Wohnhaus Escenario Meguro Hanabusayama in Tokio
Geologische Schichten aus Beton
Mitten im dichten Stadtgefüge Tokios erhebt sich ein Wohnhaus, dessen Betonfassaden wirken, als hätten sich geologische Schichten nach oben geschoben. Das Escenario Meguro Hanabusayama von Ryuichi Sasaki Architecture steht im Stadtteil Kamiōsaki im Bezirk Shinagawa-ku. Hinter dem nur 172 Quadratmeter großen Grundstück steigt das Gelände an. Der Ort gehört zur Hügellandschaft Hanabusayama, die seit der Edo-Zeit als Wohngegend bekannt ist. Auf dieser kleinen Fläche stapelt der 2023 fertiggestellte Neubau zwölf Wohnungen auf vier oberirdischen und einem unterirdischen Geschoss. Insgesamt entstanden 497 Quadratmeter Geschossfläche.
Die Topografie lieferte den Architekt*innen ihr Leitmotiv: Sie übertrugen die Linien und Bewegungen des Geländes auf den Baukörper und seine Oberflächen. An der Straße zeigt sich das Haus als kompakte, plastisch modellierte Figur aus Sichtbeton. Einzelne Fassadenpartien treten vor, andere weichen zurück. Die Geschosse sind in der Höhe zurückgestaffelt. Das erste Obergeschoss kragt aus und überdeckt so einen Weg entlang der Grundstücksgrenze. Hier führt ein langes Betonpodest in die Gebäudetiefe, zur Eingangstür. Zur Straße vermitteln ein paar Beete und Stufen.
Fassade: massiv, doch fein gegliedert
Der Beton tritt außen mit großer Präsenz auf. Ryuichi Sasaki Architecture ließ die Fassade in Ortbeton ausführen und gliederte sie mit schräg hervortretenden Gesimsen. Sie erinnern an übereinanderliegende Gesteinslagen und verleihen der Wand Plastizität. Auffällig sind außerdem die präzise angeordneten, sehr kleinen Ankerlöcher, die die Betonfassaden wie ein feines Punktraster überziehen.
Bei näherer Betrachtung sind auch die Abdrücke der hochformatigen, mit 600 x 1280 mm ebenfalls recht kleinen Schalungsplatten erkennbar. Versprünge der vertikalen Schalungsfugen heben die Gesimsbänder von den umgebenden Flächen ab. Vertiefte horizontale Fugen markieren die Geschosse. Mit wechselndem Sonnenstand verändern sich Licht und Schatten auf den Flächen, Kanten und Vorsprünge treten deutlicher hervor oder ziehen sich optisch zurück. Die massive Hülle wirkt dadurch weniger statisch, fast so, als würde sie sich im Tagesverlauf bewegen.
Die unterschiedlich großen Fenster wirken wie aus der Betonmasse herausgeschnitten. Vor allem zur Straße prägen quadratische Öffnungen das Erscheinungsbild. Ihre tiefen, betonsichtigen Laibungen verstärken den Eindruck einer dicken, tragenden Hülle. Für die kompakten Innenräume spielen die Fenster eine zentrale Rolle: Jede Einheit ist als Eckwohnung angelegt und öffnet sich zu zwei Seiten. So sind natürliche Querlüftung und Belichtung möglich.
Zugleich entstehen unterschiedliche Blickrichtungen nach außen. Die Architekturschaffenden beziehen sich dabei auf Shakkei, die aus der japanischen Gartenkunst bekannte Technik der „geborgten Landschaft“. Die Umgebung wird zum Bestandteil des Raumerlebnisses, obwohl sie außerhalb des eigenen Grundstücks liegt. In diesem Fall rahmen einzelne Fenster die Vegetation des höher gelegenen Geländes hinter dem Haus, während die dichte Nachbarschaft für einen Moment in den Hintergrund rückt.
Räumliche Tiefe im Inneren
Die kompakte äußere Form lässt kaum erahnen, wie unterschiedlich die Räume dahinter organisiert sind. Im Erdgeschoss befinden sich vier Wohnungen, davon drei Maisonettwohnungen mit Räumen im Untergeschoss. Alle Wohnungen kennzeichnet die zur Eingangstür gelegene Küche – einen Flur oder Windfang gibt es nicht.
In der Mitte des Grundrisses ist das gemeinschaftliche Treppenhaus angeordnet, das über den an der Grundstücksgrenze entlangführenden Korridor erreicht wird. Es erschließt je drei Wohnungen im 1. und 2. Obergeschoss sowie zwei Wohnungen im 3. Obergeschoss. Diese verfügen alle über eine kleine Eingangszone, neben der ein winziges WC angeordnet ist. Erst dahinter folgen Kochzeile und Wohnraum. Die Schlafbereiche sind am weitesten entfernt von der Wohnungstür.
Im Treppenhaus ist der Beton sehr präsent. Verneinzelt treten Sichtbetondecken und -wände auch in den Wohnungen in Erscheinung. Die weiteren Oberflächen sind stringent weiß. Hinzu kommen Bodenbeläge in Holzoptik sowie Küchenfronten und Wohnungstüren in Anthrazitgrau. Das über die großen Öffnungen einfallende Tageslicht wandert über die matten Flächen und hellt die Räume auf. Der Beton erhält dadurch eine beinahe weiche Anmutung.
Beton atmosphärisches Mittel
Vieles bleibt reduziert. Dadurch lässt sich die konstruktive Ordnung des Gebäudes auch im Inneren gut ablesen. Besonders dort, wo Treppen und Lufträume mehrere Ebenen miteinander verbinden, wird der Beton zum räumlichen Gerüst: Er fasst, begrenzt und führt den Blick. Außen machen Schalungsfugen, Ankerstellen und vorspringende Bauteile die Herstellung des Gebäudes erfahrbar. Der Werkstoff wird geformt, geschichtet, eingeschnitten und vom Licht immer wieder neu modelliert. Aus der massiven Konstruktion entwickelt sich so eine Architektur, deren charakteristische Gestalt unmittelbar aus dem Material hervorgeht.
Bautafel
Architektur: Ryuichi Sasaki Architecture
Projektbeteiligte: Tatsumi Terado Structural Studio (Tragwerksplanung), Kiyoshi Yonemitsu / Alpha Management & Partners (Bauleitung / Gebäudemanagement), Hidetaka Gonai / Escenario (Projektentwicklung)
Bauherr*in: Nobumitsu Ohashi / Shukou Kensetsu
Fertigstellung: 2023
Standort: 3-chōme-10-27 Kamiōsaki, Shinagawa City, Tokio 141-0021, Japan
Bildnachweis: Takumi Ota Photography (Fotos); Ryuichi Sasaki Architecture (Pläne)
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