Taisugar Circular Village in Tainan

Ein Modellquartier der Kreislaufarchitektur in Taiwan

Mit dem Taisugar Circular Village (TCV) in Tainan präsentiert das taiwanesische Büro Bio-Architecture Formosana ein Pionierprojekt in Taiwan, das die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft in Wohnarchitektur übersetzt. Eingebettet in die Shalun Smart Green Energy Science City, ein staatlich initiiertes Entwicklungsgebiet für nachhaltige Technologien, fungiert das Projekt als Labor für ressourcenschonendes Bauen, Energieautarkie und neue soziale Wohnmodelle. 

Neben den Wohngebäuden wurden auf dem Gelände auch ein umfangreiches Urban-Gardening-Projekt sowie ein zentral im Innenhof gelegener Öko-Teich realisiert.
Die umfangreiche Farm kombiniert Permakultur, Aquaponik und Imkerei zu einem geschlossenen Ökosystem.
Die Gebäude umschließen den Innenhof in einer U-Form. Hier zu sehen der Eingang ins Gelände.

Der Name des Projekts verweist auf die Taiwan Sugar Corporation (Taisugar), die als Bauherrin auftritt. Das staatliche Unternehmen, einst einer der wichtigsten Zuckerproduzenten Asiens nach dem Zweiten Weltkrieg, ist heute ein diversifizierter Konzern und einer der größten Grundbesitzer Taiwans. 

Das Architekturbüro Bio-Architecture Formosana (BaF), gegründet 1999 von Ching-Hwa Chang und Ying-Chao Kuo, gehört zu den Wegbereitern des ökologischen Bauens in Ostasien. Ihre Projekte verbinden architektonische Präzision mit umwelttechnischer Innovation und sozialer Verantwortung. Mit Initiativen wie den Taiwanese Architects Declare Climate and Biodiversity Emergency positioniert sich BaF deutlich im Diskurs um ein zukunftsfähiges und nachhaltiges Bauen.

Kreislaufwirtschaft als Gestaltungsprinzip

Die Kreislaufwirtschaft bildet das zentrale Leitmotiv des TCV. Sie ersetzt das lineare Wirtschaftsprinzip Produktion – Nutzung – Entsorgung durch ein System geschlossener Stoffkreisläufe, in dem Materialien möglichst lange im Umlauf bleiben und Abfall vermieden wird. Das sogenannte Cradle-to-Cradle-Prinzip (C2C) erweitert dieses Konzept der Kreislaufwirtschaft zu einer integralen Designstrategie, die in Architektur und Bauwesen praktische Anwendung findet. 

Bereits in der Entwurfsphase werden Montage, Nutzung und Rückbau als aufeinander abgestimmte Prozesse gedacht. Ziel ist nicht nur Ressourceneffizienz, sondern die vollständige Rückführbarkeit aller Materialien in biologische oder technische Kreisläufe. Jedes Produkt versteht sich als Teil eines neuen Zyklus, in dem Abfall als Rohstoff dient. Im TCV wird dieser Gedanke beispielsweise durch den gezielten Einsatz von recycelten und wiederverwendeten Materialien umgesetzt: Harthölzer aus alten Taisugar-Gebäuden bilden tragende Strukturen, frühere Eisenbahnschienen wurden zu Zaunelementen, Holzplanken zu Türrahmen und Fassadenteilen verarbeitet. 

Entscheidend ist jedoch der systemische Ansatz: Rohstoffe, Energie, Wasser und Abfall werden als verknüpfte Kreisläufe begriffen, wodurch sich ökologische, ästhetische und soziale Aspekte verbinden. Damit reagiert das Projekt auch auf die nationalen Strategien Taiwans, das die Kreislaufwirtschaft als Schlüssel zur nachhaltigen Energie- und Ressourcenpolitik begreift. Das TCV steht somit exemplarisch für eine Architektur, die Nachhaltigkeit nicht als Zusatz, sondern als strukturelles Prinzip versteht.

Zirkuläres Bauen und modulare Systeme

Baulich umfasst TCV drei Wohnblöcke, ein sogenanntes Circular Demo House und ein Eco House; entstanden sind insgesamt 351 Wohneinheiten. Neben den Wohngebäuden wurden auf dem Gelände auch ein umfangreiches Urban-Gardening-Projekt sowie ein zentral im Innenhof gelegener Öko-Teich realisiert. 

Im Zentrum steht das Prinzip einer zirkulären Architektur, die auf Wiederverwendbarkeit, Modularität und Anpassungsfähigkeit setzt. Gebäude werden hier als dynamische Systeme gedacht, deren Bestandteile während ihres Lebenszyklus mehrfach genutzt, ersetzt oder neu kombiniert werden können. Folglich sind die Wohnblöcke nach einem modularen System aufgebaut, das Flexibilität und lange Nutzungsdauer gewährleistet. Fassaden- und Innenwandelemente sind verschraubt statt verklebt, sodass sie leicht demontiert und neu montiert werden können. Statt Stahlbeton verwenden die Architekt*innen Stahlkonstruktionen, die sich vollständig recyceln lassen. Auch der Innenausbau folgt diesem Ansatz: Leichtbauwände, Holzpaneele und Bodenbeläge sind reversibel und können im Kreislauf geführt werden.

