 100 Meter breiten Johan-van-Hasselt-Kanal bildet.

Der Bau bildet mit seinem Nachbarn eine Torsituation im Quartier Buiksloterham.
Der dreigeschossige Sockel wurde mit Fertigbetonteilen errichtet.
Auf dem Sockel ist ein zehngeschossiges Turmbauteil in Brettsperrholzbauweise aufgesetzt.

Prinzip des offenen und flexiblen Bauens

Der rund 45 Meter hohe, 32 Meter breite und 15 Meter tiefe, dreizehngeschossige Turm ist dem Prinzip eines offenen, flexiblen Bauens verpflichtet und umfasst derzeit 29 Wohnungen, einen Gemeinschaftsbereich mit Küche, Fitnessraum und Sauna, sechs Gewerbeeinheiten einschließlich Café im dreigeschossigen Sockel mit Urban-Farming-Fläche und Tiefgarage. Die Wohnungen variieren in zehn verschiedenen Typen mit Größen von 43 bis 185 Quadratmetern; zudem gibt es ein- und zweigeschossigen Einheiten mit teils großzügigen Lufträumen. Viele Wohnungen erlauben durch separate Bereiche die Kombination von Wohnen und Arbeiten. Die Deckenhöhen betragen 2,87 Meter bei den eingeschossigen Einheiten und 6,12 Meter bei den Doppelgeschossen. 


Holzhybridhochhaus aus Brettsperrholz mit Sockel und Kern aus Beton

Abgesehen vom Sockel und vom Kern aus Betonfertigteilen ist der Bau in Brettsperrholz ausgeführt. Für die Fassade wurden auch vorgefertigte Holzskelettbauelemente eingesetzt. Die Module waren ab Werk mit dreifach verglasten Holzrahmenfenstern mit einer 30 cm dicken Wärmedämmung aus Steinwolle sowie mit einer außenseitig dichten Verkleidung ausgestattet. Vor Ort wurde zusätzlich eine außenseitige Wetterschutzverkleidung aus vorvergrauten, hydrothermisch modifizierten und feuerbeständig imprägnierten Fichtenholzlatten ergänzt.

Die Massivholzbauweise bestimmt die maximale Spannweite von 4,80 Meter, woraus ein Grundriss mit sechs Rasterfeldern resultiert. Lastabtragende Holzportalrahmen mit großen Öffnungen ermöglichen räumliche Verbindungen auch über die Rasterfelder hinweg und erlauben eine flexible Aufteilung von einer Wohnung bis zu sechs Wohneinheiten pro Geschoss. Die Wände sind mit feuerfesten und schalldämmenden Gipskartonplatten verkleidet. Die Decken, ebenfalls aus Brettsperrholz, sind als solche in den Untersichten erlebbar und darüber mit einer Schaumbeton-Masseschicht zur Schallisolierung kombiniert.

Vegetationseinheiten, Wintergärten, Balkone und Urban-Farming-Dach

Charakteristisch für das Gebäude ist seine räumliche begrünte Fassade. Vor die Wetterschutzschicht, bei der großflächige Holzrahmenfenster mit graubraunen Außenrollos und geschlossene, mit Holzlattung verkleidete Flächen kombiniert sind, steht eine filigrane Struktur aus weißen Stahlprofilrahmen: zwei Meter tiefe Stahlregale mit paarweise gestapelten Balkonen sind von denen der Nachbarn getrennt durch sechs Meter hohe Pflanznischen. In der Ansicht wechseln dabei – versetzt von Doppelgeschoss zu Doppelgeschoss – jeweils ein stehendes mit zwei übereinanderliegenden Rechteckfeldern ab.

Auf drei Seiten wächst in jeder Nische ein mehrstämmiger Baum, umgeben von einem Unterwuchs aus Sträuchern, Kräutern und Gräsern. Nach Norden ist das Regal nur 1,50 Meter tief und mit Kletterpflanzen bepflanzt. In die tiefe Fassade integriert ist auch ein Gemeinschaftsdach für die urbane Landwirtschaft, das mit dem gemeinsamen, multifunktionalen Innenraum verbunden ist. Die horizontalen Felder sind entweder als Balkone mit weißen Staketengeländern oder als bodentief verglaste, oberhalb der Brüstungsebene wegklappbare Wintergärten ausgebildet. 

