Umbau eines Bauernhauses in Mecklenburg-Vorpommern

Panoramafenster, hölzerne Klappläden und rahmende Laibungen

Schon der römische Anwalt und Senator Plinius der Jüngere beschreibt in seinen berühmten und noch heute lesenswerten Briefen die Freuden eines Landhauses mit Ausblicken in die Natur zur Entspannung und als Auszeit vom stressigen städtischen Alltag in der Hauptstadt eines riesigen Reiches. Allerdings betonte Plinius ausdrücklich, dass der Aufenthalt auf dem Land nicht mit Verzicht auf architektonische Qualität verbunden sein sollte. Deshalb gab er viele Tipps und Hinweise, und im Grunde fehlen in seinen Schilderungen nur ein paar Instagram-taugliche Fotos. 

Die Architektinnen Christine Lara Hoff und Sierra Boaz Cobb übernahmen den Auftrag für den Umbau zum Wochenendhaus.
Kaum wiederzuerkennen: Zustand des Hauses von der Straßenseite aus gesehen vor dem Umbau
In einem ersten Schritt wurden Überformungen aus der DDR-Zeit weitestgehend zurückgebaut, u. a. wurde der alte Putz entfernt und zugemauerte Fenster wieder geöffnet (Gartenseite vor dem Umbau).

Auch 2.000 Jahre später ist der Traum vom Landleben noch immer aktuell. Ein Ehepaar aus Berlin, beide in anspruchsvollen Berufen tätig, entdeckte in Mecklenburg-Vorpommern ein wortwörtlich in die Jahre gekommenes Bauernhaus aus dem 19. Jahrhundert in einem winzigen Dörfchen in der Mecklenburgischen Schweiz. Das Paar beschloss, das Haus zu kaufen und als Wochenendhaus auf dem Land zu revitalisieren. Die Architektinnen Christine Lara Hoff und Sierra Boaz Cobb, die sich beide aus dem Studium an der Uni Yale in den USA kannten, übernahmen den Auftrag für den Umbau.

Rückbau und Neuorganisation

In einem ersten Schritt wurden die Überformungen aus der DDR-Zeit weitestgehend zurückgebaut. Vielleicht hat auch der Mangel an geeigneten Baustoffen zur Bewahrung des alten Hauses beigetragen, denn andernorts wäre es womöglich längst abgerissen worden. So wurde der alte Putz entfernt, zugemauerte Fenster wurden wieder geöffnet, die Erschließung zurück zur ursprünglichen Haustür korrigiert. Das Innere war in neun Kämmerchen aufgeteilt, deren Trennwände bis auf das tragende Fachwerk, das damit wieder sichtbar wurde, demontiert. Mit diesem wiedergewonnenen Potenzial an historischer Substanz, an Raum und Proportion konnte nun eine Neuorganisation und eine Ergänzung um zeitgenössische Elemente erfolgen.


Umgang mit vorhandenen und neuen Fensteröffnungen

Das helle rötliche Klinkermauerwerk wurde gereinigt, neu verfugt und mit einer inneren Dämmschicht plus Innenschale versehen. Sämtliche Fenster sind durch neue Holzfenster ersetzt worden, allerdings mit mehreren transformatorischen Eingriffen. Eine simple Klappe im Giebel wandelte sich in ein stehendes Fenster. Auf der Gartenseite wurde ein breites liegendes Panoramafenster in die Wand geschnitten. Die Fenster in den neuen Öffnungen bekamen außerdem farblich kontrastierende hellgraue Laibungen als filigrane Rahmen, die die Einschnitte nachzeichnen. Die Fenster in den alten Öffnungen mit den gemauerten Sohlbänken an der straßenseitigen Fassade wurden mit Klappläden vervollständigt. Diese schützen damit das Haus, wenn es unbewohnt ist. Erst auf den zweiten Blick lassen diese Klappläden erkennen, dass sie keinesfalls rustikale Überbleibsel sind, sondern nagelneue Ergänzungen, denn ihre Felder zeigen eine spielerische geometrische Verdrehung à la Parametrie. In das Dach wurden fünf Schwingfenster eingefügt, die das Dachgeschoss belichten und belüften.

