Villenetage in Levanto/Italien
Implantat mit Türen, Klappen, Fächern und Schubladen
Wer träumt nicht von einem Haus am Meer? Oder noch besser, vom Leben in einer Villa direkt am Strand? Mit edlen Materialien wie Marmor und Eiche vor hellblauem Himmel und tiefblauem Meer, mit salzhaltiger Luft und Rauschen der Wellen? Diesen Traum erfüllte sich eine Familie mit vier Kindern – allerdings fern von romantischem Kitsch mit einer architektonischen Intervention.
Levanto ist eine kleine Ortschaft am Ligurischen Meer zwischen Genua und La Spezia. Nicht weit entfernt liegt der Cinque-Terre-Nationalpark, der für Wanderrouten entlang der Küste bekannt ist. Eine ursprünglich aus Kalifornien stammende und in Italien lebende Familie mit vier Kindern hatte mehrere Jahre lang in Levanto die Sommerferien verbracht und den Ort zu schätzen gelernt. Während nämlich die kleineren Kinder wunderbar am Sandstrand spielen können, begeisterten sich die beiden Jugendlichen für das Surfen. Die Bucht von Levanto mit ihren langen Wellen ist in den letzten Jahren von Surfern entdeckt worden. Die Eltern hatten Freundschaft mit einheimischen Familien geschlossen und genossen Gastronomie, Gastfreundschaft und – ähnlich wie in Kalifornien – die Lage an einer warmen Westküste mit langen Sonnenuntergängen im Meer. Die Familie beschloss daher nach einer geeigneten Wohnung für ein eigenes Domizil Ausschau zu halten.
Villa aus den 1930er-Jahren
Sie wurden fündig bei der Casa dei Blondet, einer rosafarbenen dreigeschossigen Villa aus den 1930er-Jahren direkt an der Strandpromenade. Die Villa, seit mehreren Generationen im Familienbesitz, wird vom schon älteren Eigentümer im Obergeschoss bewohnt. Er ließ sich überzeugen, dass der Einzug einer Familie mit Kindern wieder Leben und Schwung in das Haus bringen würde, und verkaufte der Familie daher die Beletage, das Erdgeschoss oberhalb eines Souterrain-Geschosses. Die rosa verputzte Fassade mit hellbeigen und rosa Faschen um Fenster, die beige-grün gestreiften Markisen, die schmalen Balkone und der Eingangsbereich mit authentischen Materialien wie lokalem Marmor und einer geschnitzten hölzernen Portaltür waren gepflegt und daher intakt. Doch vor dem Einzug der Familie bedurfte die Beletage-Ebene einer Renovierung und Anpassung an die neuen Bewohner*innen – unter Aufgabe eines traditionellen Raumverständnisses.
Die Rituale des Wohnens respektive Nutzens einer Villa, hier sogar unweit einer der Villen der Familie Agnelli, den legendären Fiat-Industriellen, haben sich im letzten Jahrhundert erheblich gewandelt. Statt einer Zelebrierung von repräsentativen Räumen für Gesellschaften und der Trennung von Servicebereichen wie der Küche und den Unterkünften der Dienstboten sowie den als absolut privat betrachteten Schlafräumen wird heute eher zwischen gemeinschaftlich genutzten und individuellen Rückzugsbereichen unterschieden.
Bestand und Wünsche
Tragende Wände teilen die 104 m² Wohnfläche in fünf Räume mit Deckenhöhen von 3,20 m auf. Doch die Familie wünschte sich drei Schlafzimmer, zwei Bäder, ein Studio für ungestörtes Arbeiten, ein Gästezimmer, eine Wohnküche für die sechsköpfige Familie und deren Freundinnen und Freunde und natürlich auch ein Wohnzimmer mit Meerblick. Ein solches Raumprogramm ist auf 104 m² Fläche geometrisch kaum machbar. Den Auftrag übernahm dennoch das in Genua ansässige Architekturbüro Llabb, das ursprünglich als Tischlerei-Studio gegründet war. Die architektonische Lösung lag daher in einer sorgfältigen neuen Organisation und Aufteilung sowie einer Verknüpfung der Nutzungen mittels eines zusammenhängenden hölzernen Implantats.