Ein wesentlicher Vorteil einer modularen Nachhaltigkeitsstrategie liegt in der Vorfertigung. Fassadenelemente, Balkone und Deckenmodule werden außerhalb der Baustelle produziert und vor Ort montiert, was den Materialverbrauch und Bauabfall erheblich reduziert. 

Darüber hinaus ist ein entscheidendes Merkmal des Projekts die Integration von Instandhaltung und Wartung in den zirkulären Prozess. Bauteile, Materialien und technische Systeme sind so konzipiert, dass sie zugänglich, reparierbar und dokumentiert bleiben. Ein digitales Gebäudehandbuch – ein sogenannter Building Passport – erfasst Herkunft, Materialzusammensetzung und Wartungszyklen sämtlicher Elemente. Dadurch lässt sich der Zustand der Gebäude kontinuierlich überwachen und ihre Lebensdauer gezielt verlängern. 

Urban Gardening und lokale Selbstversorgung

Im Zentrum des TCV liegt ein großzügig begrünter Innenhof, der sowohl eine geschlossene und sub­sis­tenz­wirt­schaft­liche Lebensmittelproduktion als auch Biodiversität, die Verbesserung des Mikroklimas und einen naturnahen städtischen Lebensraum fördert. Hier können Anwohner*innen den saisonalen Zyklus eines biologisch bewirtschafteten Gemüsegartens verfolgen, Stadtkinder das Wachsen und die Produktion von Lebensmitteln erleben. Diese umfangreiche Farm kombiniert Permakultur, Aquaponik und Imkerei zu einem geschlossenen Ökosystem. Das nährstoffreiche Wasser aus der Fischzucht versorgt die Pflanzen, während diese das Wasser reinigen. Bienenstöcke übernehmen die Bestäubung und liefern Honig für die Gemeinschaft. Ergänzt wird das System durch eine Kompostieranlage mit schwarzen Soldatenfliegen, deren Larven organische Abfälle in hochwertigen Dünger verwandeln.

Energie- und Wasserkreisläufe

Das nachhaltige, energetische Konzept zielt außerdem auf Kohlenstoffneutralität. Rund 2.500 Quadratmeter Photovoltaikfläche erzeugen etwa 350.000 kWh Strom pro Jahr, der gemeinschaftlich genutzt wird. Abwärme aus dem zentralen Kühlsystem dient der Warmwasserbereitung; Regenwasser wird gesammelt, gefiltert und für Bewässerung, Aquaponik und die Speisung des Öko-Teichs verwendet.

Ein Biogassystem verwertet organische Abfälle aus Küche und Garten und produziert Gas für die gemeinschaftliche Kochstelle. Ergänzt wird dies durch passive Strategien wie Verschattung, natürliche Belüftung und Begrünung der Fassaden. Ziel ist ein stabiles Mikroklima bei minimalem Energieeinsatz – ein Modell für subtropische Verdichtungsräume.

Teilen & Mieten

Das Projekt integriert ebenso ein eigenwilliges Eigentumsmodell im Wohnsektor, indem Bewohner*innen einen vollständigen Wandel vom Konsumenten zum Nutzer vollziehen. Statt Eigentum zu erwerben, mieten die Bewohner*innen Wohnungen und Ausstattung. Beleuchtung, Möbel und Haushaltsgeräte werden als Dienstleistungen bereitgestellt und von den Herstellern gewartet. Dieses Modell soll Konsum und Abfall reduzieren, wobei die Verantwortung für Wartung und Lebensdauer der Ausstattung auf die Produzenten verschoben wird.

BaF integriert damit Aspekte der Share Economy, die hier scheinbar mit Prinzipien der Kreislaufwirtschaft gleichgesetzt werden. Beide Ansätze zielen auf Ressourceneffizienz, Langlebigkeit und geringen Verbrauch. Die Share Economy konzentriert sich dabei auf profitorientierte Nutzung statt Besitz und nicht zwangsläufig auf nachhaltige stoffliche Kreisläufe. Die Share Economy bringt zwar Vorteile für Ressourcennutzung und Zugang, kann aber auch deutliche Nachteile mit sich bringen. Oft führt sie zu Schein-Nachhaltigkeit, weil zusätzliche Nutzung und schneller Verschleiß den ökologischen Nutzen mindern. Viele Sharing-Anbieter schaffen außerdem prekäre Arbeitsverhältnisse und umgehen Steuern oder Regulierungen, was faire Konkurrenz erschwert. Sharing-Anbieter können zudem oft umfangreiche Nutzerdaten sammeln, was zu Datenschutzrisiken und Verletzungen der Privatsphäre führen kann. Insgesamt kann die Share Economy ohne klare Regeln und Nachhaltigkeitsstandards mehr Probleme verursachen, als sie löst.

Bautafel

Architektur: Bio-Architecture Formosana, Taiwan
Bauherr*in: Taiwan Sugar Corporation
Fertigstellung: 2021
Standort: Tainan City, Taiwan
Bildrechte: Studio Millspace (Fotos); Bio-Architecture Formosana (Pläne)

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