Umbau: Lilywill Terrace House in Sydney

Rote Veranden am historischen Keil

Auf einem winzigen Eckgrundstück im Stadtteil Balmain in Sydney steht ein ungewöhnliches Wohnhaus: Das 1905/06 errichtete Lilywill Terrace House verdankt seinen keilförmigen Grundriss der spitz zulaufenden Parzelle und wird deshalb auch als „Wedge House“ bezeichnet. Das denkmalgeschützte Gebäude wurde vom örtlichen Architekturbüro Sam Crawford Architects umfassend saniert und an die Bedürfnisse seiner heutigen Bewohner*innen angepasst. Im Mittelpunkt des Umbaus steht eine neue dreigeschossige Verandenkonstruktion in kräftigem Rot. Sie erweitert die Wohnräume und verbessert deren Belichtung und Belüftung.

Die historische Straßenfassade ist durch profilierte Gesimse und einen überdachten, auf schlanken Stützen ruhenden Balkon mit filigranem Metallgeländer geprägt.
Auf der Rückseite ersetzt eine dreigeschossige Verandenkonstruktion in Venezianischrot eine baufällige Balkonanlage.
Die neue Stahlkonstruktion greift mit ihren Holz- und Metallbrüstungen Gestaltungselemente der historischen Straßenfassade auf.

Historischer Bestand

Der Ziegelbau entstand im sogenannten Federation Free Classical Style, einer australischen Architekturrichtung um 1900, die klassische Gestaltungselemente mit einer freieren Fassadenkomposition verbindet. Seine historische Straßenfassade ist durch profilierte Gesimse, Fensterverdachungen und einen ausladenden Balkon geprägt: Die überdachte, auf Stützen ruhende Konstruktion mit filigranem Metallgeländer erstreckt sich über die gesamte Breite des Gehwegs.

Im Laufe seiner Geschichte wurde das Haus mehrfach verändert. Zu seinen früheren Bewohner*innen gehörten die Musikerin Gretta Sculthorpe und der Philosoph Graham Pont, die den eigenwilligen Charakter des Gebäudes mitprägten. Die neuen Eigentümer*innen wollten diese gewachsene Vielfalt einschließlich späterer Veränderungen und dekorativer Einzelstücke bewahren. Zugleich sollte das Haus für das Zusammenleben mit ihren erwachsenen Kindern neu organisiert und stärker zum Tageslicht und zum nahe gelegenen Hafen geöffnet werden.

Neue Veranden statt baufälliger Balkone

Den größten Eingriff bildet eine dreigeschossige Konstruktion an der Rückseite des Hauses. Sie ersetzt eine schadhafte Balkonanlage, nimmt aber deren räumliches Prinzip auf. Ein Tragwerk aus Stahlstützen und -trägern wird durch Brüstungen aus Holz und Stahl sowie bewegliche Holzlamellen ergänzt. Die Gestaltung orientiert sich an dem historischen Balkon an der Straßenfassade, deren Holz- und Schmiedeeisenelemente in zeitgenössischer Form aufgegriffen werden. Der einheitliche Farbton Venezianischrot, der auch in der historischen Architektur Verwendung fand, fasst die unterschiedlichen Bauteile zusammen und setzt die Ergänzung zugleich deutlich vom bestehenden Ziegelmauerwerk ab. Von unten nach oben nimmt die Dichte der Brüstungen ab, sodass die Konstruktion zunehmend filigran erscheint.

Mehr Raum auf drei Ebenen

Die Raumaufteilung im Inneren folgt einer vertikalen Staffelung, die das Zusammenleben mehrerer Generationen erleichtern soll. Die Eingangsebene nimmt Küche, Essen und Wohnen auf. Das Obergeschoss dient mit Elternschlafzimmer, Atelier und weiteren Rückzugsbereichen vorwiegend der privaten Nutzung. Im Untergeschoss liegen zusätzliche Schlafräume und ein zweiter Wohnbereich für die Kinder.

Trotz der umfangreichen Eingriffe wuchs die innere Geschossfläche lediglich von 157 auf 167 Quadratmeter. Der Umbau zielte somit weniger auf eine deutliche Vergrößerung als auf eine bessere Nutzung der vorhandenen Fläche ab. Die neuen Veranden schaffen dabei nicht nur zusätzliche Nutzfläche, sondern lassen die angrenzenden Innenräume auch großzügiger erscheinen. Auf der Wohnebene wurde die rückwärtige Veranda mit großflächigen Glasschiebetüren geschlossen und als Essbereich in das Haus integriert. Bei geöffneten Türen entsteht ein fließender Übergang zum Außenraum mit Verandacharakter.

