Umbau und Erweiterung: Helvetia Campus in Basel

Der zweite Zwilling

Große Unternehmenssitze wachsen gerne auch einmal ungeplant. Über Jahrzehnte entstehen Additionen und Provisorien, erdacht von zahlreichen unterschiedlichen Akteuren. Dieser Zustand hatte sich auch beim Basler Hauptsitz der Helvetia Versicherungen eingestellt. Zwischen Aeschenplatz und St. Alban-Anlage war ein dichtes Sammelsurium an baulichen Anlagen entstanden, in dem man leicht den Überblick verlieren konnte. Anstatt diesen Zustand durch einen vollständigen Neubau zu ersetzen, entschieden sich Herzog & de Meuron für eine Strategie des Um- und Weiterbauens: Im Zentrum der ersten Bauetappe stand der Umbau des Bestandshochhauses und seine Ergänzung durch einen zweiten, nahezu identischen Zwillingsturm.

Dem Bestandshochhaus aus den 1950er-Jahren stellten die Architekten ein nahezu identisches Neubau-Gegenüber zur Seite.
Die Zwillingstürme bilden die neue stadträumliche Figur des Campus.
Der Bestandsturm ist heute kaum vom Neubau zu unterscheiden, denn er erhielt eine neue Fassade.

Bauhistorie und Masterplan

Der Standort entwickelte sich seit den 1950er-Jahren in mehreren Bauphasen. Entstanden war ein uneinheitliches Gefüge aus Hochhaus, Verwaltungsbauten und kleineren Ergänzungen, das im Blockinneren verdichtet war, an den Rändern jedoch fragmentarisch blieb. Große Teile der Bausubstanz waren sanierungsbedürftig.

Der 2013 vorgestellte Masterplan reagiert darauf mit einem zweigleisigen Ansatz: Erhalt und Weiterentwicklung tragfähiger Strukturen einerseits, Rückbau und Neuordnung andererseits. Ziel ist es, möglichst viel bestehende Substanz zu integrieren und zugleich die funktionale und räumliche Organisation grundlegend zu klären. Die Umsetzung erfolgt in vier Etappen, von denen die erste den mit Abstand größten Teil ausmacht und seit 2023 weitgehend abgeschlossen ist: die Sanierung des Hochhauses aus den 1950er-Jahren, seine Ergänzung durch einen zweiten Turm sowie die Neugestaltung des zentralen Freiraums. In den folgenden Bauabschnitten werden weitere Verwaltungsgebäude aus den 1960er- und 1970er-Jahren saniert und aufgestockt, während auf der gegenüberliegenden Parzelle langfristig Wohnungsbau vorgesehen ist.

Freiräume als ordnendes Element

Das Grundstück ist als unregelmäßig zugeschnittene, keilförmige Parzelle zwischen der St. Alban-Anlage und den angrenzenden Blockstrukturen ausgebildet. Entlang der St. Alban-Anlage, ein urbaner Boulevard mit Straßenbahntrasse und Baumreihen, erhält der Campus eine klar gefasste neue Adresse. Durch den Rückbau späterer Ergänzungen im Blockinneren – darunter ein Konferenz- und Restaurantpavillon – entstand eine rund 3.500 Quadratmeter große, öffentlich zugängliche Parkanlage, gestaltet von Vogt Landschaftsarchitekten. Der Park übernimmt eine doppelte Funktion: Er dient als Aufenthalts- und Erholungsfläche und schafft eine klare Mitte, die das Ensemble strukturiert und mit dem umliegenden Stadtraum verknüpft.

Signet im Stadtraum

Zwei Hochpunkte prägen die neue Silhouette; in diesen wurden die zuvor verteilten Büroflächen konzentriert: Der bestehende Büroturm aus den 1950er-Jahren wurde entkernt und vollkommen umgestaltet. Unter anderem erhielt er eine neue, helle Fassade. Dem grunderneuerten Bauwerk wurde sodann ein nahezu identischer Neubau gegenübergestellt. Diese Setzung knüpft an eine frühere stadträumliche Situation an: Ursprünglich existierte ein zweites Hochhaus, das in den 1980er-Jahren abgerissen und nun in transformierter Form wiederhergestellt wurde.

Die Fassaden der Türme kombinieren unterschiedliche konstruktive und gestalterische Ansätze. Die Ost- und Westseiten sind als Closed-Cavity-Fassaden ausgeführt – vorgefertigte, dreischichtige Elemente aus Außenscheibe, beweglichem Sonnenschutz und innerer Isolierverglasung. Diese Konstruktion erlaubt eine witterungsunabhängige Steuerung des Sonnenschutzes und gewährleistet zugleich hohe energetische Effizienz sowie Wartungsfreundlichkeit.

Demgegenüber erhielten die Nord- und Südfassaden eine stark plastisch ausgeprägte Hülle. Vertikal übereinander angeordnete, rautenförmige Öffnungen folgen der Geometrie der dahinterliegenden Treppenläufe. Die Fassadenflächen sind mit rund 24.000 dreieckigen Gussglaselementen verkleidet, deren leicht gekrümmte Oberfläche das Licht unterschiedlich reflektiert und der Gebäudehülle eine wechselnde Tiefenwirkung verleiht. Jeweils acht Dreiecke bilden eine Raute; ihre Anordnung variiert nach einem computergenerierten Prinzip, sodass keine identischen Muster entstehen.

