Wohnhaus in Montpellier

Das Wellendiktat

Immer wieder taucht der Begriff „Folly“ in der zeitgenössischen Architekturproduktion oder Kritik derselben auf. Kein Wunder, handelt es sich bei dem Bautypus doch um ein skurriles Kleinod der Architekturgeschichte, das starke Bilder hervorruft: Follies sind exzentrische Lust- und Luxusbauten, deren Nutzen ihrem extravaganten Äußeren zumeist untergeordnet zu sein scheint. Ihren Ursprung haben sie in den englischen und französischen Landschaftsgärten des 18. Jahrhunderts. Das Londoner Architekturbüro Farshid Moussavi Architecture bezeichnet seinen in einem Randbezirk der südfranzösischen Stadt Montpellier errichteten Wohnturm mit 36 Einheiten als Folie Divine, und wer ihn sieht, kann sich vorstellen, warum: Von den Grundrissen der neun Geschosse über die Form der weit auskragenden Balkone bis zur Fassadenbekleidung und zum Sonnenschutz in Form von silbernen Außenvorhängen ist das verspielte Äußere des Bauwerks von einer Wellenform geprägt.

Das Bauwerk zeichnet sich durch eine verspielte, von Wellenformen geprägte Fassade aus.
Gewellte Formen finden sich in den Grundrissen, der Fassadenbekleidung und dem außen liegenden Sonnenschutz.
Die Geschosse sind in der Regel in annähernd gleichgroße Wohneinheiten geviertelt oder gefünftelt, die alle über eigene Balkone verfügen.

Das Grundstück befindet sich auf Feld M2 des Stadtentwicklungsprojektes „Les Jardins de la Lironde“, das auf einem Masterplan von Christian de Portzamparc aus dem Jahr 1991 basiert und bis 2012 mit der Absicht umgesetzt wurde, die Randbezirke Montpelliers aufzuwerten. Eingefasst von Wohngebieten und dem Fluss La Lironde im Westen, bietet die ehemalige Industriebrache den Bewohnenden heute viel Ruhe. Da die im Bebauungsplan erlaubte volle Höhe ausgekostet wurde, hat der Wohnturm einen vergleichsweise kleinen Fußabdruck, wodurch Platz blieb für einen Garten.

Hingucker mit Privatsphäre

Das den Baukörper und das äußere Erscheinungsbild prägende Wellendiktat mag auf den ersten Blick wahrhaftig als „göttliche Narretei“ wirken, entpuppt sich aber als entwurfstechnisch interessanter Ansatz, um einige Punkte der Bauaufgabe zu lösen: Gefordert waren von der Bauherrin – einer stadteigenen Wohnungsbaugesellschaft, die übrigens auch die „Folie“ als Inspirationsquell in die Ausschreibung eintragen ließ – fünf verschiedene Wohnungstypen. Auf den neun Geschossen zeigen sich verschiedene Grundrisskonfigurationen, die jeweils auf einer Rautenform mit gewellten Rändern basieren. Jedes Geschoss ist in der Regel in gleichgroße Wohneinheiten geviertelt beziehungsweise gefünftelt. Alle Apartments verfügen über einen oder zwei eigene Balkone.

Die vier Regelgeschossflächen sind im Wechsel gestapelt, jede dieser Umrissvarianten kam zwei Mal zum Einsatz. Für noch mehr Privatsphäre sind die Balkongrundrisse so konzipiert, dass sie von direkt benachbarten Einheiten nicht einsehbar sind. Dies gelingt, indem sich die auskragenden Balkonböden zu beiden Seiten an die ebenfalls gewellte Fassadenwand anschmiegen. So konnte auf Trennwände zwischen nebeneinanderliegenden Außenbereichen verzichtet werden.

Sonnenschutz: Außenvorhänge und Absturzsicherung mit Moiré-Effekt
Durch die systematische Variation der Grundrisskonfigurationen entstehen zwei unterschiedliche Balkontypen: Ein loggienartiger Balkon, der durch die Bodenplatte der darüber liegenden Ebene beschattet wird, und ein Balkon von mindestens doppelter Geschosshöhe. Letzterer soll die Möglichkeit bieten, höhere Balkonpflanzen als Sonnenschutz einzusetzen. Die loggienartigen Balkone verfügen über Außenvorhänge, die auf Wunsch als Sichtschutz und darüber hinaus als Sonnenschutz dienen.

Harmonisch abgestimmt mit der Fassadenbekleidung aus Aluminiumwellblechen bestehen die Vorhänge aus grauem Markisentuch. Aufgehängt sind sie an einem Laufschienen-System, das eine Faltung des Textils in gleichförmiger Welle bewirkt. Einen weiteren, subtileren Sichtschutz stellen die Absturzsicherungen dar. Die schmalen Streben, auf denen der Handlauf aufliegt, sind in zwei Reihen angeordnet, abwechselnd auf der Gebäude- und auf der Außenseite. Dies erzeugt einen Moiré-Effekt, der die Transparenz und damit den Sichtschutz wellenartig verringert oder erhöht. Dort, wo die Einsehbarkeit der Balkone durch Nachbarn höher ist, erhöht sich auch die Dichte der Streben, wodurch sich wiederum die Transparenz verringert. -sr

Bautafel

Architektur: Farshid Moussavi Architecture, London
Projektbeteiligte: Richez Associés, Paris (Kooperierendes Architekturbüro); Coloco, Paris (Landschaftsarchitektur); PER Ingénierie, Montpellier (Tragwerksplanung); Serge Ferrari, Bourgoin-Jallieu / Silent Gliss, Bad Bellingen (Hersteller Sonnenschutz)
Bauherr/in: Les Nouveaux Constructeurs
Fertigstellung: 2017
Standort: 5 Rue Léonard de Vinci, 34000 Montpellier, Frankreich
Bildnachweis: Paul Phung

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Außen liegende Textilien müssen schwerentflammbar und witterungsbeständig sein.

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Vorhänge sind vielseitig einsetzbar, im Innen- wie Außenbereich.

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