Tanztheater Sadler’s Wells East in London

Die Vielfalt des modernen Tanzes unter einem Dach

Sadler’s Wells gilt als das älteste Tanztheater Londons. Seinen seit 1683 anhaltenden Erfolg hat es dabei auch der stetigen Weiterentwicklung zu verdanken – so setzte es im 20. Jahrhundert als Zentrum für zeitgenössischen Tanz und Ballett den europäischen Maßstab. Und auch heute möchte es modernen Tanzformen Raum geben: Nach Plänen des Londoner Büros O’Donnell + Tuomey eröffnete kürzlich das Sadler’s Wells East, das neben Proberäumen auch ein Auditorium mit 550 Plätzen beherbergt.

Die Erweiterung steht im Stadtteil East Bank, einer Nachbarschaft, die sich in den letzten Jahren stark verändert hat.
Die Formsprache soll dabei an die frühere industrielle Nutzung des neuen Standorts erinnern.
Die Stadt investiert dabei zum Großteil selbst

Das East kommt von East Bank

Das ursprüngliche Gebäude von 1683 samt namensgebender Quelle existiert heute nicht mehr. An derselben Stelle steht nun, nahe dem Bahnhof King’s Cross, ein Haus aus der Jahrtausendwende mit 1.500 Sitzplätzen. Um der Rolle als „internationales Zentrum für Tanz“ gerecht zu werden, beschloss die Theaterleitung 2019 den Neubau für einen Zuschauersaal samt experimenteller Studios. 

Die Wahl des etwa fünf Meilen entfernten Stadtteils East Bank war dabei kein Zufall: Hier fördert die Stadt schon eine ganze Weile Kulturinstitutionen, um überlaufene Konsummeilen wie das West End zu entlasten. Auch der Name East Bank ist recht neu und entstand in Anlehnung an die Kulturgröße South Bank. Zuvor war die Nachbarschaft als Stratford Waterfront bekannt. In Summe sollen hier knapp eine Milliarde Pfund in die Standortentwicklung mit ihren repräsentativen Kulturbauten investiert worden sein – große Teile sponserte die Stadt selbst. 

Ein Theater nicht nur fürs Publikum

Vor diesem Hintergrund empfahl sich der Ort für die programmatische Weiterentwicklung des Sadler’s Wells, zumal sich zwei Ableger des Originalstandorts bereits in zentraler Lage etabliert hatten. Die Verkündung des Neubaus klingt ambitioniert: Langfristiges Ziel sei es, „das Vergnügen und Verständnis des Publikums für den Tanz zu vertiefen und die Kunstform selbst weiterzuentwickeln.“ 

Zugleich sollte das Gebäude formal an die einstige Industrie am neuen Standort erinnern, gab Alistair Spalding bekannt, der künstlerische Leiter des Sadler’s Wells. Das Team von O’Donnell + Tuomey übersetzte diese Forderungen in einen bewegten, großformatigen Ziegelkörper, bekrönt mit expressiven Sheds. Insgesamt fasst er über 8.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche. 

Von Kammern und Fugen

Die Massivität des Baukörpers bricht im Erdgeschoss auf: Die Gäste finden sich in einem weitläufigen Foyer wieder, mit zahlreichen Sitzgruppen und Lufträumen. Holz schafft behagliche Böden, während sich Beton als Konstruktionsmaterial zu erkennen gibt und den Großteil der übrigen Atmosphäre dominiert. 

Den ebenerdigen Zuschauersaal findet man nicht gleich, fast schon beiläufig gelangt man über eine sanfte Rampe hinein und auch der Treppenlauf zu den höhergelegenen Studios versteckt sich im Kämmerchen. Nun ist letzteres wahrscheinlich gewollt, immerhin bewegen sich dort überwiegend eingeweihte Mitglieder des Ensembles. Und sogar bautechnisch musste die klare Trennung folgen: So sahen die Planenden zwischen Saal und Studios akustische Fugen vor, die bei Schall- und Vibrationsübertragung eine entscheidende Rolle spielen.

Die Geschichte des Theaterbaus ist auch eine des Brandschutzes

Theaterbauten gelten den Brandschutz betreffend als besonders regelreich – allerdings auch als besonders anfällig, immerhin ging schon eine ganze Reihe verheerender Theaterbrände in die Geschichte ein. Glücklicherweise hat es in London seit dem Feuer im Theatre Royal Ende des 19. Jahrhunderts keine größeren Schäden mehr gegeben. Ein Grund dafür dürfte auch der London Building Act sein, der ein paar Jahre später eingeführt wurde: Er sah unter anderem die Bereitstellung von Handlöschern und Sprinklern vor und lieferte erstmals verbindliche Grundlagen für die Berechnung von Fluchtwegbreiten.

Barrierefrei dank Terrain

Den Brandschutz beim Sadler’s Wells East betreute neben sämtlichen anderen Ingenieursleistungen das Büro Happold aus Berlin. Bei der Trennung der unterschiedlichen Nutzungsbereiche sollen letztlich das Geschosswerk aus Stahlbeton und die Akustikfugen unterstützt haben. Neben der Grundausstattung wie Brandmeldeanlagen und Sprinklern wurden im Theatersaal Sogöffnungen eingeplant, die notfalls der schnelleren Entrauchung des Bühnenbereichs dienen. 

Im großen Saal wählten die Architekt*innen mit der sogenannten kontinentalen Sitzanordnung (ohne Mittelgänge) die maximale Ausnutzung, diese wird nur bei entsprechender Laufbreite zwischen den Reihen (seat ways) genehmigt. Viele Sitze lassen sich dabei im Boden versenken und schenken nicht nur flexiblen Auftritten Raum, sondern auch Rollstühlen und Begleittieren. Schließlich helfen im Alarmfall zwei separate Notausgänge beim Flüchten, einer auf den oberen Rängen und einer auf der Bühnenebene. Dank des Versprungs im Terrain führen beide ebenerdig nach draußen.

Bautafel

Architektur: O’Donnell + Tuomey, London
Projektbeteiligte: Buro Happold, London (Tragwerksplanung, Brandschutz); Charcoalblue, London (Theater- und Akustikplanung); LDA, London (Landschaftsplanung); Galostar, London (Maurerarbeiten); Schneider Facades, London (Fassadenarbeiten); 8 Build, London (Innenausstattung); Tait, London (Bühnentragwerk); Jezet Seating, London (Bestuhlung); S. Anselmo, Lorregia (Ziegelei)
Bauherr*in: London Legacy Development Corporation (LLDC); Sadler's Wells, London  
Fertigstellung: 2025
Standort: 101 Carpenters Rd, Stratford Cross, E20 2AR London, Vereinigtes Königreich
Bildnachweis: Nick Kane (Fotos); O’Donnell + Tuomey, London (Pläne)

Fachwissen zum Thema

„Hörsamkeit” ist ein Begriff aus der Bauphysik. Er beschreibt die akustische Qualität eines Raums mit dem Ziel der Sicherstellung der Sprachkommunikation oder der Eignung für musikalische Darbietungen.

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Die Muster-Versammlungsstättenverordnung regelt besondere Anforderungen und Erleichterungen für den Bau und Betrieb von Versammlungsstätten mit Versammlungsräumen, die einzeln mehr als 200 Besucher fassen (Abb.: Messe Leipzig).

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