Wohnen am Mühltorplatz in Balingen

Stadtreparatur mit historischer Sensibilität

Stadtreparatur ist selten spektakulär, dafür umso wirksamer, wenn sie gelingt. Wo einst Gerberhäuser das Eyachufer in Balingen säumten und die Stadtmauer den Verlauf der Altstadt markierte, realisierte das Büro nbundm Architekten ein Ensemble aus vier Wohnhäusern, das Altes zitiert und dabei weder imitierend noch überformend wirkt. Mit dem Projekt Wohnen am Mühltorplatz konnte zwanzig Jahre nach der Sanierung des Quartiers Klein-Venedig eine letzte städtebauliche Lücke am Eyachufer geschlossen werden. 

Der Entwurf nimmt Bezug auf die kleinparzellierte, historische Struktur und überträgt diese in eine zeitgenössische Architektursprache.
Giebelständig zur Eyach reihen sich zwei der Neubauten entlang der Uferkante (eines davon im Hintergrund).
Das dritte Haus im Ensemble markiert den ehemaligen Standort der Herrenmühle.

Historische Analyse als Grundlage der Planung

Die Planungsgrundlage bildete eine historische Analyse des Areals, das ehemals Teil des Gerberviertels war. Hier stößt das in Fragmenten erhaltene mittelalterliche Stadtgefüge auf das nach dem Stadtbrand von 1809 im Stil einer klassizistischen Planstadt neu geordnete Zentrum mit seinen streng rechtwinkligen Straßenzügen. Der Entwurf nimmt Bezug auf die kleinparzellierte Struktur und überträgt diese in eine zeitgenössische Architektursprache. Giebelständig zur Eyach reihen sich zwei der Neubauten entlang der Uferkante – eine Referenz an die einstigen Gerberhäuser. Das dritte Haus im Ensemble markiert den ehemaligen Standort der Herrenmühle und bildet den Abschluss zweier öffentlicher Räume: des Mühltorplatzes mit Fischaufstieg und eines kleinen Angers. Ergänzt wird das Ensemble durch einen Anbau an ein Bestandsgebäude, der den Verlauf der historischen Stadtmauer nachzeichnet.

Die Gebäudevolumina, spitzen Giebeldächer und Raumkanten leiten sich aus den historischen Parzellengrenzen, Fluchten und Geländeverläufen ab. Die beiden Häuser an der Eyach sind jeweils mit einem doppelten Spitzdach ausgeführt und erwecken so den Anschein von insgesamt vier schmalen Häuschen – gemäß den historischen Proportionen. Dies entspricht auch der Grundrissorganisation: Eine Wohneinheit nimmt jeweils die halbe Haus- und somit eine Dachbreite ein. Insgesamt entstanden durch die vier Neubauten 22 Wohnungen plus Tiefgarage.

Zurückhaltende Fassadengestaltung mit Akzenten

Die Fassaden greifen das Bild der kleinteiligen Altstadtbebauung mit zurückhaltenden Mitteln auf. Helle, mineralisch verputzte Außenflächen in einem warmen Grauton wechseln sich mit weiß abgesetzten Sockelzonen und Fensterfaschen ab. Ziegelrote Markisen vor den Eckloggien setzen kräftige Akzente innerhalb der ruhigen, ornamentlosen Gestaltung. Die Maßstäblichkeit der Baukörper und die schlichte Fassadengestaltung ermöglichen eine harmonische Einbindung in die gewachsene Stadtstruktur.

Mauersteine und Beton für bauphysikalische Ansprüche

Die Außenwände der Neubauten wurden mit einem Schalungsstein-System erstellt, das höchste bauphysikalische Anforderungen erfüllt. Die Schalungssteine bestehen aus Blähton mit einem Dämmpaket aus Polystyrol, die nach dem Vermauern mit Ortbeton verfüllt werden. Das hier verwendete System hat eine Gesamtdicke von 37,5 cm; jeweils 3,25 cm entfallen auf die innere und äußere Tonschale der Steine, die Dämmschicht misst 17 cm, die Kernbetonschicht 14 cm. Die Konstruktion ermöglicht ein ausgeglichenes Raumklima, während die harte Außenschale mechanisch belastbar ist und einen dauerhaften, verputzbaren Fassadenabschluss bildet. Trotz der vergleichsweise schlanken Gesamtdicke erreicht das Wandsystem einen U-Wert von 0,22 W/m²K. Auch im Schallschutz erfüllt es hohe Anforderungen mit einem Schalldämmmaß von R‘w = 54 dB.

Vielfach ausgezeichnetes Wohnprojekt

Das Ensemble erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Preis für Beispielhaftes Bauen Zollernalbkreis 2023 und den Hugo-Häring-Preis 2023 sowie Anerkennungen beim Otto-Borst-Preis für Stadterneuerung 2024, bei Wohnbauten des Jahres 2023 und beim German Design Award 2022.

Bautafel

Architektur: nbundm - neuburger, bohnert und müller Architekten BDA und Stadtplaner, München
Bauherr*in: Wohnbaugenossenschaft Balingen
Fertigstellung: 2022
Standort: Beim Mühltor, 72336 Balingen
Bildnachweis: Sebastian Schels

BauNetz Architekt*innen

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