Flexibler Witterungsschutz

Transparente Balkonverglasungen dienen dazu, die Außenbereiche der Wohnungen vor Lärm, Wind und Wetter zu schützen. Als thermische Puffer sorgen die Verglasungen außerdem für eine bessere Energieeffizienz und schützen die Bausubstanz. Die Glaselemente können zur Seite geschoben, um 90 Grad gedreht und als schmale Glaspakete seitlich geparkt werden. Auf diese Weise ist eine fast vollständige Öffnung jeder Balkonfassade möglich.

Raumhoch oder auf Brüstung

Aufgrund unterschiedlicher Balkongrößen, Geschosshöhen und Positionen im Gebäude wurden die Verglasungen entweder raumhoch ausgeführt – als Zugang zu den schwebenden Gärten – oder auf eine Glas-Brüstung montiert. Insgesamt kamen zwölf Konfigurationen zum Einsatz, darunter Varianten, bei denen sich die Glaselemente über beide Ecken auffahren lassen und so der zuvor geschützte Balkon allseitig komplett geöffnet werden kann.

Fassade als Mikroklimazone

Je nach Standpunkt treten andere Elemente dieser ausdifferenzierten Raumschicht in den Vordergrund. In der Frontalschau, etwa von der Brücke über den Kanal aus, wirkt der Bau eher grafisch-linear. Von unten aus der Fußgängerperspektive treten die Wintergärten als Glaskuben stärker in Erscheinung, und aus größerer Distanz erwecken die Staketengeländer der Balkone in der Schrägansicht den Eindruck geschlossener weißer Flächen. Die tiefe Fassade ist mit den Vegetationseinheiten als Mikroklimazone konzipiert und hat durch ihren Schattenwurf auf das Gebäude eine kühlende Wirkung.

Das Projekt wurde mit dem Award BNA Best Building of the Year 2022 und dem Dezeen Award 2022 ausgezeichnet.

Bautafel

Architekten: Olaf Gipser Architects, Amsterdam
Projektbeteiligte: Olaf Gipser, Erik Feenstra, Monique Hutschemakers, Jonathan Hibma, Jacoba Istel, Simona Puglisi, Jean-Marc Saurer, Jan-Dirk Valewink, Abdullah Zakrat (Projektteam Architekten); Alferink van Schieveen (Statik Hauptkonstruktion); Constructie Adviesbureau Geuijen, Dinxperlo (Statik, Werkstattplanung Holzbau); W. u. J. Derix GmbH & Co. KG, Niederkrüchten (Holzbau); PIRMIN JUNG, Remagen (Tragwerksplanung Holzbau, Bauphysik); Nieman Raadgevende Ingenieurs, Utrecht (Schallschutz);  Bureau Veldweg, Cuijk (Brandschutz); Smartland Landscape Architects Amsterdam (Freiraumgestaltung); Heutink Groep, Genemuiden (Bauunternehmer); Solarlux (Balkonverglasungen: (Systeme SL 25, auf Brüstung; SL 25 XXL, raumhoch)
Bauherr: Bouwgroep BSH20A
Fertigstellung: 2021
Standort: Ridderspoorweg 176, 1032 LL Amsterdam, Niederlande
Bildnachweis: MWA Hart Nibbrig, Amsterdam; Luuk Kramer, Amsterdam; Olaf Gipser Architects, Amsterdam

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Umlaufende Balkone umschließen den Refuga Wintergarden Tower in Hasselt. Verglasungen erlauben ihre ganzjährige Nutzung, denn sie bieten Schutz vor Wind, Niederschlägen, Kälte und Schnee. Architektur: Atelier Kempe Thill

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Bei den raumhohen Einzelfenstern auf der Westseite der Wohnbebauung entlang der Aubinger Allee in München-Freiham wurde der Schallschutz mit einem eigens für dieses Projekt entwickelten Kastenfenster-Modul realisiert.

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