Portal, Treppenhaus, getrennte Erschließung
Ursprünglich führte der an der Promenade gelegene Haupteingang zu einem Flur, der L-förmig die Haupttreppe und die fünf Beletage-Räume erschloss. Schlafräume waren klassischerweise im Obergeschoss, Dienstboten- und Nebennutzungsräume im Souterrain. Zugunsten einer besseren Flächennutzung hat das Architekturteam die Eingänge gesplittet. Der Haupteingang führt nun ausschließlich zur Beletage. Die Türöffnung im Flur zum Treppenhaus wurde geschlossen. Das seitlich gelegene Treppenhaus ist nun aufgewertet und dient als separater Zugang zum Obergeschoss und zum Souterrain.
Organisation von Räumen und Nutzungen
Durch diese Maßnahme konnte der Flur verkürzt und die beiden meerseitig gelegenen Räume mit einem Durchbruch verbunden werden. Als Wohnküche und Wohnzimmer bilden sie nun ein Raumkontinuum, das mit einem Schlafsofa sogar auch zum Schlafen genutzt werden kann. Rückseitig liegen die Schlafräume für die Eltern und die Kinder, jedoch getrennt durch das Arbeits- und Gästezimmer. Ein Teil des Flurs wurde zu einem Sanitärkern mit zwei Bädern und einer Kammer für Haustechnik, Lager und Hauswirtschaft umgebaut. Schiebetüren dienen als platzsparende Trennelemente zwischen Studio und Elternschlafzimmer sowie zwischen der Wohnküche und dem Kern mit den Nebennutzungen.
Implantat, Leitmotiv
Das Architekturteam charakterisiert das Konzept des Implantats mit dem deutschen Begriff Leitmotiv. Das passt tatsächlich, denn es findet sich als zusammenhängender Einbau in nahezu allen Räumen, die es damit visuell wie in einem fließenden Grundriss verbindet. Zudem ist es sorgfältig an die Proportionen der Räume angepasst. Das Implantat ist aus Eiche maßgeschneidert, denn Eichenholz ist strapazierfähig, langlebig und harmoniert mit dem Fischgrätparkett des Fußbodens. Teils ist das Holz hellgoldbeige mit einer klaren Acrylschicht überzogen, teils setzt eine satte blaue Lackierung Akzente, die sich bis in die Deckenfarbe fortsetzen. Die Farbe Blau zitiert das Mittelmeer und mit den geschwungenen Konturen maritime Motive wie beispielsweise Boote und Surfbretter.
Das Implantat integriert mit zahlreichen Türen, Klappen, Fächern und Schubladen Einbauschränke für Küchenutensilien, Stauraum für Kleidung, Regale, Sitznischen, Schreibtische, eine Umkleide nach Strand, Schwimmen und Surfen. Im Kinderschlafzimmer wird es zu einer Bettskulptur mit Kojen und Ausblicken durch ein Fischernetz. Als ausgesuchte Möbel vervollständigen ein Esstisch von Extendo mit dänischen CH24-Wishbone-Stühlen – ebenfalls aus Eiche gefertigt – von Carl Hansen & Son die Küche. Die Vorliebe für italienisches Design zeigt sich bei den Leuchten von Flos, Artemide und Luceplan.
Der Um- und Ausbau dieser Villenetage zu einer Strandwohnung
einer sechsköpfigen Familie verbindet eine
architektonisch-räumliche Analyse von Bestand, Wünschen und
Möglichkeiten mit einer durchdachten Intervention und handwerklich
äußerster Präzision. -sj
Bautafel
Architektur: Llabb, Luca Scardulla und Federico Robbiano, Genua; Alberto Righetti, Simone Camera, Ottavia Pasini, Benedetta Celle (Projektteam) (Um- und Ausbau Erdgeschoss aus den 1930er Jahren)
Projektbeteiligte: Francesco Testa, Eugenio Evaso (Beratung Ingenieursleistungen); Edilizia Arjan Fejza, Genua (Bauausführung); Falegnameria Ratto, Genua (Tischlerarbeiten); Fratelli Villa, Genua (Sanitärarbeiten); Falegnameria Ghiotto, Sestri Levante (Fenster und Türen)
Bauherr*in: privat
Standort: Levanto, Ligurien, Italien
Fertigstellung: 2025
Bildnachweise: Anna Positano/Studio Campo, Genua (Fotos); Llabb, Genua (Pläne) über The Architecture Curator, Florenz
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