Auditorium und Kunst am Bau

Die beiden Türme verbindet ein zentrales Auditorium, das als eigenständiger Baukörper ausgebildet ist und den neuen Haupteingang zum Campus markiert. Der zuvor wenig sichtbare Zugang über eine Seitenstraße wurde damit an die St. Alban-Anlage verlagert und durch die hohe Eingangshalle mit großzügiger interner Freitreppe aufwendig inszeniert. Der Baukörper ist als offener, transparenter Raum konzipiert, der wie eine überdachte Plaza funktioniert.

Schlanke Stützen und großformatige Verglasungen definieren eine durchlässige Struktur, in der Innen- und Außenraum ineinander übergehen. Der Natursteinbelag des Vorplatzes setzt sich im Inneren fort und führt über den Empfang direkt in den dahinterliegenden Park. Durch das Auditorium verläuft ein als „Boulevard“ bezeichneter Erschließungsraum, der die beiden Türme miteinander verbindet und die zentrale Raumfigur des Ensembles bildet. Das Auditorium selbst bietet Platz für rund 300 Personen und ist auch für externe Nutzungen zugänglich.

Mit dem Helvetia Art Foyer im Erdgeschoss des Bestandsturmes öffnet sich der Campus weiter zur Stadt. Der Ausstellungsraum ist über einen eigenen Seiteneingang erschließbar und dient als Plattform für wechselnde Ausstellungen aus der firmeneigenen Sammlung. Kunst ist darüber hinaus ein integraler Bestandteil des Gebäudes. Zwei Arbeiten des Lichtkünstlers James Turrell sind permantent installiert: „Clarity“ (2023) im Entrée des Hochhauses und „Night Raiment“ (2024) wirken bis in den Stadtraum hinein.

Administrative Nutzung

Der Campus bündelt erstmals alle zuvor über die Stadt verteilten Ressourcen von Helvetia an einem Standort und umfasst rund 1.000 Arbeitsplätze. Die Büroflächen sind in den beiden Hochhäusern untergebracht, deren Regelgeschosse einer klaren Typologie folgen: Zentrale Kerne bündeln Erschließung und Nebenräume, während sich die Arbeitsbereiche ringförmig darum anordnen.

Die Grundrisse ermöglichen unterschiedliche Arbeitsplatztypen und reagieren auf den gestiegenen Bedarf an flexiblen Arbeitsformen. Ergänzt werden die Büroflächen durch gemeinschaftliche Funktionen im Sockelbereich, im Auditorium sowie in den Dachgeschossen. Letztere sind als eigenständige Nutzungsebene ausgebildet. Umlaufende Terrassen, Bistro- und Barbereiche sowie Aufenthaltszonen erweitern die Arbeitsumgebung um gemeinschaftliche Angebote. Die auskragenden Dachkränze greifen dabei die Formensprache der 1950er-Jahre auf. Ein öffentlich zugängliches Dachcafé im Bestandshochhaus ergänzt das Angebot und bietet spektakuläre Ausblicke auf die Stadt.

Nachhaltigkeit und Weiterbauen

Durch die Integration weiter Teile der bestehenden Bausubstanz konnten über achtzig Prozent der grauen Energie im Vergleich zu einem vollständigen Neubau eingespart werden. Gleichzeitig wurden die Neubauten sowie der Verbindungsbau nach den Kriterien der DGNB (Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen) beziehungsweise der SGNI (Schweizer Gesellschaft für Nachhaltige Immobilienwirtschaft) geplant und mit dem höchsten Zertifizierungslevel ausgezeichnet. Photovoltaikanlagen mit einer Fläche von rund 900 Quadratmetern auf den Dächern der Gebäude decken einen Teil des Energiebedarfs. Die neu geschaffene Parklandschaft trägt zur Verbesserung des Mikroklimas bei und fördert die Biodiversität im innerstädtischen Kontext.

Bautafel

Architektur: Herzog & de Meuron, Basel
Projektbeteiligte: Vogt Landschaftsarchitekten, Zürich (Landschaftsarchitektur); Emmer Pfenninger Partner, Münchenstein (Fassadenplanung); CSD Ingenieure, Zürich (Nachhaltigkeit); Gruner, Basel (Brandschutz); Kopitsis Bauphysik, Wohlen (Bauphysik und Akustik); Hefti Hess Martignoni, Basel (Elektroplanung); Hochstrasser Glaus & Partner, Zürich (HLK-Planung); GRP Ingenieure, Rotkreuz / Rapp Infra, Basel / Schmutz + Partner, Basel (Sanitärplanung); Schnetzer Puskas International, Basel (Tragwerksplanung); Rapp, Basel (Generalplanung), Schüco, Bielefeld (Glasfassade)
Bauherr*in: Helvetia Versicherungen, Basel
Standort: St. Alban-Anlage 26, 4002 Basel, Schweiz
Fertigstellung: 2023
Bildnachweis: Maris Mezulis (Fotos) / Herzog & de Meuron (Pläne)

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