Wohnhaus House Around a Chimney in Amarante

Respekt trifft Punk

Nachbarschaftliche Verhältnisse sind selten konfliktfrei: Zaunkämpfe wechseln sich mit Einladungen zum Kaffee ab. Die Straßenfassade des sanierten, vierstöckigen Wohnhauses in Amarante spiegelt diese nachbarschaftliche Ambiguität wider: Abgrenzung von der Umgebung bei gleichzeitiger formaler Anpassung. Mit der für ihre Bauprojekte typischen Farb- und Materialpalette hat das portugiesische Architekturbüro fala eine Sanierung geplant, die Respekt vor dem Bestand mit gestalterischem Mut zur punkigen Geste vereint. Der verwendete Bodenbelag spielt dabei eine tragende Rolle.

Der in Streifen verlegte, marmorne Bodenbelag der Türschwelle setzt sich im Eingangsbereich des Erdgeschosses fort, und lässt die Grenze zwischen Innen- und Außenraum verschwimmen.
Die aus Beton konstruierte Treppe wurde allseitig mit rosafarbenem, portugiesischem Marmor verkleidet, dem sogenannten „estremoz rosa“.
Der mit grünem Pigment versetzte Terrazzoboden bildet ein beruhigendes Gegenüber zu den eigenwilligen, vertikalen Elementen.

Pastelliges Farbspiel aus lokalen Materialien

Die überarbeiteten Details der denkmalgeschützten Straßenfassade deuten bereits das Material- und Farbspiel der dahinterliegenden Innenräume an: Rosafarbene Zierelemente und schwarz-weiß gestreifte Türschwellen aus Marmor treffen auf türkisgrüne Türen, Fensterfaschen und Balkongeländer. Die Bodengestaltung des Innenraums greift diese Gestaltungselemente wieder auf. Der in Streifen verlegte, marmorne Bodenbelag der Türschwelle zieht sich in den Eingangsbereich des Erdgeschosses und lässt bei geöffneter Tür die Grenze zwischen Innen- und Außenraum verschwimmen. Ein neuer Kamin bringt an kalten Tagen Wärme ins Haus und macht aus der Durchgangszone einen wohnlichen Aufenthaltsort.

Zwei vertikale Protagonisten: Kamin und Treppe

Der Schornstein sorgt nicht nur für die Ableitung der Rauchgase, sondern strukturiert auch die Raumaufteilung innerhalb des Gebäudes. Leicht von der Raummitte abgerückt, bildet er eine lineare räumliche Konstante, die mal als Türanschlag dient, mal als skulpturale Säule inszeniert ist. Entgegen dieser vertikalen Linearität des Schornsteins folgt die Treppe ihrem eigenen Weg. Sie wurde von fala zum Kontrapunkt auserkoren, was sich auch in der Materialität des Bodens widerspiegelt. Die aus Beton konstruierte Treppe wurde allseitig mit dem rosafarbene, portugiesischen Marmor „estremoz rosa“ verkleidet. Estremoz wird in der gleichnamigen Region abgebaut, weist ein vielfältiges Farbspektrum von Weiß bis Rosa auf und ist die bekannteste Marmorart des Landes. Die hier verwendeten Marmorplatten stammen aus dem Alentejo und wurden lokal weiterverarbeitet, bevor sie als wegweisendes Element glänzend poliert Eingang in das Wohnhaus fanden.

Horizontale Fassung: mintfarbener Terrazzoboden und Deckenanstrich

Dem rosa mäandernden Treppenboden gegenüber stehen die mintfarbenen Horizontalen des Bodens und der Decke. Der auf allen Etagen verlegte Terrazzoboden der 290 Quadratmeter großen Wohnfläche bildet ein beruhigendes Gegenüber zu den eigenwilligen, vertikalen Elementen. Der konventionell hergestellte Terrazzo wurde mit grünem Pigment versetzt und abschließend glänzend poliert. Um Schwindspannungen zwischen den quadratischen Bodenfeldern zu vermeiden, wurden die Fugen mit weißem PVC gefüllt. Die pastellgrün gestrichene Decke reflektiert in der Farbwahl den Boden. Dies erzeugt eine visuelle Fassung der Räume in der Horizontalen.

Gestreifter Bodenbelag im Außenraum

Die Schwellenräume zwischen Innen- und Außenraum heben sich in ihrer Materialität und Farbigkeit vom inneren Bodenbelag ab und erzeugen so einen deutlichen Übergang zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre. Die marmornen Schwarz-Weiß-Streifen der Türschwellen finden sich auf der Dachterrasse und dem ihr vorgelagerten Raum wider. Der weiße Marmor ist wieder ein Estremoz Marmor, diesmal der „pele de tigre“, was so viel wie Tigerfell bedeutet. Da Schwarz kein Teil des Estremoz Farbspektrums ist, wurde hier auf eine spanische Marmorart zurückgegriffen, den „negro marquina“ Marmor.

Nicht zuletzt dank der konsequenten Verwendung von Marmor und Terrazzo als Bodenmaterial hat fala es geschafft, aus der einstmaligen Gebäudecollage einen einheitlichen Baukörper zu schaffen. Dieser hebt sich von seiner umgebenden Bebauung ab – und fügt sich dennoch ins Stadtbild ein. Ein nachbarschaftlicher Kompromiss. -hs

Bautafel

Architektur: fala atelier
Projektteam: Filipe Magalhães, Ana Luisa Soares, Ahmed Belkhodja, Lera Samovich, Ana Lima, Joana Sendas, Paulo Sousa
Bauherrschaft: privat
Fertigstellung: 2020
Standort: Amarante, Portugal
Bildnachweis: fala, Ivo Tavares

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