Umbau Gästehaus der Rachid Karami International Fair in Tripoli

Oscar Niemeyer reloaded: zeitgenössischer Arbeitsplatz mit reversibel verlegten Bodenbelägen

Am Stadtrand von Tripoli befindet sich ein architektonisch bedeutsames Gebäudeensemble von Oscar Niemeyer: die Rachid Karami International Fair. Anfang der Sechzigerjahre begann der brasilianische Architekt mit der Planung des Messegeländes, dessen Bau jedoch mit dem Ausbruch des libanesischen Bürgerkriegs 1975 ein jähes Ende fand. Das Großprojekt bleibt bis heute unvollendet. Eines der Gebäude des Komplexes ist das sogenannte Gästehaus, das 2018 von East Architecture Studio umgebaut und einer Neunutzung zugeführt wurde. Alle Interventionen des Beiruter Architekturstudios sind reversibel angelegt, inklusive der Bodenbeläge im Innen- und Außenraum.   

Das von Oscar Niemeyer entworfene Gästehaus hat eine komplett fensterlose Fassade, während das Atrium und zwei Innenhöfe für eine natürliche Beleuchtung sorgen.
Wechselspiel zwischen innen und außen mit geschlossener Fassade und lichtdurchflutetem Atrium.
Einige Räume des umgenutzten Gästehauses sind als Ausstellungsflächen für die Möbel der gemeinnützigen Plattform Minjara vorgesehen.

Unvollendetes Großprojekt

Tripoli, die zweigrößte Stadt des Libanon, liegt im Norden des Landes und befindet sich wie der gesamte Libanon in einer schweren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Krise. Ein Hoffnungsschimmer ist die Ernennung der Stadt zur „Arab Capital of Culture 2024“ durch die Arabische Liga. Einen wesentlichen Anteil an dieser Auszeichnung dürfte das zwischen der historischen Altstadt und dem Hafen gelegene Bauensemble von Oscar Niemeyer haben: die zwischen 1962 und 1975 geplante Rachid Karami International Fair. Ursprünglich sollte das permanent angelegte Messegelände bis zu zwei Millionen Besuchende jährlich empfangen, doch der Ausbruch des Bürgerkriegs 1975 verhinderte die Fertigstellung der Gebäude und die Eröffnung der Messe.

Ausgezeichneter Umbau

Der Umbau des Gästehauses sei ihr erstes größeres Projekt gewesen, erzählen Charles Kettaneh und Nicolas Fayad, die Gründer des Architekturbüros East Architecture Studio. Doch natürlich kannten sie den Architekturkomplex schon vorher, denn sie hatten das Messegelände bereits als Studenten der American University von Beirut besucht. Doch erst durch den prestigeträchtigen Auftrag vertieften sie sich in die Materie, studierten das Werk des brasilianischen Architekten, suchten in den Archiven der Stadt nach Plänen, Grundrissen und anderen Dokumenten. Auch die Oscar Niemeyer Foundation in Rio de Janeiro kontaktierten sie, allerdings ohne großen Erfolg. Niemeyer habe sich nach dem Baustopp von dem Projekt distanziert und es quasi nie erwähnt, erzählen Charles Kettaneh und Nicolas Fayad, was dazu beigetragen haben dürfte, dass es in Vergessenheit geriet. Dass es nun endlich die verdiente Aufmerksamkeit erhält, liegt auch daran, dass East Architecture Studio für den Umbau im letzten Jahr den renommierten „Aga Khan Architecture Award “ erhalten hat.

Bauensemble der Moderne

Zudem wurde die Rachid Karami International Fair in diesem Jahr in die UNESCO-Liste der bedrohten Welterbestätten („List of World Heritage in Danger “) aufgenommen. Der Entwurf von Oscar Niemeyer sei „ein herausragendes Beispiel für den Städtebau und die Architektur des 20. Jahrhunderts“, so der Bewerbungstext für die Aufnahme in die Welterbeliste. Auf einer Fläche von 72 Hektar gruppieren sich Hauptgebäude wie die große Ausstellungshalle, der Libanesische Pavillon, das Amphitheater und die Direktorenvilla sowie zahlreiche Nebengebäude. Einige der markanten Strukturen wurden in den letzten Jahrzehnten – teils unter völliger Missachtung der Ideen Niemeyers – bis zur Unkenntlichkeit umgebaut, andere verfielen aufgrund von Stahlkorrosion und Alterserscheinungen des Betons oder sind von Bäumen und Gestrüpp überwuchert.

Allein der Vorplatz ist riesig – mit einem in den Boden eingelassenen Kiosk, der für den Ticketverkauf vorgesehen war, dem Administrationsgebäude und einer weit auskragenden Dachstruktur, die den Eingang zum Messegelände markiert. Dort gibt es auch zwei befahrbare Rampen, wobei die ursprüngliche Planung von Niemeyer vorsah, dass diese von einem Wasserbecken umgeben sein sollten, was mit den Reflexionen sehr effektvoll gewirkt hätte. Leicht erhöht gelegen, kann man von hier aus das gesamte Gelände überblicken, einige Gebäude wie der Wasserturm, der Libanesische Pavillon und das Amphitheater ragen mit ihren klaren geometrischen Formen markant heraus.

