Werkhaus in Caluire-et-Cuire

Wohnen und Arbeiten hinter massivem Kalksteinmauerwerk

Im Norden von Lyon, zwischen Saône und Rhône, liegt die französische Gemeinde Caluire-et-Cuire. Hier, nahe dem Flussufer, entstand 2021 ein fünfgeschossiger Neubau mit gemischter Nutzung auf dem 650 Quadratmeter großen Gelände einer ehemaligen Tischlerei. Das ortsansässige Architekturbüro AAP-Atelier Architecture Perraudin übernahm die Planung. Das aus massiven Natursteinblöcken errichtete Gebäude fügt sich in eine heterogene Nachbarschaft ein. Diese ist geprägt von der örtlichen Topografie und einer Vielfalt an Gebäudetypen: eingeschossige Pultdachhäuser, historische Verwaltungsbauten, Gewerbegebäude und soziale Wohnhochhäuser.

Der Neubau wurde als eine Art modernes Werkhaus konzipiert, in dem Arbeiten und Wohnen unter einem Dach stattfinden.
Das Kalksteinmauerwerk ist 40 cm dick.
Die Außenwand des Treppenhauses wurde teilweise als Filtermauerwerk ausgeführt.

Ein Haus zum Arbeiten und Wohnen

Der Standort blickt auf eine lange Tradition des Handwerks zurück und gilt bis heute als Arbeiterviertel. Der Bauherr, selbst Tischler und Träger der renommierten Auszeichnung Meilleur Ouvrier de France, wünschte sich einen Ort, an dem er sein handwerkliches Wissen weitergeben kann. Er ließ ein modernes Werkhaus errichten, das Arbeit und Wohnen unter einem Dach vereint. Die Räume sollten flexibel an künftige Bedürfnisse anpassbar sein. Insgesamt umfasst der Neubau eine Bruttogrundfläche von etwa 2.200 Quadratmetern. Im Erdgeschoss befindet sich das Herz des Hauses: die Werkstatt. Dort wird mit unterschiedlichen Holztechniken experimentiert; gelegentlich finden auch Veranstaltungen statt. Im ersten Obergeschoss befindet sich ein großzügiges Büro, das für die Nutzung als Co-Working-Space ausgelegt ist. Beide Etagen zeichnen sich durch weit spannende Natursteinbögen aus, die die Lasten der oberen Geschosse abtragen und offene Grundrisse ermöglichen.

Die oberen Geschosse, ursprünglich für Praktikant*innen gedacht, wurden als Wohngemeinschaften konzipiert. Sie erstrecken sich vom zweiten bis zum vierten Obergeschoss. Die Einheiten im dritten und vierten Stock sind als Maisonettes ausgeführt. Erschlossen werden die Wohnungen über Laubengänge, die vom einläufigen Treppenhaus im Innenhof erreichbar sind. Nach Süden ausgerichtete Loggien bieten allen Wohneinheiten privaten Außenraum. An der Nordseite des Dachgeschosses schafft ein Rücksprung in der Geometrie eine gemeinschaftliche Terrasse für die Bewohner*innen der Maisonettes. Die kompakt und funktional gestalteten Wohnungen, verfügen über zwei bis fünf Schlafzimmer, eine gemeinschaftliche Wohnküche und zwei bis drei Bäder. Neben Schreinerpraktikant*innen wohnen hier auch Studierende und externe Mieter. Im Untergeschoss bietet eine Tiefgarage Platz für 17 Fahrzeuge.

Massives Natursteinmauerwerk 

Schon von außen macht der Neubau durch seine subtile, jedoch hochwertige Fassade aus massivem Naturstein auf sich aufmerksam. In reduzierter Farbigkeit und ohne formale Überhöhung überzeugt das Gebäude durch seine klare Gestalt, die sich auch in der streng gerasterten Lochfassade widerspiegelt. Die Kalksteine, deren Marmorierung und Farbverlauf zwei verschiedene Steinarten erkennen lassen, prägen die Fassade: Der Sockel besteht aus robustem Rosal, die oberen Geschosse aus Albamiel. Diese Bauweise ist typisch für die Region Lyon.

Das Setzen der großformatigen, massiven Natursteinblöcke war aufgrund ihres Gewichts und der Materialbeschaffenheit mit großen Herausforderungen verbunden. Um einen sauberen Zusammenschluss des 40 cm starken Mauerwerks zu erzielen, wurden die Blöcke sowie sämtliche konstruktiven Bauteile wie Unterzüge und Stürze passgenau vorgefertigt. Das erleichterte nicht nur die Arbeit auf der Baustelle, sondern sparte auch Zeit und Kosten.

Hochwertige Reduktion bis in die Inneräume

Bodentiefe Fenster mit honigfarbenen Kiefernholzrahmen setzen einen warmen Akzent, der mit der Fassade harmoniert. Die filigranen Metall-Brüstungen der großzügigen Loggien wirken wie ein dezenter Filter. An der Ostfassade spielten die Architekt*innen mit Geometrien: Ein großes Bogenfenster gibt den Blick auf die vorbeiführende Treppe zu den Wohneinheiten frei. Die Außenwand des Treppenhauses ist zudem teilweise als Filtermauerwerk ausgeführt, das ein lebendiges Licht- und Schattenspiel erzeugt. 

Die Maisonettes zeichnen sich durch vier Aufbauten auf dem Dach ab. Um diese aus Holzrahmen gefertigten Module der zweigeschossigen Wohneinheiten weiter hervorzuheben, entschied sich AAP dafür, ihre Fassade mit Lärchenholz zu verkleiden.

Auch im Gebäudeinneren setzt sich die hochwertige und reduzierte Materialwahl fort. Lediglich die Geschossdecken wurden aus Kostengründen aus Stahlbeton gefertigt und teilweise verputzt. Ursprünglich sollten hier Massivholzplatten verbaut werden. Das massive Natursteinmauerwerk blieb unverkleidet und prägt somit auch den Charakter der Innenräume; auf den Böden kam ungeschliffener Estrich zum Einsatz. Installationen, wie Kabeltrassen und Lüftungsrohre hängen sichtbar von der Decke – ein klares, funktionales Design, das den Charakter des Hauses unterstreicht.

Bautafel

Architektur: APP Atelier Architecture Perraudin, Lyon

Projektteam: Gilles Perraudin, Jean-Manuel Perraudin, Benjamin Demoly, Nobouko Nansenet, Marco Lammers

Projektbeteiligte: WYSWYG Architecture, Lyon (Baustelle); Tem Partners, Lyon (Tragwerksplanung); Richard construction, Parcieux (Rohbau)

Bauherr*in: La Goutte d'Ébène, Caluire-et-Cuire

Standort:  331 Chem. de Wette Fays, 69300 Caluire-et-Cuire, Frankreich

Fertigstellung: 2021

Baukosten: 2,8 Millionen Euro

Bildnachweis: 11h45 agence, Paris 

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