The Felix in Gentbrugge
Ein grauer Riese öffnet sich
Im Osten der Stadt Gent, im Schatten eines Autobahnviadukts und am Übergang zu einer Parklandschaft, verwandelte das Büro ATAMA ein 1974 eingeweihtes Bezirksamt in ein vielschichtiges öffentliches Haus. Der ursprüngliche Entwurf stammt von Paul Felix, einem prägenden Vertreter der belgischen Nachkriegsmoderne. Seit Herbst 2025 vereint der einst spröde wirkende Sichtbeton als The Felix Bibliothek, Grundschule, Akademie, Bürgeramt, Polizeistation, Cafeteria und Veranstaltungssaal unter einem gemeinsamen Dach. Die Transformation zeigt, wie ein brutalistischer Bestand durch präzise Eingriffe, neue Betonelemente und eine offene Erschließung wieder Teil des städtischen Alltags werden kann.
Paul Felix und das Erbe des Betons
Der Bestand umfasste ursprünglich drei eigenständige Baukörper, verteilt um einen halboffenen Hof: einen eingeschossigen Eingangspavillon, einen zweigeschossigen Flachbau und ein sechsgeschossiges Hochhaus mit abgerücktem Erschließungsturm. Die Baukörper wirken autonom und stehen dennoch in Beziehung zueinander. Massive Brüstungen, Betonstützen und -träger geben dem Ensemble eine strenge, rhythmische Ordnung. Diese Architektur vertraut ganz auf den Baustoff Beton.
Über die Jahrzehnte setzten die Sichtbetonoberflächen Patina an und wurden in der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend mit Härte, Schwere und grauer Tristesse verbunden. Was ursprünglich als funktionale Klarheit gedacht war, erschien vielen später abweisend und technisch überholt. ATAMA las den Bestand anders. Die großzügigen Räume, die robuste Tragstruktur und die präzise Ordnung boten eine solide Grundlage für neue Entwicklungen.
Der Entwurf zielt darauf, den vorhandenen Beton freizulegen, zu reparieren und weiterzuschreiben. Vor Beginn der Arbeiten wurde das Gebäude bis auf die Tragstruktur zurückgebaut und umfassend untersucht. Beton und Bewehrung wurden geprüft, beschädigte Bereiche instandgesetzt und freiliegende Eisen neu überdeckt. Dabei wurde die ursprüngliche Betonzusammensetzung so rekonstruiert, dass die Eingriffe an den Brüstungen kaum sichtbar sind.
Ein Hof als neue Mitte
Städtebaulich besetzt The Felix eine sensible Schnittstelle. Zur einen Seite schließen die Wohnstraßen von Gentbrugge an, zur anderen öffnet sich die weite Parklandschaft der Gentbrugse Meersen. ATAMA stärkt diese Lage, indem das Gebäude zu einem durchlässigen Stadtteilhaus wird. Mehrere Eingänge öffnen das Ensemble, Sichtachsen und neue Außenräume binden den Park ein. Aus dem Verwaltungsbau wurde ein Haus, das man auch ohne Termin betreten kann.
Ein wesentlicher Eingriff ist der neue vierte Baukörper. Er nimmt den Veranstaltungssaal auf und vervollständigt die bestehende Komposition zu einem klar gefassten Hof. Er bietet Orientierung und Aufenthaltsflächen und wirkt so wie ein Gelenk zwischen den unterschiedlichen Nutzungen: Schule, Bibliothek, Musik- und Kunstakademie, Verwaltung und Polizei erhalten dadurch eine gemeinsame Adresse, ohne ihre Eigenständigkeit zu verlieren. Die frühere Zwischenfläche verwandelte sich in einen geschützten öffentlichen Raum.
Hinter den Hoffassaden liegen Foyers und breite Flure – ein öffentliches Rückgrat, das die verschiedenen Programmteile miteinander verbindet. Es entstand eine ungewöhnliche Nachbarschaft: Schulkinder, Bibliotheksgäste, Musikschüler*innen, Verwaltungsangestellte und Polizeikräfte nutzen dieselben Wege und begegnen sich im Alltag.
Gestapelte Stadt
Die programmatische Dichte folgt der Idee einer „Stacked City“. Funktionen, die anderswo auf mehrere Gebäude verteilt werden, stapeln sich in The Felix und greifen räumlich ineinander: Den zweigeschossigen Flachbau im Südosten teilen sich Schule, Bürgerservice und Bibliothek. Der ehemalige Eingangspavillon im Nordwesten nimmt die Polizei auf und wurde durch neue Büroflächen ergänzt. Im Hochhaus dazwischen ist die Musik- und Kunstakademie untergebracht. Die oberste Etage wurde mit spiegelverkleideten Trennwänden in Übungsräume gegliedert.
