Weleda Cradle Campus in Schwäbisch Gmünd

Ressourcensparende Gebäude

Wie überall in Gewerbegebieten erstrecken sich auch in Schwäbisch Gmünd niedrige Hallengebäude mit fensterlosen Blechfassaden mehrere hundert Meter weit und breit – ein enormer Flächenverbrauch in der eigentlich schützenswerten Landschaft der Schwäbischen Alb. Für diesen Ort plante das Architekturbüro Michelgroup den Weleda Cradle Campus, der einen Gegenentwurf zum sorglosen Ressourcenfraß darstellt.  Zwei hohe Gebäude, eines für die Logistik, eines für das Hochregallager, erheben sich aus der Landschaft, in die sich ein drittes Gebäude, die Verwaltung, halb eingräbt. Nur zwanzig Prozent des rund 72.000 Quadratmeter großen Grundstückes sind bebaut, der Rest wurde bunt und biodiversitätsfördernd bepflanzt. Die Volumen wurden nach einer Auswertung der lokalen Klimaeffekte im Abstand zueinander platziert. Ihre unterschiedlichen Ausrichtungen resultieren aus den berechneten Tageslicht- und Windverhältnissen. So fegt eine kühlende Brise durch das Ensemble und die Menschen, die dort arbeiten, profitieren von Luft, Licht und Ausblick.

Weleda zentriert seine Logistik in einem dreiteiligen Neubau in Schwäbisch Gemünd. Nur zwanzig Prozent des rund 17.200 Quadratmeter großen Grundstückes sind bebaut.
Das Ensemble besteht aus einem niedrigen Verwaltungsbau und zwei hohen Gebäuden: einem Logistikgebäude und einem Hochregallager.
Die Planung stammt von Michelgroup, die passend zur Marke Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft zum Entwurfsziel hatten.

Bauweise

Oberstes Ziel des Entwurfes war die energetische Nachhaltigkeit, ein weitgehendes Kreislaufprinzip bei den verwendeten Materialien und ein niedriger CO₂-Fußabdruck. Wo statisch und funktionsbedingt notwendig, baute man in Stahlbetonweise: Das halb eingegrabene Erdgeschoss des Verwaltungsgebäudes wurde wegen der Last der Erdmassen so errichtet; auch das Erd- sowie das erste Obergeschoss des mittigen Funktionsgebäudes haben eine Stahlbetonkonstruktion, die weite Spannweiten ermöglicht und so die Ausnutzung der Flächen bei hoher Tragfähigkeit erhöht. Zudem stützt sich die Konstruktion des Hochregallagers auf eine ins Erdreich eingelassene, somit von außen nicht sichtbare Stahlbetonwanne mit thermisch aktivierten Sockelwänden. Darüber erhebt sich eine Stampflehmwand aus 1.200 m³ Baugruben-Lehm.

Die sechzig Zentimeter starke Lehmwand ist über acht Meter selbsttragend, umhüllt zwei aussteifende Ringanker aus Stahlbeton, verbessert Raumklima und Klimabilanz und wurde zum imageträchtigen Sinnbild des Projektes. Die Obergeschosse wurden bei allen drei Gebäuden in Holzbauweise aus lokalem Fichten- und Tannenholz errichtet. Eine Besonderheit hinsichtlich des verwendeten Materials sind die Hochregale des dreißig Meter hohen Lagergebäudes, die wegen der Nachhaltigkeit ebenfalls komplett aus Holz gebaut wurden und Platz für über 17.000 Paletten haben. Insgesamt wurden 5.800 m³ Holz verbaut, die entsprechend viel CO₂ binden und die sich bei einer späteren Nachnutzung sortenrein zurückbauen und wiederverwenden lassen. 

