Wohn- und Geschäftshaus Argos in Graz

2-fach Isolierverglasungen mit integrierten Klappflügeln

Einhundert Augen am riesenhaften Körper, allsehend, niemals schlafend: Aus der griechischen Mythologie stammt die Geschichte vom Riesen Argus, dem unermüdlichen Beobachter. Seit 2019 türmt sich in Graz ein abstrahiertes bauliches Abbild des Fabelwesens in Form eines markanten Geschäfts- und Wohnhauses mit Lochfenstern, die in alle Himmelsrichtungen schielen. Mit diesem letzten Werk in Österreich trug die Londoner Architektin Zaha Hadid zum zeitgenössischen Architekturerbe der Stadt Graz bei.

Der Entwurf stammt von Zaha Hadid Architects aus London und ersetzt das einstige Kommod-Haus in der Burggasse Nr. 15.
Die Fassade ist zweigeteilt und besteht aus einer rückversetzten, gläsernen Sockelzone und der markanten Lochfassade in den oberen Geschossen.
Der Sockel ist als Pfosten-Riegel-Fassade ausgeführt. Die Lagerung der Gläser erfolgt über eine Structural-Glazing-Verklebung und Eindrehhalter.

Nicht ohne Grund trägt Graz als Landeshauptstadt der Steiermark mit seiner hohen Dichte an modernen Bauwerken den inoffiziellen Titel "heimliche Architekturhauptstadt der Österreichs". Dazu tragen verschiedene architektonisch wertvolle Bauten in der Grazer Innenstadt bei, darunter das im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres 2003 errichtete, biomorphe Kunsthaus Graz am rechten Ufer der Mur oder das Haus für Musik und Musiktheater (MUMTH), das als Teil der Kunstuniversität die Beziehung zwischen Architektur und Musik verkörpert. Die Auszeichnung der Altstadt als UNESCO-Weltkulturerbe hat die Stadtverwaltung als Verantwortung verstanden, das historische baukulturelle Erbe zu erhalten und zeitgenössische Bauwerke im sensiblen Spannungsfeld zwischen Alt und Neu behutsam einzufügen.


Unkonventionelle Interpretation einer Lochfassade

Das Geschäfts- und Wohnhaus Argos ist das jüngste architektonische Highlight der Stadt. Der Neubau befindet sich auf dem Grundstück des einstigen Kommod-Hauses in der Burggasse Nr. 15. Aufsehenerregend ist die zweigeteilte Fassade: Die doppelgeschossige Sockelzone ist zurückgesetzt und als transparente Structural-Glazing-Fassade in einer stählernen Pfosten-Riegel-Konstruktion ausgeführt. Darauf baut die markante Lochfassade mit asymmetrisch angeordneten, nach außen gewölbten Fensterlaibungen, den sogenannten Bubbles, auf. Der gläserne Sockel – ein zeitgenössisches Zitat der historischen Bauten der Altstadt – sorgt einerseits für eine glatte Fassadenebene auf Straßenniveau, hinter der sich öffentliche Nutzungen wie Einzelhandel und Büros befinden. Andererseits wirkt er im Kontrast zum massiven Aufbau in den oberen Geschossen und verleiht der gesamten Fassadenansicht eine ausgewogene Leichtigkeit.


Isolierverglasungen mit integrierten Klappfenstern

Die Konstruktion der insgesamt 43 Bubbles erwies sich im Rahmen der Planung und Umsetzung als äußerst anspruchsvoll. Erst nach mehreren Anläufen war es möglich, die herausstehenden Fenster aus Stahl, Glas und glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK) in einer homogenen, organisch fließenden Form erscheinen zu lassen. Dazu montierten die Beteiligten zunächst eine Unterkonstruktion aus insgesamt 90 Kubikmeter Brettschichtholz auf eine Fassaden-Primärkonstruktion aus Ortbeton. Das Holz der Unterkonstruktion stammt aus regionaler und nachhaltiger Forstwirtschaft. Zwischen der glasfaserverstärkten Außenhülle der Fensterlaibungen und der hölzernen Unterkonstruktion befindet sich die Dämmebene aus Mineralwolle. Innenseitig sind die Lochfenster mit Gipskarton verkleidet.


Präziser Glasausschnitt

Wesentlicher Bestandteil der Lochfensterkonstruktion ist die 2-fach Isolierverglasung aus jeweils 8 mm Einscheibensicherheitsglas (ESG), die mit Sonnenschutz- und Wärmeschutzbeschichtungen ausgestattet ist. Neben der gesamten Fassadenkonstruktion als solche ist auch die Anordnung der Öffnungsflügel außergewöhnlich: Dafür sind die Klappflügel in einen millimetergenauen Ausschnitt der raumabschließenden Verglasung eingepasst und mit Glasleisten fixiert worden. Dabei wendeten die Planer*innen die organische Formgebung auch auf das extrem schlanke, thermisch getrennte Stahlprofilsystem an: Mit viel Aufwand konnten somit auch die Klappflügel mit abgerundeten Ecken ausgeführt werden. 

Bautafel

Architektur: Zaha Hadid Architects, London
Projektbeteiligte: Sauritschnig Alu-Stahl-Glas, St. Veit/Glan (Metall-/Fensterbauer); Kulmer Holz-Leimbau, Pischelsdorf am Kulm (hölzerne Erker); Jansen, Oberriet (Systemlieferant Stahlprofilsystem); Dr. Pfeiler, Graz (Fassadenplanung); Vatter & Partner, Gleisdorf (Tragwerksplanung); Lieb Bau Weiz, Weiz (Generalunternehmer); Norbert Rabl Ziviltechniker, Graz (Brandschutz)
Bauherr/in: WEGRAZ Gesellschaft für Stadterneuerung und Assanierung, Graz
Fertigstellung: 2019
Standort: Burggasse 15, 8010 Graz, Österreich
Bildnachweis: Hufton+Crow; Argos Graz

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