Solardachziegel

Das Dach selbst wurde mit dunkelgrauen Betondachziegeln neu eingedeckt, in die jedoch farblich und größenmäßig angepasste Solardachziegel eingearbeitet sind. Diese innovativen Bausteine ermöglichen zusammen mit Geothermie eine autarke Heizungs- und Energieversorgung mit Nullenergiehaus-Standard. Weil die Solardachziegel durch die Photovoltaik und den Versatz mit den Betonschindeln leicht schimmern, erinnern sie an Schieferschindeln. Trotz des High-Tech-Kerns zollt die neue Dacheindeckung mit dieser zurückhaltenden Optik Respekt vor den übrigen Häusern im Dorf.

Flächen, Farben, Materialien

Durch die Entkernung wird das Erdgeschoss zu einem großen luftigen Raum, der durch das vorhandene und nun sichtbare Fachwerk gegliedert wird. Eine dunkel lackierte hölzerne Haustür öffnet sich in einen kombinierten Wohn-, Ess- und Küchenbereich. Lediglich zwei kleinere Schlafräume und ein Bad sind abgetrennt. Eine hölzerne Terrasse, die die Höhe des Feldsteinsockels sowie die Breite des Hauses aufnimmt und in den Garten fortsetzt, erweitert die Wohnebene nach draußen. Minimalistisch reduzierte scheinbar schwebende Stahlstufen führen ins Dachgeschoss, das zwei weitere Schlafräume und eine Galerie mit Schreibflächen beherbergt und sich durch einen Luftraum mit dem Erdgeschoss verknüpft.


Die Farbpalette im Inneren ist auf Weiß- und Grautöne konzentriert, die sich gegenüber den natürlich belassenen Hölzern visuell zurücknehmen und vor allem den Blick auf der umgebenden grünen Natur ruhen lassen. Das entspricht den Hinweisen von Plinius, der die Bedeutung der Aussicht in die Natur als Genuß betont, und zwar ohne unnötige Ablenkungen.

Das Haus hat nach der Sanierung und dem Umbau etwa 150 m² Wohnfläche und bietet für mindestens fünf Bewohnern und Bewohnerinnen sowie Gästen Schlafplätze. Als Wochenendhaus und Refugium auf dem Land entspricht es nun zeitgemässen Wohnvorstellungen, jedoch innerhalb einer historischen sowie auch kulturellen Identität als ehemaliges Bauernhaus.

Die beiden Architektinnen erhielten für ihren gleichermaßen behutsamen wie konsequent-radikalen Umbau Anerkennungen beim Häuser-Award 2022 und beim German Design Award 2022. -sj

Bautafel

Architektur: Christine Lara Hoff, Hoff Architects, Berlin, und Sierra Boaz Cobb, Berlin
Projektbeteiligte: Fritz Glock, Hermsdorf (Holzfenster und Holzrahmen); FSB, Brakel (Griffe und Drücker); Roy Dwojatzki, Stockburger & Partner Tischlerei, Berlin (Fensterläden, nach Entwürfen von Christine Lara Hoff und Sierra Boaz Cobb); Velux, Hamburg (Dachfenster), SolteQ Europe, Willesch (Solardachziegel)
Bauherr/in: privat
Standort: Mecklenburg-Vorpommern, Deutschland
Fertigstellung: Bestand 19. Jahrhundert, Umbau 2020
Bildnachweis: Pujan Shakupa, Berlin; Christine Lara Hoff, Berlin; SolteQ Europe, Willesch

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Bei einem stehenden Fenster ist die Fensterhöhe ein Vielfaches der Fensterbreite, während bei einem liegenden Fenster die Fensterbreite um ein Vielfaches größer ist als die Fensterhöhe (im Bild: stehendes Fenster in einer Metallhaut).

Bei einem stehenden Fenster ist die Fensterhöhe ein Vielfaches der Fensterbreite, während bei einem liegenden Fenster die Fensterbreite um ein Vielfaches größer ist als die Fensterhöhe (im Bild: stehendes Fenster in einer Metallhaut).

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