Vöhlinschloss in Frickenhausen
Licht im Denkmal
In der Dorfmitte von Frickenhausen im Unterallgäu wurde ein echter Schatz gehoben: Das über fünfhundert Jahre alte Schloss der Memminger Kaufmannsfamilie Vöhlin stand zuletzt lange leer und war von Efeu dicht überwuchert. Bis das Architektenpaar Anna Kern und Sebastian Heinzelmann, die gemeinsam das Büro Kern Architekten führen, das historische Gebäude kaufte und es ebenso umfassend wie behutsam sanierte. Sie erhielten dafür mehrere hochrangige Auszeichnungen, darunter die Denkmalschutzmedaille 2025.
Zustand des Bestandes
Das 1492 errichtete Gebäude ist ein dreigeschossiger Satteldachbau mit zwei Rundtürmen, der mit seinen kleinen Fenstern, schmalen Schießscharten und massiv gemauerten, hoch aufragenden Wänden eher an eine Burg als an ein Schloss erinnert. Im 18. Jahrhundert wurde das Dach um zwei Zwerchhäuser und der Rittersaal um dekorativen Stuck ergänzt. Auch zwei Erker kamen hinzu. Die historischen Bauphasen sind bis heute ablesbar, beispielsweise am erdgeschossigen Tonnengewölbe und an den größtenteils noch bauzeitlichen Putzaufbauten. Insofern ist das Gebäude einzigartig und steht unter Denkmalschutz. Aber es war statisch in einem desolaten Zustand mit verfaulten Holzbalkenköpfen an den Zwischengeschossdecken, einer vom Gewölbe nach außen geschobenen, rissigen Außenwand, nicht mehr tragfähigen Fundamenten sowie Schäden am Dachgebälk.
Statische Ertüchtigung
Die statische Ertüchtigung stand daher im Vordergrund: So wurden die Fundamente mit Beton ausgegossen und mit Querzugstangen gesichert. Das Gewölbe und damit die Wand wurden mit einem Ringbalken gegen Schubkräfte abgesichert. Zusätzlich eingezogene Stahlstützen und -träger sowie Stahlmatten tragen als Sekundärtragwerk die alten Zwischendecken. Diese großen, aber für die Standfestigkeit notwendigen Maßnahmen bleiben als neu erkennbar. Alle weiteren Sanierungsarbeiten zielten darauf, das Originale zu erhalten oder, wo das nicht ging, die Bausubstanz möglichst originalgetreu instand zu setzen. Beispielsweise wurden die Deckenbalken, da wo sie nicht zu retten waren, in Teilen oder ganz mit baugleichen Balken aus lokalem Fichtenholz ausgetauscht. Bei der Sanierung orientierte sich das Planungs- und Bauteam an den bauzeittypischen Handwerkstechniken, für die es regionale Materialien wie Sand, Sumpfkalk, Fichtenholz, Lehmziegel, Eichenholz und Nagelfluh überwiegend manuell verarbeitete – so wie es im Mittelalter üblich war.
Ursprüngliches Erscheinungsbild
Die alten Fachwerkwände, ebenso wie die Holzbohlenständerwand im ersten Obergeschoss, wurden bauzeittypisch wiederhergestellt. Ebenso alle Putzoberflächen, die saniert und mit einem trockengelöschten Kalkputz überputzt wurden, um den Bestand zu schonen. Der Boden des Erdgeschosses bestand aus gestampftem Erdreich, typisch für mittelalterliche Bauten, aber natürlich nicht mehr praktikabel. Hier wurde ein Kalkstampfboden eingebracht, der geschliffen die Anmutung eines Terrazzo erhält. Im ersten Obergeschoss wurde der Bodenbelag aus handgefertigten Lehmziegeln verlegt, so wie man es in einigen der Räume vorfand. Das Dach erhielt eine neue Deckung mit Biberschwanz-Ziegeln, bei der teilweise auch die alten Ziegel wiederverwendet wurden. Tür- und Treppenfassung erhielten wieder ihre originäre Farbigkeit in Blau und Grün; die alte Rauchküche, jetzt Bad, strahlt wie ehemals in Blutrot. Die historischen Fenster wurden restauriert und innenseitig um ein Isolierglasfenster ergänzt. Später zugefügte Fenster aus dem 20. Jahrhundert wurden komplett gegen zeitgemäße, nach alten Proportionen gestaltete Fenster getauscht. Die teils vermauerten Schießscharten in den Türmen wurden wieder geöffnet und verglast.