Grundriss und Fügung

Auch für die Innenräume gilt das Prinzip der reversiblen Fügung und der nachnutzbaren Grundrisse. So liegen die Gebäudekerne entweder in der Mitte des Grundrisses, wie im Verwaltungsbau, oder seitlich angedockt, wie im Funktionsgebäude. Hier sind notwendige Treppenhäuser und Nebenräume gebündelt. Im Verwaltungsbau lassen sich so die gut belichteten Flächen entlang der Fenster frei nutzen und einteilen – dort liegen die Büroarbeitsplätze. Im Funktionsgebäude dagegen entsteht über die gesamte Grundrissfläche maximal weiter Raum für die Abfertigung der Warenpakete. Beide Grundrisstypen lassen sich bei Bedarf gut umgestalten oder nachnutzen. Das gilt auch fürs Material: Tragende Betonwände und Betondecken bleiben unverkleidet, Holzrahmenkonstruktionen als solche ablesbar, Einbauten und Innenwände sind in Leichtbauweise reversibel verbaut, sodass Tragsprinzipien, Fugen und Stöße ablesbar bleiben. Weil rohe und durchlaufende Oberflächen oft akustische Probleme mit sich bringen, sind Filzbaffeln an der Decke und Wandabsorber aus Filz in fast jedem Raum ein Gestaltungsmerkmal.

Gebäudetechnik

Die Fassaden des Verwaltungs- und des Funktionsgebäudes weisen einen hohen Fensteranteil auf, was im Innern nicht nur angenehme, lichte Arbeitsräume mit Ausblick schafft, sondern auch den Energiebedarf für die Beleuchtung und Belüftung reduziert. Grundsätzlich setzen die Planenden bei diesem Projekt auf passive Klimaeffekte durch die Wahl des Materials und die Anordnung der Fenster. Auch beim Wassermanagement gilt es, die vorhandenen Ressourcen zu nutzen. Daher wird Regenwasser in Zisternen gespeichert und Grauwasser wiedergenutzt. Der Fokus auf natürliche Ressourcen und eine nachhaltige Architektur heißt aber nicht, dass keine Technik verbaut ist, im Gegenteil, beides bedingt sich: Das Lager funktioniert digitalisiert und vollautomatisch; über Förderbänder gelangen die Waren vom Lager in die Warenabfertigung. Für die Lagerung ist wichtig, dass Frischluft von außen nicht ungefiltert ins Lager gelangt und dass Temperaturen und Luftfeuchtigkeit konstant bleiben. Die Hülle aus Lehm und Holz ist luftdicht ausgebildet, wirkt zugleich klimaausgleichend und spart eine mechanische Klimatisierung des Lagers. Für die notwendige Umluft sorgen die automatisierten Raumbediengeräte, die Waren aus den und in die Regale befördern und dabei Luftbewegungen verursachen.

Nicht nur die Logistik, auch der Betrieb der Gebäude selbst verbraucht Strom. So wird das Gebäude über ein komplexes System aus mehreren Wärmepumpen und zwei Sole-Wasser-Kreisläufen beheizt und gekühlt. Die Wärmeenergie dafür beziehen die Pumpen aus zwei Erdsondenfeldern. So entsteht ein autarkes System, das aber konstant Strom benötigt. Daher wurde ein Großteil der Hüllflächen mit PV belegt, dachseitig oder in den Sonnenschutz der Holzfassade integriert. Die Module erzeugen auf insgesamt 10.000 Quadratmetern Fläche 13.000 MWh pro Jahr – genug für den Eigenbedarf des Gebäudes. Für eine dezentrale Steuerung der Beleuchtung und der Sonnenschutzlamellen kommen KNX-Tastschalter zum Einsatz, die helfen, Technik bedarfsgerecht zu schalten und so Strom zu sparen. Für den energieautarken, möglichst CO₂-neutralen Betrieb sowie für weitere Nachhaltigkeitsaspekte wurde das Gebäude mit DGNB Platin vorzertifiziert.

Bautafel

Architektur: Michelgroup, Ulm
Projektbeteiligte: Büro Hink Landschaftsarchitektur, Sindelfingen (Freiraumplanung); ZRS Ingenieure, Berlin (Tragwerksplanung Lehmbau); Bauer + Partner, Ulm (Tragwerksplanung Stahlbeton); merz kley partner, Dornbirn (Tragwerksplanung Holzregal / HRL); Transsolar Energietechnik, Stuttgart (Energieplanung); TÜV Süd Industrie-Service, Ulm (Brandschutzplanung); Jung, Schalksmühle (Schalter)
Bauherrin: Weleda Immobilien, Schwäbisch Gmünd
Fertigstellung: 2024
Standort: Lise-Meitner-Straße 25, 73529 Schwäbisch Gmünd
Bildnachweis: Henrik Schipper, Dortmund

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