Insbesondere die beiden Badezimmer im Ober- und Untergeschoss profitieren von der Ergänzung. Da die Grundstücksgrenzen kaum Spielraum für einen konventionellen Anbau ließen, verlegten die Architekt*innen die Duschbereiche teilweise in das Volumen der neuen Veranden. Die gerundeten, mit Holz verkleideten Vorbauten ragen aus der ursprünglichen Gebäudehülle heraus und sind in die Konstruktion eingebunden. Raumhohe Verglasungen aus geriffeltem Glas und schwenkbare Wandelemente versorgen die zuvor beengten Bäder mit Tageslicht und Frischluft. Die vorgelagerten Lamellen schützen dabei vor Einblicken.

Historische Substanz und neue Materialien

Bei der Sanierung wurde ein Großteil der vorhandenen Bausubstanz bewahrt. Historische Stuckprofile, Kamine mit Marmoreinfassungen und Türen mit dekorativen Glaseinsätzen blieben erhalten oder wurden restauriert. Dazu gehören auch ungewöhnliche, mit Vogelmotiven bedruckte Glaseinsätze, die von früheren Bewohner*innen stammen. Anstatt die Ausstattung auf einen einheitlichen historischen Zustand zurückzuführen, bezogen die Architekt*innen unterschiedliche Zeitschichten in die Neugestaltung ein.

In der Küche wurde die Anordnung der Einbauten überarbeitet. Eine erhaltene Ofennische dient nun als Durchreiche zum neuen Essbereich. Freigelegtes Ziegelmauerwerk mit roten und cremefarbenen Steinen wird durch offene Holzregale und neue Einbauten ergänzt. Weiße Fliesen mit wechselnder geometrischer Anordnung und roten Fugen greifen die Farbigkeit der neuen Verandenkonstruktion auf.

Die beiden Badezimmer erhielten kleinformatige glasierte Wandfliesen mit farbigen Fugen sowie Böden aus Terrakotta beziehungsweise Terrazzo. Im unteren Geschoss sind die Terrakottafliesen im Zickzack-Fischgrätmuster verlegt, während im oberen Bad helle Terrazzofliesen mit roten Marmorzuschlägen zum Einsatz kommen. Gerundete Wandverläufe und geschwungene Details nehmen die Form der nach außen erweiterten Duschbereiche auf und setzen einen Kontrast zur kantigen Gebäudegeometrie.

Klimatische Anpassung im Bestand

Neben der räumlichen Neuordnung stand die Verbesserung des Innenraumklimas im Mittelpunkt. Die beweglichen Lamellen der neuen Veranden erlauben eine gezielte Regulierung von Sonneneinstrahlung, Luftbewegung und Einblicken. Im Winter lassen sie solare Wärmegewinne zu, während sie im Sommer die direkte Sonneneinstrahlung begrenzen und zugleich die natürliche Belüftung ermöglichen. Ergänzend wurden Dämmmaßnahmen und eine Photovoltaikanlage umgesetzt. Zusammen mit der Querlüftung und dem außen liegenden Sonnenschutz soll das Haus ohne Klimaanlage auskommen. Durch den weitgehenden Erhalt und die Wiederverwendung der vorhandenen Bausubstanz konnte zudem der Einsatz neuer Baumaterialien begrenzt werden. -sr

Bautafel

Architektur: Sam Crawford Architects, Sydney
Projektbeteiligte: Structure Consulting Engineers (Tragwerksplanung); ITM Design (Haustechnikplanung/Hydraulik); Weir Phillips Architects (Denkmalpflege); TARN (Landschaftsarchitektur); Damian O'Toole Town Planning (Stadtplanung); QS Plus (Kostenplanung); CMS Surveyors (Vermessung); Robert Plumb (Bauausführung)
Bauherr*in: privat
Fertigstellung: 2025/26
Standort: Balmain, Sydney, Australien
Bildnachweis: Brett Boardman (Fotos); Sam Crawford Architects (Pläne)

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