Urban Agricultural Heritage
Landwirtschaftliche Stadtplanung von morgen mit dem Wissen von gestern
Birkhäuser Verlag, Berlin 2022
240 Seiten, 190 farbige Abbildungen, 21 × 27,5 cm
Englisch
Preis: 39,95 EUR
ISBN 978-3-0356-2251-5
Urban Agricultural Heritage – herausgegeben von den Landschaftsarchitekt*innen Frank Lohrberg, Katharina Christenn, Axel Timpe und Ayça Sancar – ist das Resultat der vorangegangenen Konferenz Urbanes Agrarerbe und die Gestaltung zukünftiger Städte 2019 in Hannover. Der Sammelband widmet sich einer Debatte, die in der nachhaltigen Stadtentwicklung bislang eher einseitig behandelt wurde: die urbane Landwirtschaft.
Ein globales Phänomen
Während in der Landschaftsarchitektur der Schwerpunkt auf neuen und innovativen Formen des Urban Farming liegt, wurde ihre historische Kontinuität innerhalb der Stadt, laut den Herausgeber*innen, bisher wenig beachtet. Was auf den ersten Blick wie ein Widerspruch klingt – Ackerbau im urbanen Raum – entpuppt sich als traditionsreiches und globales Phänomen. Das Buch legt dar, dass städtische Landwirtschaft keineswegs eine Erfindung des 21. Jahrhunderts ist, angetrieben von der Klimanotwenigkeit, sondern eine Praxis mit jahrhundertealten Wurzeln: Ob die stark landwirtschaftlich geprägten ersten Städte in Mesopotamien oder dem Niltal, indigene Bewässerungssysteme, mittelalterliche Bürgergärten oder sozialistische Selbstversorgungsmodelle wie die Chinampas von Xochimilco – Urban Agriculture Heritage versammelt mehr als ein Dutzend internationaler Fallstudien, die zeigen, wie eng Stadtgeschichte und Landwirtschaft verflochten sind.
Urbane Landwirtschaft als Kulturerbe
Allerdings betrachten die Herausgeber*innen den Forschungsgegenstand nicht aus einem rein historischen Interesse, sondern als ein Kulturerbe. Für die theoretische Diskurserweiterung nehmen sie sich das Konzept der „Heritagisierung“ an. Dieses beschreibt einen reflektierten Denkprozess, durch den urbane Landwirtschaft als kulturelles Erbe sichtbar, wertgeschätzt und erhalten werden soll. Hier knüpfen die Herausgeber*innen an bestehende Diskurse über kulturelles Gedächtnis, kollektive Praxis und Kulturlandschaft an – und erweitern sie um agrarische Perspektiven.
Unter Berücksichtigung des theoretischen Rahmens wird die urbane Landwirtschaft auf zwei Ebenen untersucht. Zum einen soll ein breiter Wissensaufbau durch die Verknüpfung vom landwirtschaftlichen mit verschiedenen anderen Forschungsbereichen – insbesondere mit der städtischen Ernährungspolitik, dem kulturellen Gedächtnis und der Praxis sowie zu Kulturlandschaften – gefördert werden. Zum anderen ergänzen die Herausgeber*innen die konzeptionelle Reflexion durch empirische Forschung zu internationalen und lokalen Initiativen, die bereits urbane Landwirtschaft als Kulturerbe aktivieren.
Von Erfurt bis Mexiko City
Neben theoretischen Grundlagen bietet das Buch zahlreiche Praxisbeispiele. So wird etwa das Gärtnerwesen in Erfurt nachgezeichnet, das über Jahrhunderte nicht nur zur städtischen Versorgung beitrug, sondern auch zur Innovationsquelle wurde. In Montreuil bei Paris wird die Wiederentdeckung historischer Obstbaum-Mauergärten durch lokale Initiativen zum Symbol für eine zukunftsgewandte Stadtentwicklung und in Mexiko-Stadt erleben die jahrhundertealten Chinampas eine Renaissance als ökologische, kulturelle und touristische Ressource.
Die Beiträge des Buches sind in fünf Kapitel
organisiert:
- Linking Urban Agricultural Heritage to Historical Research and Food Policies
- Linking Urban Agricultural Heritage to the Concept of Cultural Memory and Practice
- Linking Urban Agricultural Heritage to the Concept of Cultural Landscape
- Showcasing and Reflecting Active Heritage Approaches
- Informal and Local Approaches to Urban Agriculture Heritage
Fachlektüre mit Ausblick
Der Band überzeugt vor allem durch seinen interdisziplinären und internationalistischen Ansatz. Historiker*innen, Stadtplaner*innen, Landschaftsarchitekt*innen und Soziolog*innen beleuchten das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln – und schaffen so ein Kaleidoskop städtischer Agrarkulturen. Aufgrund seines wissenschaftlichen Anspruchs lässt sich Urban Agricultural Heritage trotz der reichlichen Bebilderungen und Fallbeispiele aus der Praxis, jedoch hauptsächlich einem Fachpublikum empfehlen. Nichtsdestotrotz ist es ein gelungenes Plädoyer für die Anerkennung städtischer Landwirtschaft als Erbe, das nicht nur bewahrt, sondern weiterentwickelt werden muss – im Sinne ökologischer Resilienz, kultureller Vielfalt und sozialer Teilhabe.
Fachwissen zum Thema
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