Stadthaus in Brügge

Sanierung im Weltkulturerbe-Bestand

Seit 25 Jahren ist die Altstadt von Brügge Weltkulturerbe. Entsprechend umsichtig und restriktiv, mit vielen Bauauflagen, erfolgt dort der Umgang mit alten Gebäuden. Doch genau hier überrascht das Team von Basil Bureau voor Architectuur mit der Sanierung eines kleinen Bürgerhauses: Sie greift weit in die Bausubstanz ein und bringt ungeahnt viel Raum, Licht und Kontrast in den Bestand.  

Die ohnehin schon hohe Raumhöhe zieht sich nach einem Teilabbruch der bestehenden Geschossdecke über zwei Geschosse. Das ermöglicht Kommunikation und Blickbeziehungen zwischen den beiden Wohnetagen.
Dafür und für eine hofseitige Erweiterung wurde die Statik des Bestandes mit Sichtbetonbauteilen ertüchtigt.
Das Erdgeschoss beherbergt nun die Küche. In ihrer Mitte steht ein großer Küchenblock aus grünem Marmor.

Zwei Fassaden, zwei Umgangsweisen

Straßenseitig ahnt man es nicht: Die Mauerwerksfassade des 1870 gebauten Hauses bleibt weitgehend unverändert und erhält nur einen cremeweißen Farbanstrich; ebenso verbleiben die schwarzen Holzfenster und die Eingangstür. Anders die Rückseite: Hier musste die bestehende Hoffassade im Erdgeschoss und ersten Obergeschoss weichen und Platz machen für einen schräg in den Hof gesetzten Glasanbau samt Lichtfuge und begrünter Dachterrasse. 

Zudem ließ das Team einen Teil der Geschossdecke neben dem Treppenhaus entfernen. Das gibt der ohnehin schon enormen Raumhöhe im Altbau noch mehr Luft. Die Öffnungen zum Hof und über die Geschosse bringen Weite und Tageslicht ins Innere. Auf dem Dach thront wie ein Krönchen eine grüne Gaube.  

Alt und Neu im Kontrast ablesbar

Die An- und Rückbaumaßnahmen am Gebäude erforderten eine Ertüchtigung der vorhandenen Statik. Daher ließ das Team neue Unterzüge und Wandteile direkt vor Ort aus Sichtbeton gießen – wegen des engen Baufeldes eine logistisch sehr komplizierte Aufgabe. Die neuen Bauteile muten rau und in diesem Kontext fast brachial an, sorgen aber für eine klare Ablesbarkeit von alt und neu. 

Alle weiteren neu ergänzten Bauteile, wie die erwähnten Fensterprofile und die Dachgaube, die Gitterroste, Geländer und Treppenstufen, ebenso wie die neu verbauten Lichtschalter sind an der einheitlichen, grünen Farbe zu erkennen. Die gewählte Farbe ist vert anglaise, also Englischgrün, und entstammt der Le Corbusier'schen Farbpalette. Diese Farb- und Materialkontraste machen alle nachträglichen Veränderungen nachvollziehbar und kommen so dem Denkmalschutz entgegen. 

Erweiterung auf kleinem Grundstück

Das Erdgeschoss beherbergt jetzt die Küche mit einem ausladenden Arbeitsblock aus dunkelgrünem Marmor. Der nach oben geöffnete Essbereich neben der Treppe ermöglicht einen Bezug zum darüberliegenden Wohnraum, der sich über die gesamte Gebäudetiefe erstreckt. Weite entsteht auch über den fast schwellenlosen Übergang von der Küche zum Hof: Die breiten Flügeltüren lassen sich über die gesamte Geschosshöhe um 180 Grad aufschwenken und leiten auf eine Betonterrasse, die von Wasserbecken umgeben ist; vom Obergeschoss führt ein Gitterrost zu einer Glasfassade, die dem Altbau vorgesetzt wurde. Von hier geht es, ebenfalls über geschosshohe Glastüren, weiter auf die begrünte Dachterrasse des Anbaus. 

Trotz Teilbebauung des Hofes und Ausweitung der Wohn- und Küchenflächen auf zwei Ebenen geht also weder Außen- noch Innenraum auf dem kleinen Grundstück verloren. Im Gegenteil: Die Freifläche erweitert beide Geschosse. In den beiden Ebenen über dem Wohnbereich, im zweiten Obergeschoss und einem Dachgeschoss, liegen vier Schlafräume und zwei Badezimmer. Das Haus bietet also erstaunlich viel Fläche, die man straßenseitig kaum vermutet.

Blick fürs Detail 

Bemerkenswert sind auch die aufwendigen Details, die für eine minimalistische Optik sorgen und trotzdem viele Funktionen erfüllen. Stauflächen und die Küchentechnik verschwinden hinter grifflosen, oberflächenbündig eingebauten Wandschränken. Raumhohe und einheitlich im beigen Wandton lackierte Türen, Trennwände aus Glas und rahmenlose Spiegel reduzieren wahrgenommene Barrieren. Auch die Leuchten, die teilweise als Spots in die Sichtbetonbauteile oder als LED-Leisten in verputzte Decken und Wände eingelassen sind, verschmelzen optisch mit der Wand. Die alte Holztreppe wird mit einer leicht und transparent wirkenden Treppe mit Trittstufen aus filigranem Stahllochblech fortgeführt. Das alles schafft optisch und funktional viel Fläche im Innern. Für noch mehr Weite nimmt man einfach ein Bad, mit Blick durch die raumhoch verglaste Gaube auf die Dächer von Brügge.

Bautafel

Architektur: BASIL Bureau voor Architectuur, Scenografie, Interieur & Landschaps, Aalter
Projektbeteiligte: studiebureau Mouton, Gavere (Tragwerksplanung); JUNG, Schalksmühle (Schalter) 
Fertigstellung: 2024
Bauherr*in: privat
Standort: Joost de Damhouderstraat, Brugge
Bildnachweis: Evenbeeld, Antwerpen

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