Viele Einfamilienhäuser in einer Platte

Baubeginn beim Einfamilienhaus-Haus in Stendal

Wer den ICE von Berlin nach Hannover nimmt, passiert mitunter auch Stendal, im Norden Sachsen-Anhalts. Bei einer Bahnfahrt hier gestrandet entdeckte Architekt Jurek Brüggen die leerstehenden Plattenbauten der Stadt. Unterdessen las er in der Zeitung: „Zu wenig Bauland in Stendal“. Dass Eigenheime nicht neu gebaut werden müssen, zeigt nun sein Büro undjurekbrüggen in Zusammenarbeit mit AFEA (Association for Ecological Architecture), AADA (Atelier for Architecture, Design and Atmosphere), dem Statikbüro EiSat und der Wohnungsbau-Genossenschaft Altmark WBGA. Ein Blick auf den Umbau zum Einfamilienhaus-Haus im Frühling 2026.

An dem Projekt arbeiten die Architekturbüros undjurekbrüggen, AFEA (Association for Ecological Architecture), AADA (Atelier for Architecture, Design and Atmosphere), das Statikbüro EiSat und die Wohnungsbau-Genossenschaft Altmark WBGA.
Es handelt sich um ein Gebäude vom Typ WBS 70.
Durch den Umbau schrumpft der Bestand von 80 auf 30 Wohnungen, die jedoch deutlich abwechslungsreicher sind.

Schrumpfungskur und neue Wohnträume

Dass es in Stendal so viele leerstehende Wohnungen gibt, ist natürlich ein Resultat der Nachwendetransformation. In der DDR war hier unter anderem ein großes Bahnausbesserungswerk angesiedelt. 1974 begann außerdem der Bau eines Kernkraftwerks, das allerdings nie in Betrieb ging. Die Großwohnsiedlungen Stadtsee und Stendal Süd wurden angelegt. Vor dem Mauerfall lebten bis zu 51.000 Menschen in der Stadt, heute sind es fast 20.000 weniger. 

Im Jahr 1999 beschloss der Stadtrat, Stendal Süd aufzugeben. Durch den Abriss von Plattenbauten gingen mehrere tausend Wohnungen verloren. Stadtsee bleibt vorerst und soll sich weiterentwickeln, doch auch hier stehen die Plattenbauten teils komplett leer. Währenddessen breiten sich wenige Schritte entfernt Einfamilienhäuser aus. Eigentum statt Miete, Garten statt Balkon, Freiraum statt Suffizienz – es gibt einige Gründe dafür. Wie können Kommunen wie Stendal damit umgehen?

Vom Plattenbau zum Einfamilienhaus-Haus

Für Jurek Brüggen und Aimée Michelfelder von AFEA zählen nicht nur das Gebaute zum Bestand, sondern auch die ökonomischen Verhältnisse, die Lebensgewohnheiten, die familiären und finanziellen Sorgen. Also überlegten sie, wie sich die Qualitäten von Einfamilienhäusern auf die Plattenbauten übertragen lassen: Aus den Obergeschossen entnommene Wände schaffen Platz für begrünbare Terrassen. Neu angedockte Treppenhäuser machen die innenliegenden Bestandstreppen für Maisonettwohnungen nutzbar. So verwandelt sich der Block in einen Stapel Einfamilienhäuser mit privaten Außenräumen: das Einfamilienhaus-Haus. 

Das Material und die darin gebundene graue Energie werden gesichert, außerdem muss kein neues Bauland erschlossen werden. Stattdessen wird die vorhandene Infrastruktur der Großwohnsiedlung weitergenutzt. Hinzu kommt, dass der weiteren Zersiedlung Stendals und dem damit wachsenden Autoverkehr Einhalt geboten wird.

Beispiel WBS 70

Die Idee erreichte schließlich die Wohnungsbau-Genossenschaft Altmark WBGA, der einige der Blöcke in Stendal-Seestadt gehören. Die Architekt*innen durften sich einen aussuchen und einen Umbauplan erarbeiten – vorerst auf eigene Kosten. Mit Unterstützung lokaler Politiker und Interessengruppen entwickelte AFEA einen beispielhaften Vorentwurf für einen fünfgeschossigen Plattenbau vom Typ WBS 70. Diese Baureihe macht den größten Anteil der industriell gefertigten Fertighäuser in Deutschland aus.

Der Plattenbau umfasste ursprünglich 80 standardisierte Wohnungen, nach dem Umbau sind es 30 in 15 verschiedenen Konfigurationen. Untergeschoss, Erdgeschoss und 1. Obergeschoss nehmen Reihenhäuser mit privaten Gärten im Innenhof ein. Die zum Garten hin gelegenen Wohnräume erstrecken sich über zwei Geschosse mit einer lichten Raumhöhe von über fünf Metern. 

Die Häuser in den zweiten bis vierten Obergeschossen sind über zwei offene, vertikale Treppenhäuser mit Aufzug erreichbar. Man durchläuft hier eine in den Plattenbau geschnittene Schneise und betritt die Wohnungen über „Vorgärten“ auf den verbliebenen Deckenplatten. Weitere Gärten befinden sich auf den Dächern der Reihenhäuser.

Umbau mit Herausforderungen

Die bestehende Gebäudestruktur bleibt weitgehend erhalten und wird nur teilweise von oben abgetragen. Da das Tragwerk der WBS-70-Serie aber nahezu keine Lastreserven bietet, sahen die Ingenieure von EiSat für die geplanten Eingriffe entsprechende Ausgleichsmaßnahmen vor. 

Ausgebaute Deckenplatten werden auf die Böden der neu entstehenden Terrassen gelegt, um die zusätzliche Last der Begrünung abzufangen. Wo doppelgeschossige Räume entstehen, stabilisieren Ringbalken die Wandscheiben und leiten die Lasten in das Bestandstragwerk ab. In den ehemaligen Treppenhäusern wird je eine Wand mit Ortbeton aufgedoppelt, um die Längsaussteifung des Gebäudes zu sichern und die Windlasten an den neuen Erschließungsschneisen aufnehmen zu können. Wo große Öffnungen in die dünnen Wände geschnitten werden, wird eine Stütze unter dem Sturz ergänzt.

Anfang 2026 startete der selektive Rückbau. Für die Ausführungsplanung des Umbaus arbeitet die WBGA noch an einem Finanzierungskonzept.

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