Transformation in einen zeitgenössischen Arbeitsplatz

Das von East Architecture Studio umgebaute Gebäude liegt gleich neben der als Bumerang bezeichneten, rund 700 Meter langen Ausstellungshalle. Das ehemalige Gästehaus der Messe wirkt aufgrund der fensterlosen Fassade hermetisch geschlossen. „Minjara“ steht am Eingang in großen Lettern, wobei das Schild auf die Neunutzung hinweist. Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich in Tripoli eine florierende Holz- und Möbelindustrie entwickelt, von der heute nicht mehr viel übrig ist. Unterstützt von der Europäischen Union, soll die 2018 gegründete Plattform Minjara Handwerkenden und Möbelherstellern vor Ort helfen, vor allem mit gut ausgestatteten Werkstätten.

Das einstöckige Gästehaus ist baulich zweigeteilt: In den ehemals öffentlich genutzten Räumen befinden sich heute die Tischlerwerkstätten, Ausstellungs- und Büroräume von Minjara – diesen Bereich hat East Architecture Studio umgebaut und saniert. Im hinteren Teil des Gebäudes hatte Niemeyer 14 Gästezimmer mit eigenen Bädern und Höfen vorgesehen, die aus Kostengründen bisher nicht saniert wurden. Das Innere entwickelt sich von einem zentralen Atrium aus, dessen vier Seiten mit raumhohen Fensterflächen versehen sind. Die Freifläche ist mit Gräsern bepflanzt und mit Stahlbetonstreben in markanter Rasterstruktur überdacht. Von hier geht der Blick in die angrenzenden Werkstätten, Ausstellungsräume und die Materialbibliothek, während Büros, Waschräume, Lager- und Technikräume am Rand des Gebäudes untergebracht sind. Sämtliche baulichen Interventionen von East Architecture Studio orientieren sich an fertiggestellten Gebäuden des brasilianischen Architekten und sind reversibel angelegt. Dazu gehören beispielsweise die hinzugefügten Glastüren mit feinen Metallrahmen, welche die großflächigen Räume voneinander abtrennen. Sie nehmen das Raster der Betondecke auf, berühren sie aber nicht. Strukturelle Elemente werden von East Architecture Studio hinter Sperrholzplatten verborgen, während die Deckenleuchten maßgefertigt sind und sich am Deckenraster orientieren.

Reversible Bodengestaltung

Die offenen Empfangsräume, die sich um das Atrium gruppieren, wurden nicht fertiggestellt – im Unterschied zu den 14 Gästezimmern, bei denen noch die ursprünglichen Terrazzoplatten und Betonpflastersteine in den Innenhöfen vorhanden sind. Die Architekten von East Architecture Studio hatten bei ihren Recherchen herausgefunden, dass Niemeyer beabsichtigte, den Empfangsbereich mit einem Betonboden auszustatten. Dieser ursprünglich vorgesehene Bodenbelag würde sich ebenso gut für die neue Nutzung als Tischlerei und Ausstellungsplattform eignen, stellten die Planenden fest. Dabei wurde der neue Boden mit einer Fuge zu den originalen Wänden aus Naturstein verlegt, die einen schönen Kontrast zur geradlinigen Architektur des Gästehauses schaffen. Bei diesem gestalterischen Element ließ sich Niemeyer von der traditionellen libanesischen Baukunst inspirieren. In den Außenbereichen kommen Kies sowie ebenfalls Beton als Bodenbelag zum Einsatz. Hier ist die Gestaltung inspiriert von den Farben, Texturen und Materialien, die der Landschaftsarchitekt Roberto Burle Marx in seiner Zusammenarbeit mit Niemeyer verwendete, so die Architekten.

Ungewisse Zukunft

Ein Masterplan von UNESCO und Getty Foundation, der die Wiederbelebung und ganzheitliche Erhaltung des Geländes Rachid Karami International Fair von Oscar Niemeyer zum Ziel hat, erscheint unter den derzeitigen politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten im Libanon kaum umsetzbar. Doch ist mit dem Umbau von East Architecture Studio und der Neunutzung des Gästehauses ein vielversprechender Anfang gemacht. -csh

Bautafel

Architekten: Oscar Niemeyer, Rio de Janeiro (1962-1975), East Architecture Studio, Beirut (Umbau)
Projektbeteiligte: Association of Lebanese Industrialists, Beirut (Beratung); TECC Consulting, Beirut (Bauaufsicht); Topcat Industries, Koura (Metallarbeiten)
Bauherrschaft: Expertise France, Beirut
Fertigstellung: 2018
Fläche: 1.917 qm (Umbau); 3.200 qm (Gesamtfläche)
Standort: El Maraad, Tripoli, Libanon
Bildnachweis: Aga Khan Trust for Culture, Claudia Simone Hoff, Berlin und East Architecture Studio, Beirut (Fotos); East Architecture Studio, Beirut (Pläne und Grundrisse)

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