Denkmal in Nutzung
Weil das Bauwerk aber nicht alleine Denkmal ist, sondern auch Wohnraum für das Architektenpaar und zudem in den Erdgeschossen öffentlich nutzbare Räume für Veranstaltungen hat, braucht es eine zeitgemäße Infrastruktur. Eine neue Treppe sowie Bad und Küche wurden ergänzt. Mit Holz- und Terrazzo-Oberflächen, handwerklichen Fliesen und teils frei eingestellten Möbeln passen sie sich farblich und im Material dem Bestand an, bleiben dabei als zeitgenössisch erkennbar und gehen zugleich behutsam mit der Bausubstanz um. Die statische Ertüchtigung der Decken und die Sanierung der Bodenaufbauten und des Putzes vereinfachten eine Neuverlegung der notwendigen Installationen. So ließen sich beispielsweise Elektroinstallationen unter Putz verlegen, sodass Decken- und Wandleuchten funktional, dezent und sensibel in die historischen Räume integriert werden konnten. Geschaltet werden sie über schlichte, weiße Schalter (Jung-Serie LS 990). Ergänzend zu der Grundbeleuchtung hängen an ausgewählten Stellen skulpturale, raumgreifende Leuchten, die teils große Raumhöhe mit Licht füllen. Wichtig ist das vor allem im erdgeschossigen Veranstaltungsraum, der wegen der Bauweise und der kleinen hohen Fenster nur wenig Licht und keine Ausblicke bietet. Der skulpturale Leuchtschlauch (Morghen Studio) erzielt hier eine festliche Atmosphäre mit gleichmäßiger Ausleuchtung.
Bautafel
Architektur: Kern Architekten, Mindelheim
Projektbeteiligte: Matthias Jagfeld, Gröbenzell (Tragwerksplanung), Hofmann & Dietz Architekten BDB BDLA, Irsee (Freiraumplanung), Fassnacht Ingenieure, Bad Wurzach/Arnach (Entwässerung), Pelzl Heizungsbau, Kaufbeuren (HLS-Planung), Reinhold Schuster Bauunternehmung, Mindelheim/ Oberauerbach (Bauhauptarbeiten), Rausch, Neuburg-Wattenweiler (Zimmererarbeiten), Trommler Kaminbau, Lauben (Kaminbau), Jürgen Lutz, Stetten (Elektroinstallationen), Kurt, Memmingen (Stahlbau), Markus Schuler Fensterbau, Rechtenstein (Fensterbauarbeiten), Alexander Graf Spenglerei, Niederraunau (Spenglerarbeiten), Johann Weiß, Dietenheim-Regglisweiler (Putzarbeiten außen), Alfons Braito, Lauben/Frickenhausen (Maler), Naturstein Wiedemann, Apfeltrach (Steinmetzarbeiten), Herbert Haug Restaurator, Friesenried/Haid (Restauratorische Arbeiten innen), Haugg Kirchenrestaurierung, Buxheim (Kirchenmalerarbeiten), Ernst Striebel Dipl.-Restaurator, Kirchheim (Holzrestauratorische Arbeiten), Attenberger Bodenziegel, St. Wolfgang (Bodenziegel), Louis Poulsen, Flos, Foscarini sowie MORGHEN Studio (Leuchten), Jung, Schalksmühle (Schalter)
Bauherr*in: Anna Kern und Sebastian Heinzelmann, Lauben
Fertigstellung: 2023
Standort: Schloßberg 2, 87761 Lauben
Bildnachweis: Célia Uhalde, Marktoberdorf; Nicolas Felder, Wiggensbach (Fotos) Kern Architekten, Mindelheim (Pläne)
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