Weleda Cradle Campus in Schwäbisch Gmünd
Holzbauweise mit Sockel aus Stampflehm
Am östlichen Stadtrand von Schwäbisch Gmünd im Gewerbegebiet Gügling Nord IV befindet sich der Weleda Cradle Campus, die Logistik- und Verwaltungszentrale des Naturkosmetik- und Arzneimittelherstellers Weleda. Die Architekten von Michelgroup aus Ulm entwarfen ein Ensemble aus drei Baukörpern, welche leicht aufgefächert in die Landschaft eingebettet sind. Die Dachflächen sind teils begrünt und Freiflächen als Streuobstwiesen und Kräutergärten gestaltet. Die Obergeschosse der Gebäude sind in Holzbauweise aus lokalem Fichten- und Tannenholz errichtet. Insgesamt kamen rund 5.800 Kubikmeter heimisches Holz zum Einsatz – der Campus gilt als Vorzeigeprojekt für nachhaltigen Industrie- und Logistikbau.
Dreiteiliges Ensemble mit Landschaftsbezug
Die Verwaltung, ein Funktionsgebäude und das rund 30 Meter hohe Hochregallager sind auf dem rund 72.000 Quadratmeter großen Areal als ein zusammenhängendes Ensemble organisiert und über Verbindungsbauten verknüpft. Durch die versetzte Anordnung entstehen Freiräume und Sichtbezüge in die Landschaft. Als zentraler Logistikstandort führt der Campus die zuvor dezentral organisierten Vertriebs- und Lagerprozesse zusammen. Das vollautomatische Hochregallager bündelt die Prozesse für die weltweite Distribution in 47 Länder.
Verwaltungsgebäude als Auftakt
Die Erschließung erfolgt von Südwesten über die Lise-Meitner-Straße. Den Auftakt bildet das zweigeschossige Verwaltungsgebäude als Ankunfts- und Eingangsbereich für Besucher und Mitarbeitende. Während das Erdgeschoss in Stahlbeton ausgeführt ist, besteht das Obergeschoss bis auf den Treppenhauskern aus einer Holzrahmenkonstruktion mit Brettschichtholzstützen und -trägern. Ein umlaufendes, auf Holzstützen gelagertes Vordach erweitert den Baukörper und schützt Fassaden und Zugänge vor Witterungseinflüssen. Die Büroräume sind entlang großflächiger Verglasungen angeordnet.
Funktionsgebäude als Bindeglied
An das Verwaltungsgebäude schließt das viergeschossige Funktionsgebäude an, das zentrale Betriebs-, Technik- und Logistikbereiche aufnimmt. Mit einer Grundfläche von etwa 79 x 40 Metern und einer Höhe von rund 24 Metern bildet es das verbindende Element zum Hochregallager. Die beiden unteren Geschosse sind in Stahlbeton ausgeführt und teilweise in das abfallende Gelände eingebunden. Die beiden oberen Geschosse sind als Holztragwerk mit Satteldachbindern, blockverleimten Unterzügen und Stützen ausgeführt. Die Aussteifung erfolgt über eine Brettsperrholzplatte, die mit den Betonkernen der Treppenhäuser verbunden ist. Eine vorgefertigte Holzrahmenfassade umschließt das Gebäude. Ergänzend sind Photovoltaikmodule in die Gebäudehülle integriert, die gemeinsam mit den Dachanlagen zur regenerativen Energieversorgung des Campus beitragen.
Verbindungsbrücke in Glas und Holz
Eine verglaste Brücke in Holzbauweise verbindet das Funktionsgebäude mit dem Hochregallager. Ihre Konstruktion besteht aus zwei Fachwerkbindern mit Spannweiten von rund 19,50 sowie 23 Metern und einer Höhe von 4,60 Metern. Die Aussteifung erfolgt über eine Brettsperrholzplatte im Brückenboden sowie Diagonalverbände im Dachbereich. Die thermische Hülle der Brücke wurde – mit Ausnahme der Verglasung und der Dachabdichtung – aus vorgefertigten Holzrahmenelementen erstellt.
Silobauweise mit Holz und Lehm
Das Hochregallager bietet Platz für über 17.000 Paletten und wird durch fünf Regalbediengeräte vollautomatisch betrieben. Der rund 81 × 38 Meter große Bau steht auf einer etwa fünf Meter tief gegründeten Stahlbetonwanne. Darauf erhebt sich ein acht Meter hoher und 60 Zentimeter starker Sockel aus Stampflehm, der aus dem Aushubmaterial der Baugrube und regionalem Kies hergestellt ist. Oberhalb des Sockels setzt sich die insgesamt rund 25 Meter hohe Gebäudehülle als gedämmte Holzfassade fort.
Das Hochregallager ist in Silobauweise ausgeführt, bei der das Regalsystem zugleich die tragende Struktur des Gebäudes bildet. Die Konstruktion aus Brettsperrholzstützen und Brettschichtholzträgern übernimmt neben den Lasten der eingelagerten Waren auch Dach-, Wind- und Erdbebenlasten. Auf den Stampflehmwänden stehen vorgefertigte Holzrahmenbauelemente, die eine rund 17 Meter hohe Holzfassade bilden. Die Gebäudeaussteifung erfolgt über das innere Holztragwerk, während die Außenwände ihre Lasten eigenständig in die Fundamente ableiten. Dank des hohen Vorfertigungsgrades war eine effiziente Montage der Holzkonstruktion möglich.
Raumklimatische Aspekte und Energieversorgung
Die Kombination aus Stampflehm und Holz sorgt für ein ausgeglichenes Innenklima und ermöglicht die Lagerung der empfindlichen Kosmetik- und Arzneimittel weitgehend ohne zusätzliche Heiz- oder Kühlsysteme. Die Energieversorgung des Campus erfolgt vollständig über erneuerbare Energien. 48 Erdwärmesonden mit einer Tiefe von 140 Metern sowie Photovoltaikanlagen auf Dächern und Fassaden decken den Heiz- und Kühlbedarf. Die PV-Anlage erzeugt jährlich rund 1,3 GWh Strom und spart etwa 207 Tonnen CO₂ ein.
Bautafel
Architektur: Michelgroup, Ulm
Projektbeteiligte: Holzbau Amann, Weilheim-Bannholz (Holzbau); ZRS Ingenieure, Berlin (Tragwerksplanung Lehmbau); Bauer + Partner, Ulm (Tragwerksplanung, Stahlbeton); merz kley partner, Dornbirn (Tragwerksplanung Holzregal); Jürgen Pohlmann, Essenbach (Detailstatik Holzbau); Transsolar Energietechnik, Stuttgart (Energiekonzept); Kaufmann Bausysteme, Reuthe (HRL)
Bauherr/in: Weleda Immobilien, Schwäbisch Gmünd
Fertigstellung: 2024
Standort: Lise-Meitner-Straße 25, 73529 Schwäbisch Gmünd
Bildnachweis: Marcus Hassler, Elias Hassos
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