The Tractor Shed in Dorset
Wohnhaus in ehemaliger Ruine
Am Rand von Nether Compton, einem Dörfchen in der Grafschaft Dorset an der Grenze zu Somerset, entdeckten die beiden englischen Architekten Oliver Bindloss und George Dawes die Überreste eines landwirtschaftlichen Zweckbaus, der offensichtlich als eine Mischung aus Scheune und Abstellraum für Traktoren genutzt worden war. Es existierten nur noch die gemauerten Außenwände mitsamt Fundamenten und den Öffnungen für die Tore. Die Architekten beschlossen, die Ruine als adaptives Re-Use-Modellprojekt zu einem Öko-Wohnhaus mit Namen The Tractor Shed zu transformieren.
Ruine als Modell
Lassen sich Re-Use, nachhaltige Rettung von Bausubstanz, Zero-Carbon-Klimaneutralität und zeitgemäße Architektur mit flexiblen und lichtdurchfluteten Grundrissen plus ein ländlicher Kontext verknüpfen? Die beiden Architekten, die 2018 ihr Büro Bindloss Dawes in Bruton in der Grafschaft Somerset gründeten, haben sich auf genau diese Herausforderungen konzentriert. Beispielsweise realisierten sie die Transformation eines heruntergekommenen Dorfpubs in ein mit einem Michelin-Stern ausgezeichnetes Farm-to-Table-Restaurant, erweiterten eine ehemalige Dorfschule zu einem mehrfach preisgekrönten Familienwohnhaus und restaurierten einen Getreidespeicher als ihr Architekturbüro.
Im 2025 fertiggestellten Wohnhaus The Tractor Shed wollten sie in einer Personalunion als Architekten, Projektentwickler und Bauherren die besonderen Fähigkeiten und Prinzipien ihres Büros aufzeigen und anschließend das Haus zusammen mit einer Immobilienagentur zum Verkauf anbieten. Für die Vermarktung spielt natürlich auch eine Rolle, dass Yeovil, die nächstgelegene Ortschaft, sich in nur zwei Stunden Zugfahrt vom Londoner Bahnhof Waterloo Station erreichen lässt.
George Dawes erläutert: „Grundsätzlich war das Ziel, so viel wie möglich von der ursprünglichen Struktur zu erhalten. (...) Anfangs wollten wir dies auch im Inneren zum Ausdruck bringen, unter anderem durch die Verwendung einiger großer Traktorreste, doch letztendlich machten es die praktischen Herausforderungen zu schwierig.“ (Zitat Architecture Today, 12/2025)
Raumorganisation, Fenstertüren und Licht
Das eingeschossige Gebäude hat eine Länge von etwa 27 Metern mit einer Breite von etwa 6 Metern in Ost-West-Ausrichtung. Die Nutzfläche beträgt nach der Transformation 136 m². Als nachhaltiger und gleichzeitig kostensparender Vorteil erwies sich die Wiederverwendung des Rohbaus.
Die drei nahezu quadratischen Öffnungen, in denen sich vormals die Scheunentore befanden, sind mit doppelflügeligen bodentiefen Fenstertüren mit 3-fach-Verglasung geschlossen. Einer dieser Flügel, der sich etwa in der Mitte des Volumens befindet, dient nun als Eingang in eine Diele. Diese öffnet sich zu einem großen Küchen- und Essbereich, der durch die raumhohen Fenstertüren transparent und einladend hell wirkt. Dieser gemeinschaftliche Bereich kann durch einen weiteren Raum an der Stirnseite als Wohnzimmer erweitert werden. Andererseits läßt sich dieser Raum auch als Fernseh- und Medienraum mit zwei Türen seitlich einer eingestellten Wand flexibel schließen und akustisch abtrennen. Ähnlich flexibel kann ein weiterer sowohl von der Küche als auch von der Diele erschlossener Raum genutzt werden, beispielsweise als Arbeits-, Gäste- oder Abstellraum.
Privatere Räume, die sich als Schlaf- oder Kinderzimmer eignen, sind durch einen schleusenartigen Flur von den Gemeinschaftsbereichen abgeteilt. Wenn die Flurtüren geöffnet sind, entsteht eine Sichtachse entlang der Längswand. Alle diese Räume, die Schlafgelegenheiten für acht und mehr Personen bieten, werden durch neu eingeschnittene bodentiefe Fenstertüren oder kleinere stehende Fensterformate belichtet. Sie schaffen einen ungehinderten Ausblick auf die das Haus umgebende Wiese, auf der umgeben von einem hölzernen Weidezaun, einheimische Weißdorn-, Apfelbäume und Birken gepflanzt wurden. Darüber hinaus geht der Blick auf grüne Hügel und Felder.
Die Ost-West-Ausrichtung des länglichen Baukörpers hat mehrere Vorteile, die von den Architekten genutzt wurden. Die Bewohner*innen können den Lauf der Sonne je nach Tageszeit verfolgen und erleben eine natürliche Belichtung. Die Stirnseite nach Süden mit nur einem sehr kleinen Lüftungsfenster minimiert die solare Aufheizung im Sommer.
Öko-Haus als White Box
Zugunsten der Energiebilanz wurden die Mauerwerkswände hochgedämmt. Das verloren gegangene Dach wurde als Reminiszenz an den vormaligen Zweckbau als Pultdach in einer Stahl-Sandwich-Konstruktion mit Metallblechverkleidung ausgeführt. Das Pultdach ermöglicht die Installation einer Photovoltaikanlage, die eine autarke Versorgung des Hauses mit Elektrizität gewährleistet. Eine Luftwärmepumpe liefert Wärme für den Betrieb der Heizung und für Warmwasser.
Das Innere ist als reduzierte-minimalistische White Box
gestaltet und entspricht damit der einfachen Form der ehemaligen
Scheune. Helle Off-white-Töne an Wänden, Decke und Fußboden
harmonieren mit Küchenzeile und -block aus Douglasien-Sperrholz und
cremefarbenen Wollteppichen. Auf die Entstehungszeit
des Gebäudes in den frühen 1960er Jahren verweist eine Auswahl
hölzerner Midcentury-Möbel, darunter originale Merivaara-Chairs des
finnischen Designers Olof Kettunen. Mit den Beschreibungen
„zeitgenössisch“, „subtil ländlich“ und „ruhige, gelassene
Ästhetik“ sowie den ökologisch-ökonomischen Kenndaten bietet die
Immobilienagentur das Haus nun für einen Kaufpreis von umgerechnet
knapp 750.000,- EUR an. -sj
Bautafel
Architektur und Bauherrenschaft: Bindloss Dawes, Bruton
Projektbeteiligte: Splinter Structures, Frome (Tragwerksplanung); SB Constructions, Northfleet (Bauausführung), The Modern House, London (Immobilienagentur)
Standort: Nether Compton, Dorset
Fertigstellung: 2025
Bildnachweis: Dave Watts über SALT, London
Fachwissen zum Thema
Bauwerke zum Thema
Solarlux GmbH | Kontakt +49 5422 9271-0 | www.solarlux.com