Universitätsgebäude Kendeda Building in Atlanta

Nachmachen erwünscht: Regeneratives Gebäude

Das Kendeda Building for Innovative Sustainable Design ist der erste Holzbau auf dem Universitätsgelände des Georgia Institute of Technology in Atlanta seit den frühen Fachwerkbauten aus den 1880er-Jahren. Die Architekturbüros Miller Hull Partnership und Lord Aeck Sargent ließen sich für den Neubau maßgeblich vom vernakulären Vordach der Südstaaten inspirieren: Es sorgt nicht nur für ein kühles Mikroklima um das Haus herum, sondern verschränkt auch den Innen- und Außenraum miteinander. Das ausladende Dach des neuen Universitätsgebäudes erfüllt zudem weitere Funktionen wie Stromerzeugung, Regenwassernutzung und natürliche Belüftung, die alle zu einem ressourchenschonenden Umgang beitragen.

Die Architekturschaffenden ließen sich für den Neubau vom vernakulären Vordach der Südstaaten inspirieren.
Das ausladende Vordach vermittelt zwischen Innen- und Außenraum.
Die PV-Anlage auf dem Dach produziert 225% der elektrischen Energie und damit weitaus mehr als das Gebäude benötigt.

Das Klima in Atlanta war ein relevanter Ausgangspunkt für den Entwurf: Die Stadt ist eine von vielen US-amerikanischen Metropolen, die mit der Aufheizung innerstädtischer Räume, sogenannten Hitzeinseln, zu kämpfen haben. Die Sommer hier sind jedoch nicht nur schwülheiß, sondern auch von heftigen Regenfällen begleitet. Zudem ist das Gebäude Teil des EcoCommons Project, einer großangelegten Initiative der Hochschule, den Campus für einen sensibleren Umgang der rund 20.000 Studierenden mit der Umwelt fruchtbar zu machen. Westlich des Kendeda Building werden deshalb auf über 30 Hektar Grünräume entstehen, die nicht nur Überschwemmungen vorbeugen, sondern mit einem dichten Netz von Messpunkten die Lehre und Forschung vor Ort zu Themen wie Grundwasser, Temperatur, Luft- und Bodenqualität erweitern sollen. Folgerichtig befindet sich das Gebäude unweit der Einrichtungen für Bau- und Umweltingenieurwesen sowie der Werkstätten und Laboratorien für die Materialforschung.

Der Institutsneubau ist in seinem Aufbau einfach gehalten: Für eine maximale Tageslichtausbeute liegen Seminarräume, Labore, ein Makerspace, Büros sowie Aufenthaltsräume aufgereiht entlang der Ost- und Westfassaden. Zwischen den beiden Raumspuren befindet sich eine doppelgeschossige, von Oberlichtern erhellte Halle, in der eine Landschaft aus verschiedenen Rampen, Podesten und Stufen Arbeitsplätze, Erschließungswege und Aufenthaltsflächen zugleich bietet. Ebenso sorgt die Eingangshalle für den nötigen Kamineffekt bei der natürlichen Lüftung des Gebäudes. Von hier führt auch eine kaskadenartige Treppe in die oberen Geschosse, wo neben weiteren Labor- und Seminarräumen auch das Dach des Hörsaals betreten werden kann, der im Norden an die Halle andockt. Hier, wo das Gebäude unter dem schwebenden Dach hervortritt, bewohnen Bienen einen Dachgarten. Auch im Erdgeschoss lässt sich im Grünen sitzen, wo sich die Lernräume nach Westen hin auf die Terrasse erweitern, deren Stufen in zwei Forschungsgärten übergehen.

Für das zweigeschossige Universitätsgebäude haben sich die Architekturschaffenden aufgrund der geringen grauen Energie für ein Fachwerk aus Brettschichtholz und Stahlträgern und -seilen entschieden. Dieser hybride Ansatz hat den Vorteil, dass weniger Holz gebraucht wird und gleichzeitig größere Spannweiten überbrückt werden können. Alle Tragwerkselemente sind freigelegt, sodass die Gebäudestruktur sichtbar ist und möglicherweise als Vorbild dienen kann.

Regeneratives Dach

Bereits ein Jahr nach Eröffnung konnte ein beeindruckendes Fazit gezogen werden: Die PV-Anlage auf dem Dach des Kendeda Building produziert innerhalb eines Jahres 225% der elektrischen Energie und damit weitaus mehr als das Gebäude benötigt. Zusätzlich wird 15 mal mehr Regenwasser gesammelt und im Gebäude zu Trinkwasser aufbereitet als darin verbraucht wird. Das überschüssige Grauwasser wird in eine künstliche Feuchtlandschaft vor dem Gebäude gepumpt, wo es langsam versickert. Diese Strategie der Versickerung könnte zukünftig auf dem ganzen Campus genutzt werden, da das Abwassersystem von Atlanta bei Überflutungen häufig überlastet ist.

Holz von Filmsets

Der Bodenbelag besteht aus wiederverwendetem Holz von Filmsets, das das Gestaltungsteam über das Atlanta Lifecycle Building Center beziehen konnten. Reststücke der Holzzuschnitte wurden zu Sitzstufen arrangiert. Für Möbel und Abdeckungen haben die Architekturschaffenden Holz von Sturmschäden wiederverwendet. Für die Verlegung des vernagelten Holzbodens wurde bei der Errichtung mit der Nonprofit-Organisation Georgia Works! zusammengearbeitet, die Obdachlosen dabei hilft, selbständig zu leben, handwerkliche Fähigkeiten zu erlernen und Geld zu verdienen. Inklusion ist auch im Gebäude selbst ein Thema: Neben der Treppe erschließt auch eine Rampe die Eingangsebene, damit die Universität barrierefrei zugänglich ist.

Das regenerative Gebäude soll Vorbildcharakter haben und – besonders auch den Studierenden – demonstrieren, wie praktische und replizierbare Lösungen, Materialien und Technologien für die Zukunft aussehen könnten. Das Kendeda Building hat bereits Aufmerksamkeit erlangt und wurde mit der Zertifizierung „Living Building Challenge" ausgezeichnet, bei der die Jury Gebäude in den sieben Kategorien bewertet: Place, Water, Energy, Health + Happiness, Materials, Equity und Beauty. -sh

Bautafel

Architektur: The Miller Hull Partnership, San Diego und Lord Aeck Sargent, Atlanta
Projektbeteiligte: Skanska USA, Atlanta (Baufirma); Andropogon, Raleigh (Landschaft); Long Engineering, Atlanta (Bauingenieur); PAE, San Francisco und Newcomb & Boyd, Atlanta (Technische Installationen); Uzun & Case, Atlanta (Tragwerk); Biohabitats, Mount Pleasant (Grauwassersystem)
Bauherr/in: Georgia Institute of Technology, Atlanta, USA
Fertigstellung: 2019
Standort: 422 Ferst Dr NW, Atlanta, GA 30313, Vereinigte Staaten von Amerika
Bildnachweis: Gregg Willett, Atlanta und Jonathan Hillyer, Atlanta

Fachwissen zum Thema

Brettschichtholz (BSH) besteht aus mehreren miteinander verleimten Brettern oder Brettlamellen.

Brettschichtholz (BSH) besteht aus mehreren miteinander verleimten Brettern oder Brettlamellen.

Baustoffe

Brettschichtholz

Alte Baumaterialien und -elemente landen einfach im Müll. Aber es gibt Alternativen.

Alte Baumaterialien und -elemente landen einfach im Müll. Aber es gibt Alternativen.

Recycling

Urban Mining

Surftipps