Weberfabrik Al Naseej in Bani Jamrah
Museum für gelebtes Handwerk
Traditionelle Handwerkstechniken sind Teil des immateriellen Kulturerbes und müssen wie die Natur oder Baudenkmale geschützt werden. Im Königreich Bahrain ist das jahrhundertealte Weberhandwerk von Verlust bedroht. Im Dorf Bani Jamra im Norden des arabischen Archipels soll die 2021 errichtete Al Naseej Textilfabrik dem entgegenwirken. Errichtet nach Plänen des Genfer Büros Leopold Banchini Architects ist das Bauwerk zugleich Manufaktur, sozialer Raum und Kulturbetrieb. Einer lokalen Bautradition bedienten sich die Architekturschaffenden für die Herstellung der Fassade und der Überkopfverschattungen: Sie bestehen aus gewebten Dattelpalmenblättern.
Identitätsverlust durch Wirtschaftsboom
Ausgelöst durch den in den 1930er-Jahren entdeckten Ölreichtum, erlebte das Königreich Bahrain, wie auch seine arabischen Nachbarstaaten am Persischen Golf, im Laufe des 20. Jahrhunderts einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufstieg. Infrastrukturen wie Straßen, Schulen und Krankenhäuser wurden gebaut und die Lebensstandards verbesserten sich deutlich. Mit der wirtschaftlichen Entwicklung ging eine starke Urbanisierung einher. Menschen zogen aus ländlichen Gebieten in Städte, insbesondere in die Hauptstadt Manama. Diese Urbanisierung veränderte die soziale Struktur und das tägliche Leben erheblich. Was einerseits den allgemeinen Lebensstandard verbesserte, bedeutete andererseits einen fortschreitenden Verlust an teils jahrhundertealten Traditionen.
Auch das Dorf Bani Jamrah erfasste die Modernisierungswelle. Heute werden Stoffe vor allem aus Indien importiert. Von einst 35 Weberfamilien ist nur noch eine dort ansässig. Die traditionelle Webtechnik von Bani Jamrah besteht darin, zwei verschiedene Wollarten zu verflechten, um Stoffe mit detaillierten und farbenfrohen Mustern zu erzeugen. Typisch für die Region ist dabei die Arbeit mit speziellen Grubenwebstühlen. Weber*in und Webstuhl sitzen dabei halb in einer Erdvertiefung. Auf diese Weise wird die Fußbodenfläche zum Tisch umfunktioniert, auf dem das Garn ausgebreitet werden kann. Um diese Kunstform nicht vollends aussterben zu lassen, fördert die staatliche Kulturbehörde Bahrain Authority for Culture and Antiquities (BACA) verschiedene Initiativen, zu der auch die Einrichtung der Al Naseej Textilfabrik gehört.
Gerastertes Dorf im Dorf
Das aus lokal verfügbaren Materialien errichtete Gebäude befindet sich am nördlichen Rand des Dorfes und ersetzt die vormalige Produktionsstätte der Weberfamilie. Die eingeschossige Holzkonstruktion auf trapezförmigem Grundriss hat eine Gesamtgrundfläche von 340 Quadratmetern. Der Fußboden besteht aus grauen Terrazzofliesen mit eingelassenen Flusskieseln. Ihr Format gibt ein Raster vor, an dem sich die gesamte Gebäudestruktur und Raumdisposition orientiert: Die Stützen und Balken der Holzständerkonstruktion bilden Quadrate, die jeweils 6 x 6 Fliesen einschließen. Das enge Raster aus Holzstützen soll an Dattelplantagen im Norden der Insel erinnern.
Das Bauwerk ist nach innen orientiert: Die Fassaden- und Dachpaneele aus gewobenen Dattelblättern sind blickdicht. Sie umgeben einen einzelnen Raum, der durch verschiedene Bausteine zu einer Art Dorf im Dorf wird. Die Bäder, die Küche und verschiedene, nach Funktion getrennte Webstationen sind als verglaste Raumkapseln mit massiven Flachdächern eingestellt. Sie sind von Verbindungswegen, Bodenvertiefungen, Wasserbecken und Brunnen umgeben. Sechs mächtige Palmen, um die die Architektur herumgeplant wurde, durchbrechen das Sonnendach und erzeugen kleine Hofsituationen, die den Innenraum mit natürlichem Tageslicht füllen.
Sonnenschutz: Arish – Architektur aus Dattelpalmblättern
Ein besonderes Merkmal der Al Naseej Textile Factory sind Fassaden- sowie Dachelemente, die nach der traditionellen „Arish“ Methode gefertigt wurden. Dabei handelt es sich um eine Technik, bei der getrocknete Blätter von Dattelpalmen zu stabilen und schattenspendenden Oberflächen verwoben werden. Die Methode war bis in die 1950er-Jahre weit verbreitet und prägte das Bild vieler Städte der Golfregion. Dabei existierten sowohl große bauliche Strukturen, die in den Dörfern und Städten gemeinschaftlich errichtet wurden, als auch kleinere temporäre Einheiten. So gruben in der Vergangenheit etwa auch die bahrainischen Weber ihre Bodenlöcher im Schatten einer leichten Arish-Struktur, um ihre tägliche Arbeit vor der Sonne geschützt verrichten zu können. Durch den allgemeinen Modernisierungsprozess und die Verbreitung der Klimaanlage geriet die so einfache wie effiziente Methode der passiven Kühlung in den Hintergrund.
Die Verwendung des natürlichen, nachwachsenden Rohstoffes hat
einige Vorteile. Die gewebten Paneele bieten nicht nur Schutz vor
der intensiven Sonne, sondern tragen auch zur natürlichen Belüftung
des Gebäudes bei. Durch die zahlreichen Öffnungen in der groben
Webstruktur kann Luft zirkulieren und Tageslicht gefiltert
eindringen. Darüber hinaus nutzen Arish-Strukturen die Eigenschaft
der Palmblätter, nachts überschüssige Feuchtigkeit aufzunehmen und
tagsüber die heiße Luft durch langsames Austrocknen zu befeuchten.
Dies trägt zur natürlichen Kühlung der Innenräume bei. Nicht
zuletzt entfaltet die Methode über den raumklimatischen Nutzen
hinaus eine besondere ästhetische Qualität. So kontrastieren die
grobporigen Webstrukturen mit den glattgeschliffenen
Kunststeinoberflächen, dem strengen Raster und den edlen
Materialien besonders effektvoll. -sr
Bautafel
Architektur: Leopold Banchini Architects, Genf
Standort: Bani Jamra, Bahrain
Fertigstellung: 2021
Bildnachweis: Dylan Perrenoud, Genf (Fotos); Leopold Banchini Architects, Genf (Pläne)
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