The Whiteley in London
Neubau hinter historischen Fassaden
Mehr als ein Jahrhundert lang prägte The Whiteley den Londoner Stadtteil Bayswater als Warenhaus. Nun haben Foster + Partners den denkmalgeschützten Gebäudekomplex an der Queensway umfassend umgebaut und zu einem gemischt genutzten Stadtbaustein umfunktioniert. Hinter den restaurierten historischen Fassaden entstanden Wohnungen, Hotel, Einzelhandel, Gastronomie sowie Freizeit- und Wellnessangebote. Ein neuer begrünter Innenhof öffnet den tiefen Gebäudekomplex zum Tageslicht. Besondere Aufmerksamkeit erforderte die Ertüchtigung der historischen Stahlfenster, deren filigrane Erscheinung trotz moderner bauphysikalischer Anforderungen bewahrt werden sollte.
Vom Kaufhaus zur Shopping Mall zum Mischkomplex
Die Geschichte von The Whiteley reicht bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. 1863 eröffnete William Whiteley in West-London ein Bekleidungsgeschäft, das sich innerhalb weniger Jahrzehnte zu einem der ersten großen Warenhäuser Großbritanniens entwickelte. Der heutige Gebäudekomplex entstand nach Plänen der Architekten John Belcher und John James Joass. Seine erste Bauphase wurde 1911 fertiggestellt. In den folgenden Jahrzehnten wurde das Warenhaus mehrfach verändert und erweitert. Zahlreiche Umbauten und Reparaturen im Laufe des 20. Jahrhunderts beeinträchtigten dabei zunehmend die Klarheit des ursprünglichen Entwurfs.
Mit der Umnutzung zu einer Shopping Mall in den 1980er-Jahren gingen zudem große Teile der ursprünglichen Innenräume verloren, während die denkmalgeschützte Gebäudehülle weitgehend erhalten blieb. Seit 1970 ist „Whiteley's Store“ als Grade II Listed Building in der National Heritage List for England eingetragen. 2015 wurden Foster + Partners mit der erneuten Transformation des Komplexes beauftragt, 2018 begannen die Bauarbeiten, 2026 wurde das Projekt fertiggestellt.
Mit einer Bruttogeschossfläche von rund 105.700 Quadratmetern, einer Länge von 163 Metern, bis zu elf oberirdischen und drei unterirdischen Geschossen zählt The Whiteley zu den großmaßstäblichen Umbauprojekten im Londoner Bestand. An die Stelle des früher weitgehend monofunktionalen Warenhauses tritt heute ein dichtes Gefüge unterschiedlicher Nutzungen. Der Komplex umfasst Einzelhandel, Gastronomie, Kino, Sport- und Freizeitangebote sowie das Six Senses Hotel mit 109 Zimmern und Spa. In den oberen Geschossen befinden sich zudem 139 Wohnungen.
Restaurieren, ergänzen, weiterbauen
Foster + Partners kombinierten unterschiedliche Strategien im Umgang mit dem Bestand: Die historischen Natursteinfassaden an Queensway und Porchester Gardens, die das monumentale Erscheinungsbild des Gebäudes im Stadtraum bestimmen, wurden während der Bauarbeiten mit einer temporären Stahlkonstruktion gesichert und umfassend restauriert. Der Gebäudekomplex dahinter wurde dagegen weitgehend abgebrochen und durch eine neue Tragstruktur ersetzt. Die historischen Fassaden blieben damit als vergleichsweise dünne äußere Schicht des früheren Warenhauses erhalten.
Bei anderen historischen Bauteilen bedeutete der Erhalt nicht zwangsläufig, dass sie während der Arbeiten an Ort und Stelle verblieben. Die große historische Glaskuppel über dem ehemaligen Atrium wurde demontiert, restauriert und anschließend wieder in den Neubau integriert. Auch der Uhrturm wurde gesichert und wiederaufgebaut. Weitere Bestandselemente – darunter Skulpturen, die historische Treppenanlage und das ursprüngliche Eingangsportal – wurden ausgebaut und teilweise an anderer Stelle wieder eingesetzt. Das historische Portal bildet heute den Zugang zum Hotel.
Die beiden steinernen Eckkuppeln an der Queensway-Fassade haben unterschiedliche Entstehungsgeschichten. Die historische südöstliche Eckkuppel wurde im Zuge der Arbeiten überarbeitet und wiederhergestellt. An der nordöstlichen Ecke entstand dagegen erstmals ihr bereits im ursprünglichen Entwurf vorgesehenes Gegenstück. Die neue Kuppel wurde vollständig aus Portland-Kalkstein anhand historischer Pläne rekonstruiert.
Die neuen Dachgeschosse sind gegenüber den historischen Straßenfassaden zurückgestaffelt. Die dadurch entstehenden Terrassen dienen den Wohnungen als private Außenräume. Auf diese Weise bleibt die historische Erscheinung des ehemaligen Warenhauses zu den Straßen weitgehend erhalten, während die neue Gebäudestruktur vor allem im Blockinneren und auf den oberen Ebenen in Erscheinung tritt.
