Umbau in der Bremer Straße in Münster
Industriespuren im Betongefüge
Hinter dem Münsteraner Hauptbahnhof liegt ein langgestreckter Baukörper zwischen Bahnspuren, Gewerbe, Gastronomie und städtischem Wandel. Der fünfgeschossige Industriebau in der Bremer Straße 42 ist rund hundert Jahre alt. Ursprünglich saß hier die Schienenschweißerei der Bahn, später unter anderem ein Autohaus und ein Geschäft für gebrauchte Möbel. Heute beherbergt er Büro-, Gewerbe- und Ausstellungsflächen. Einen wesentlichen Teil nutzen Maas & Partner Architekten als eigenen Bürostandort. Während sie den Innenausbau übernahmen, waren Schoeps & Schlüter Architekten für Gebäudeplanung und Sanierung zuständig.
Hinter der reich befensterten Straßenfront verbirgt sich eine Betonskelettkonstruktion. Das Haupthaus ist zweischiffig und verfügt über ein rückwärtig angedocktes Treppenhaus. Nördlich schließt ein einschiffiger Anbau an, der im Erdgeschoss über ein Tor zur Bremer Straße verfügt. Beide Gebäudeteile eint die mit raumhohen Fenstern ausgefachte Fassade sowie das gemeinsame Mansarddach, das beim Anbau allerdings nur halb vorhanden ist. Hier schließt unmittelbar das Nachbarhaus an, im Süden liegt der Giebel dagegen frei.
Schon bei der ersten Begehung zeigte sich das Potenzial des Gebäudes: Der Bau musste nicht neu erfunden werden, die Struktur war lediglich verschüttet, verdeckt oder überlagert. Genau darin lag der Reiz. Angesichts des baulichen Zustands zeichnete sich allerdings bereits ab, dass ein Umbau arbeitsintensiv sein würde. Dennoch fiel die Entscheidung für das Projekt noch am Besichtigungstag.
Der Bestand gibt den Takt vor
Die Transformation begann mit dem Freilegen, um sichtbar zu machen, womit die Planer*innen es tatsächlich zu tun hatten. Das Tragwerk wurde von alten Gipskartonverkleidungen befreit und die Betonflächen sandgestrahlt. Zum Vorschein kam ein Beton, der von seiner langen, rund hundertjährigen Geschichte erzählte. Die Oberflächen zeigten Schalungsspuren, unterschiedliche Zuschläge, Brüche und Reparaturstellen.
Aus der sichtbaren Baugeschichte entwickelte sich das Entwurfskonzept. Der Beton wurde nicht hinter neuen Bekleidungen verborgen, sondern blieb erfahrbar. Die Stützen und Unterzüge gliedern die langen Raumzonen, raue Deckenflächen spannen sich über die Arbeitsbereiche. An einigen Stellen mussten Stahlträger eingezogen werden, um das Bestandstragwerk statisch zu ertüchtigen. Einzelne Wandpartien zeigen weiterhin Spuren früherer Eingriffe. Im Dachgeschoss wurde Spritzbeton aufgebracht, um die Überdeckung des Bewehrungsstahls wiederherzustellen.
Freigelegte Struktur, neue Arbeitswelt
Die Geschosse sind weitgehend als dezent unterteilte Großraumbüros angelegt. Kleinere Raumeinheiten sind an die Giebelseiten gerückt oder liegen an der rückwärtigen Fassade. Im zweiten und dritten Obergeschoss finden sich hier Teambüros, Projektbereiche, Fokus- und Besprechungsräume, eine Materialbibliothek sowie Teeküchen, WCs und Empfang. Im großen zentralen Arbeitsraum schaffen Regale, Einbauten, Glasbausteinwände und Vorhänge Abstufungen zwischen Offenheit und Rückzug. Sie bilden neue Raumsequenzen und lassen die Hallenstruktur weiterhin wirken.
Auch im Dachgeschoss bleibt die vorhandene Konstruktion bestimmend. Die geneigten Betonflächen und bogenartigen Unterzüge, die Dachöffnungen und die neuen Einbauten erzeugen eine Atmosphäre zwischen Werkraum, Atelier und Salon. Hier finden konzentriertes Arbeiten, Austausch, Präsentation und sogar Podcastaufnahmen ihren Platz. Die alte Tragstruktur gibt dem Raum Halt, die neuen Nutzungen bringen Bewegung hinein.
Beton und seine Gegenüber
Die Betondecken sind stets präsent. Sie spannen über Arbeitsplätze, Besprechungstische und Aufenthaltsbereiche hinweg und geben den unterschiedlichen Nutzungen einen gemeinsamen Rahmen. In den tiefen Grundrissen entsteht Orientierung durch Material, Licht und Möblierung. Die Glasbausteine führen Tageslicht weiter in den Raum und schaffen zugleich eine gewisse Abschirmung. Vorhänge verbessern die Akustik und setzen weiche Akzente zwischen den harten Oberflächen. Holzfußböden, Einbaumöbel und Fensterrahmen setzen warme Akzente. Der Beton hält diese Vielfalt zusammen.
Die Idee des Weiterbauens wird auch an den handwerklichen Details deutlich. Unterschiedliche Nennmaße, Materialstärken und Oberflächen treffen sichtbar aufeinander: Die Glasbausteine sind mit Kreuzfugen gemauert, die Hochlochziegel im Verband gesetzt und die ergänzten Stahlträger heben sich durch einen glatten, schwarzen Anstrich von den spröden Betonunterzügen ab. So entsteht ein Wechselspiel aus grob und fein, glatt und rau, lichtdurchlässig und opak. Der Ausbau wirkt wie eine weitere Schicht im langen Leben des Gebäudes.
Aus bauökologischer Sicht liegt der wichtigste Beitrag des Projekts im Bestandserhalt. Die massive Betonkonstruktion wird weitergenutzt und bleibt Teil des vorhandenen Baugefüges. Ein großer Anteil der grauen Energie bleibt gebunden, zugleich bewahrt der Umbau die industrielle Identität des Ortes. Die frühere Schienenschweißerei wird zur Grundlage einer zeitgenössischen Arbeitsumgebung, ohne ihre Herkunft abzulegen.
Bautafel
Architektur: Schoeps & Schlüter Architekten, Münster (Gebäudeplanung und Sanierung); MAAS & PARTNER Architekten, Münster (Innenausbau und Transformation in Bürolandschaft)
Projektbeteiligte: Häger + Partner Beratende Ingenieure, Münster (Statik); Thomas & Bökamp Ingenieurgesellschaft, Münster (Prüfstatik); Dipl.-Ing. C. Bürger & D. Frisse (Brandschutz); Roxeler Betonsanierungsgesellschaft (Betonsanierung), Münster; Elektrotechnik H. Schwarzer (Elektroarbeiten), Münster.
Bauherr*in: WSN Grundbesitz
Fertigstellung: 2023
Standort: Bremer Straße 42, 48155 Münster
Bildnachweis: Hanna Neander, Roland Borgmann, MAAS & PARTNER Architekten (Fotos); MAAS & PARTNER Architekten (Pläne)
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