Diese vertikale Verdichtung wird durch drei Aufstockungen ergänzt, die ATAMA als Kronen bezeichnet. Sie erweitern das Raumangebot und geben dem Ensemble eine neue Silhouette. In den ehemaligen Ölsilos liegen heute schallintensive Proberäume für Schlagzeug und Percussion, darüber stehen helle Tanzsäle in der Krone des Hochhauses. Auf dem Flachbau erweitert ein Dachspielplatz den Schulhof in die Höhe. So nutzt das Projekt die Tragfähigkeit des Bestands als räumliches Kapital: Bodenfläche bleibt frei, neue Freiräume entstehen, und das vorhandene Betontragwerk wird zur Grundlage einer zweiten Nutzungsschicht.
Statische Herausforderungen
Das rund 50 Jahre alte Tragwerk für die zusätzlichen Lasten zu ertüchtigen, war eine der großen Herausforderungen des Projekts. Bei der Entwicklung des Statikkonzepts spielte das Ingenieurbüro UTIL eine wichtige Rolle. Die neuen Betonbauteile suchen gestalterisch die Nähe zum Bestand, ohne ihn zu imitieren. Sie nehmen das ursprüngliche Fassadenraster auf und übersetzen es in eine leichtere, weichere Sprache. Stützen, Träger und Füllungen greifen das modulare Prinzip auf, arbeiten jedoch mit gerundeten Kanten, feineren Schnitten und einem helleren Betonton. So bleiben die Bauphasen unterscheidbar, wirken aber miteinander verwandt.
Am neuen Veranstaltungssaal wird diese Haltung gut ablesbar. Seine tragende Betonfassade bildet eine zeitgenössische Kolonnade und schließt den Hof mit ruhiger Präsenz. Am Dachspielplatz wird der Umgang mit Beton spielerischer und erscheint als Sitzgelegenheit und räumliche Figur. Hier kamen Fertigteile mit gerundeten Ecken und eingegossenen Steinen zum Einsatz.
Sichtbare Spuren, neue Schichten
Die Materialstrategie lebt von der Entscheidung, den Bestand nicht zu mildern oder hinter anderen Materialien verschwinden zu lassen. Die Brettschalungsstruktur der 1970er-Jahre, die Verwitterungsspuren und die strenge Rasterung bleiben ablesbar. Hinzu kommen neue Oberflächen, die gestockt, sandgestrahlt oder glatt geschalt wurden. Unterschiedliche Farbtöne, Bearbeitungen und Formen bilden einen reichen Werkzeugkasten. Alt und Neu verschmelzen nicht zu einer einheitlichen Oberfläche, sondern erzählen von Bauzeit, Reparatur und Weiterbau.
Im Innenraum setzt sich diese Haltung fort. Die Erschließungsbereiche sind großzügig und lichtdurchflutet, große Glasflächen schaffen Transparenz zwischen den Nutzungen. Spiegel verbergen Haustechnikschächte und erweitern zugleich die Raumwirkung. Auch Akustik, Gebäudetechnik und bauphysikalische Maßnahmen wurden so integriert, dass die räumliche Ordnung des Bestands erhalten bleibt. Die technischen Neuerungen treten zurück.
Damit eröffnet das Projekt eine andere Perspektive auf die Betonarchitektur der Nachkriegsmoderne. Ihre Stärke liegt in der konstruktiven Robustheit, in der räumlichen Großzügigkeit und in der Fähigkeit, neue Programme aufzunehmen. Was früher Verwaltung war, wird heute Stadtteilzentrum. Der Beton bleibt dabei sichtbar: gealtert, repariert, ergänzt und neu interpretiert.
Bautafel
Architektur: Paul Felix (Bestand); ATAMA, Gent (Umbau)
Projektbeteiligte: UTIL und Boydens Studiebureau (Tragwerksplanung); Boydens Studiebureau (Technische Gebäudeausrüstung); Daidalos Peutz (Bauphysik und Akustik); Cluster Landschap & Stedenbouw (Landschaftsarchitektur)
Bauherr*in: Stadt Gent
Fertigstellung: 2025
Standort: Braemkasteelstraat 29-45, 9050 Gentbrugge, Belgien
Bildnachweise: Stijn Bollaert und Dieter Van Caneghem (Fotos), ATAMA (Pläne)
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