Historische Fenster als denkmalpflegerische Aufgabe
Eine besondere Herausforderung des Umbaus bildeten die historischen Stahlfenster des denkmalgeschützten Gebäudes. Ihre schmalen Profile, kleinteiligen Gliederungen sowie zahlreiche gebogene und vorspringende Elemente prägen die historischen Fassaden. Gleichzeitig entsprachen die einfach verglasten Konstruktionen nicht mehr den heutigen Anforderungen an Wärmeschutz, Dichtheit und Nutzungskomfort.
Die historischen Fensterelemente wurden vor dem Abbruch ausgebaut, detailliert dokumentiert und auf ihren Erhaltungszustand untersucht. Wiederverwendbare Bestandteile wurden aufgearbeitet und in die erneuerten Konstruktionen integriert. Fehlende oder beschädigte Gussteile wurden mithilfe eines mobilen 3D-Koordinatenmesssystems digital erfasst und auf dieser Grundlage originalgetreu nachgegossen. Einzelne vollständig restaurierte historische Fenster blieben zudem als Referenz erhalten. Die heutigen Fassadenfenster sind damit keine bloße Restaurierung der alten Konstruktionen, sondern verbinden erhaltene Originalteile mit technisch neu aufgebauten Fensterelementen.
Die Vielzahl unterschiedlicher Geometrien erhöhte den Aufwand zusätzlich. Neben planen Fenstern besitzt die Fassade zahlreiche Erker sowie gebogene und gewölbte Konstruktionen. Viele Elemente mussten daher als Einzelanfertigungen hergestellt werden. Historische Blenden und Pfosten wurden ebenfalls in die neue Konstruktion integriert. Einzelne Fassadenelemente wiegen mehr als 500 Kilogramm. Um Konstruktion, Anschlüsse und Passgenauigkeit vor Beginn der Fertigung zu überprüfen, wurde zunächst ein Fassadenausschnitt im Maßstab 1:1 aufgebaut.
Neue Technik nach historischem Vorbild
Für die neuen Fensterkonstruktionen kamen die Stahlprofilsysteme von Jansen zum Einsatz. Das Fenstersystem Janisol Arte 66 wurde für The Whiteley projektspezifisch angepasst, um trotz moderner Isolierverglasung und thermischer Trennung möglichst nah an die schlanken Ansichtsbreiten der historischen Stahlfenster heranzukommen. Die Fassadensysteme VISS und VISS Basic übernehmen ergänzend die Lastabtragung der teilweise großformatigen und schweren Elemente. Dadurch ließ sich eine technisch leistungsfähige Konstruktion herstellen, ohne vor die historische Fassade zusätzliche Fenster- oder Fassadenebenen setzen zu müssen.
Vor dem Einbau wurden die Fensterelemente umfangreichen Prüfungen unterzogen. Untersucht wurden unter anderem Luftdurchlässigkeit, Schlagregendichtheit und Widerstand gegen Windlast sowie Wärme- und Schallschutz. Darüber hinaus mussten die projektspezifischen Sonderkonstruktionen die Anforderungen der Schlagfestigkeitsklasse 4 nach DIN EN 13049 erfüllen.
Ein neuer Hof im Inneren
Hinter den erhaltenen Fassaden entstand auf der weitgehend neu errichteten Gebäudestruktur eine neue räumliche Ordnung. Zentrales Element ist ein langgestreckter, begrünter Innenhof, der Tageslicht tief in den zuvor introvertierten Gebäudekomplex führt und zugleich einen neuen öffentlichen Raum schafft. Einzelhandel, Gastronomie, Freizeit- und Hotelnutzungen orientieren sich mit aktiven Erdgeschosszonen sowohl zu den umliegenden Straßen als auch zum Hof. Hinter dem Haupteingang überspannt eine neue, intern liegende Glaskuppel den Übergang zum Innenhof. Sie liegt unterhalb der historischen Dachkuppel und führt zusätzliches Tageslicht in das Gebäude.
Die Architektur des Blockinneren, aber auch zum rückwärtigen, schmalen Redan Place, setzt sich deutlich von den historischen Straßenfassaden ab. Helle Fassadenflächen, dunkel gefasste Fenster und Balkone bestimmen die Hoffassaden; darüber staffeln sich Terrassen und weitere Geschosse zurück. Pflanzflächen und Bäume gliedern den langgestreckten Freiraum und setzen sich auf einzelnen Terrassen fort. Die Neubauten reagieren zugleich auf die unterschiedlichen Dimensionen der angrenzenden Straßen: Ihre Höhen und Fassaden sind entsprechend dem jeweiligen städtebaulichen Kontext differenziert ausgebildet.
Nach Angaben von Foster + Partners wurde das Projekt auf eine BREEAM-Bewertung „Excellent“ ausgelegt.
Bautafel
Architektur: Foster + Partners, London
Projektbeteiligte: Finchatton (Development Manager); MARK Capital Management (Bauherrschaft/Entwicklung); Laing O’Rourke (Generalunternehmer); AKT II (Tragwerksplanung); WSP (TGA-Planung); Gillespies (Landschaftsarchitektur); Jansen (Stahlprofilsysteme)
Bauherr*in: MARK Capital Management
Standort: 151 Queensway, London W2 4YN, Vereinigtes Königreich
Fertigstellung: 2026
Bildnachweis: Nigel Young / Foster + Partners; Tim Fisher (Fotos) / Foster + Partners (Pläne)
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