Wohnhaus Cuadro Nakano North in Tokio

Ein Betonhaus für die Lücke

Im Stadtteil Nakano im Westen Tokios verdichtet sich die Stadt zu einem feinen Geflecht aus schmalen Grundstücken, kleinen Wohnhäusern, Läden, Parkplätzen und engen Straßenräumen. Hier, im Arai-Viertel unweit des Bahnhofs, steht seit 2022 das Wohngebäude Cuadro Nakano North. Es steht auf einer nur etwa 4,70 Meter breiten und 14 Meter tiefen Parzelle. Das Team von Ryuichi Sasaki Architecture schuf hier eine überraschend vielschichtige Raumstruktur: ein viergeschossiges Wohngebäude mit drei Mieteinheiten und zwei Parkplätzen. 

Im Abendlicht wird die urbane Dichte des Standorts sichtbar. Auf der einen Seite flankiert ein Nachbarhaus, auf der anderen eine Baulücke den Neubau.
An der Straßenfassade sind die übereinander gestapelten Wohneinheiten und das Parkgeschoss erkennbar.
Unter dem auskragenden Baukörper entsteht ein geschützter Eingangs- und Parkbereich.

Betonkörper unter Stadtdruck

Zur Straße hin erscheint das Wohnhaus als hoher, schmaler Betonriegel mit fast grafischer Strenge. Die Fassade ist von quadratischen Öffnungen geprägt, die in den massiven Sichtbeton eingeschnitten wirken. An der Straßenfront geben sie dem Gebäude eine klare Ordnung, während die unterschiedlich großen Quadrate an der Längsfassade zu tanzen scheinen.

Aus den baurechtlichen Höhen- und Abstandsregeln ergab sich ein kompakter, plastischer Baukörper. Besonders markant ist die Situation im Erdgeschoss. Vorne ist es auf eine Treppenbreite verjüngt, um Platz für einen Autostellplatz zu machen. Es wirkt beinahe so, als stünde das Gebäude auf einem Bein. Hinter dem Stellplatz schließt ein Raum an, der als Garage oder Atelier genutzt werden kann. Über das offene Erdgeschoss kragen drei Obergeschosse und reichen fast bis an das ähnlich aussehende Nachbargebäude heran, sodass nur eine dramatisch schmale Fuge bleibt. Der massive, schwere Stahlbetonkörper gewinnt dadurch an Leichtigkeit.

Treppe als räumliches Rückgrat

Im Inneren setzt sich das Prinzip der Verdichtung fort. Die drei Wohnungen sind übereinander angeordnet, jeweils eine Einheit pro Ebene. Auf einem Grundstück dieser Größe wird jeder Quadratmeter kostbar. Flure, Abstellräume und reine Erschließungsflächen würden schnell zu viel Raum verschlucken. Deshalb wurde die Treppe zu einem zentralen Element des Entwurfs. Kaskadenartig führt sie an der östlichen Hauswand entlang – wodurch sich die ungewöhnliche Fensteranordnung erklärt. 

Die Öffnungen sorgen für etwas Helligkeit in dem schmalen Treppenraum. Er ist allseits von Sichtbeton umgeben und somit von den Wohnungen getrennt. Die gestufte Decke des Aufgangs schiebt sich im ersten und zweiten Obergeschoss als Sichtbetonpodest in den Wohnraum, wodurch zusätzliche Stauräume und Ablageflächen entstehen. Zum obersten Geschoss hin macht die Treppe eine Viertelwendung und mündet unmittelbar in die Küche. Hier kragt der Arbeitstisch über das Treppenloch.

Die Wohnungen sind ansonsten zurückhaltend gestaltet. Weiße Wandflächen, helle Einbauten und reduzierte Details lassen die kompakten Räume größer wirken, als ihre Grundfläche vermuten lässt. Zwischen den glatten weißen Flächen und dem Sichtbeton entsteht ein ruhiger Kontrast. Bei den länglichen Grundrissen sind Küche, Wohn- und Schlafraum jeweils hintereinander angeordnet. Bad und WC bilden einen zonierenden Block. In einem dicht bebauten Stadtraum wird Licht zu einem kostbaren Gut. Vor allem an der straßenseitigen Stirnseite, mit den bodentiefen Fenstern, gelangt Tageslicht in die schmalen Grundrisse. Die Öffnungen an den Ost- und Südfassaden sind so angeordnet, dass sie gezielt Sitzplätze und Arbeitsflächen belichten.

Beton zwischen Tragwerk und Stadtraum

Der Stahlbeton ermöglicht die schlanke, monolithische Struktur mit der Auskragung über dem Erdgeschoss. Zugleich wirkt der massive Baustoff in der engen Nachbarschaft wie ein Schutzmantel. Die Oberflächen zeigen ein regelmäßiges Fugenbild mit ebenso regelmäßig positionierten Ankerlöchern. Die Textur resultiert aus der Schalung mit Zedernholzplanken. Die feine Maserung bleibt als Abdruck im Beton sichtbar und gibt der Fassade eine handwerkliche, beinahe textile Qualität.

Cuadro Nakano North macht deutlich, wie viel Architektur auf einem schmalen Restgrundstück entstehen kann, wenn Konstruktion, Erschließung und Nutzung eng zusammengedacht werden. Fläche wird präzise genutzt, Erschließung in den Wohnraum integriert – ganz im Sinne der Suffizienz.

Bautafel

Architektur: Ryuichi Sasaki Architecture, Tokio
Projektbeteiligte: Kiz Architects, Tokio (Zusammenarbeit Architektur); Tatsumi Terado Structural Studio, Tokio (Tragwerksplanung); Lighting Sou, Tokio (Lichtdesign); Nakamuraya Komuten (Bauausführung)
Bauherr*in: Nobumitsu Ohashi / Shukou Kensetsu
Fertigstellung: 2022
Standort: 2-8-9 Arai, Nakano-ku, 165-0026 Tokio, Japan
Bildnachweis: BAUHAUS NEO und Sherpa (Fotos), Ryuichi Sasaki Architecture (Pläne)

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