Staatliches Musiktheater Klaipeda in Litauen
Akustische und atmosphärische Wirkung über Licht und Lehmputz
Die litauische Küstenstadt Klaipėda liegt am nördlichen Zipfel des kurischen Haffs, wo Binnenmeer und Ostsee aufeinandertreffen. Dort, im Meer vor der Stadt, erstreckt sich eine schmale Halbinsel: Die kurische Nehrung schützt mit ihrer beeindruckenden Naturlandschaft aus Dünen und Wäldern die Stadt vor Wind und Brandung. Nicht geschützt war Klaipėda allerdings gegen Bomben, Beschuss und Sprengungen, die ab Oktober 1944 über sechzig Prozent des Baubestandes schwer beschädigten oder ganz zerstörten. Das Stadtbild, das zuvor vor allem aus Fachwerkhäusern und Lehmbacksteinbauten bestand, veränderte sich durch den Wiederaufbau und die spätere Stadterweiterung unter sowjetischer Herrschaft.
Geschichte des Hauses
Eine solche frühe Veränderung war auch der moderne Bau des Kulturpalastes, der 1963 nach Plänen des Architekten Algimantas Mikėnas fertiggestellt und eröffnet wurde. Dieser wurde 1987 durch das Staatliche Musiktheater Klaipėda bezogen, das den Bau bis heute nutzt. Der Nachkriegsbau wurde nun, 2018 bis 2024, umfassend saniert, teilabgerissen, umgebaut und erweitert. Der markante Turm sowie der Verwaltungsbau, der die Straße mit streng, aber filigran gerasterter Fassade begleitet, blieben erhalten. Das bisherige Bühnenhaus mit fensterloser Betonhülle wurde dagegen abgerissen und durch einen zeitgemäßen Neubau ersetzt. Dieser hat nun eine organische, muschelförmige Kubatur und ist ein Entwurf des deutschen Architekturbüros studioGA, gemeinsam mit dem litauischen Unternehmen Inžinerinė mintis. Sie planten einen Hybridbau mit einem Tragwerk aus Stahlstützen, auskragenden Stahlrippen, Betonwänden und Betondecken; die Innenräume des Bühnenhauses, eine Fläche von insgesamt rund 12.000 Quadratmetern, gestalteten MAMA Architects.
Raum: Programm und Gestaltung
Der Neubau umfasst nun zwei Theatersäle: ein großes Auditorium mit 585 Sitzplätzen und einen kleinen Multifunktionsaal mit flexibler Bestuhlung auf einer Teleskoptribüne und mit bis zu 164 Sitzplätzen. Außerdem befinden sich hier das Foyer und die Garderoben, Probenräume sowie Tanz- und Tonstudios und die Lagerflächen für Kostüme und Requisiten. Die Namen der Spielstätten, Sea hall und Lagoon hall, greifen die Lage der Stadt zwischen Ostsee und Haff auf. Ebenso tut es die Innenarchitektur: Die raumumfassenden Bauteile haben eine höhlengleiche Tektonik und bestehen aus einzelnen, unterschiedlich geneigten und zu Decke und Wand gefügten Flächen. Diese sind durchgängig entweder mit sandfarbenem Teppich oder mit Lehm bekleidet. Selbst die in die Bauteile integrierten Schalter und Steckdosen sind in den Rosé- und Erdtönen gehalten. Über die Decke und die Wand des großen Saals zieht sich ein Relief aus dreißig Tonnen Lehm, dessen gewellte Oberflächen die von Wasser und Wind geformte Küstenlandschaft zitieren. Zugleich hat es einen großen Effekt auf Akustik und Atmosphäre.
Akustik mit Lehmflächen
Die Geometrie der Bühnenwände und der Decken im großen Konzertsaal ist für einen guten Klang auf jedem Platz im Auditorium optimiert. Dafür wurden auch die Lehmoberflächen entsprechend den gewünschten Schallreflexionen geplant und von Hand geformt. Ein aufwendiges Verfahren: Schall und Akustik wurden durch das Akustikbüro WSDG/ADA-AMC mehrfach eingemessen und simuliert. Die dazu passende manuelle Fertigung der Lehmflächen brauchte neun Monate. Einzelne dreieckige Wand- und Deckenflächen lassen sich aufklappen und verändern so die Geometrie der raumumgebenden Flächen und damit die Schallreflexion im Saal. So lässt sich die Akustik bedarfsgerecht anpassen: Für Orchesterkonzerte ist eine längere Nachhallzeit erwünscht, für elektroakustisch verstärkte Veranstaltungen eine trockenere Akustik mit kürzeren Nachhallzeiten.
Ausleuchtung des Konzertsaals
Neben der Akustik ist es auch die intime, festliche Wirkung, die die Lehmwand durch ihre Ausleuchtung erhält. Das Lichtkonzept dafür stammt von Energy Green. Den großen Saal beleuchten Downlights an Schienen, die sich flexibel verschieben, ausrichten und über eine Lichtsteuerung bedarfsgerecht bedienen oder programmieren lassen. Das seitlich über Wand und Decke streifende Licht der Spots sorgt für eine dramatische Ausleuchtung der gewellten, warmtonigen Flächen des Saals – zumal das Licht orthogonal auf die Wellenrichtung des Reliefs trifft und so dessen unregelmäßige Berge und Täler mit Licht und Schatten kontrastiert.
Ausleuchtung von Foyer, Treppe und Bau
Ähnlich, aber weniger intim und mehr dramatisch als festlich wirkt die Ausleuchtung der mit Teppich ausgekleideten öffentlichen Bereiche wie Foyer, Garderobe und Bar. In die Decken integrierte Spotlights sorgen für punktuell ausgeleuchtete Zonen, in denen das Licht samtig und mit der Strichrichtung der Teppichfasern immer wieder unterschiedlich reflektiert wird. Integrierte Lichtleisten zeichnen den Schwung der Treppenaufgänge und Deckenkanten nach und sorgen für Orientierung im Raum. Die Grundbeleuchtung funktioniert über weitere integrierte Deckenspots. Diese genau geplante Kombination aus gezielter Spotbeleuchtung, Lichtleisten und Grundbeleuchtung erzeugt auch in der eher kontrastarmen Raumgestaltung eine dramaturgische Tiefe mit unterschiedlichen Intimitätszonen und eine festliche Atmosphäre.
Bautafel
Architektur: studioGA, München, und UAB Inžinerinė mintis, Kaunas (Neubau); MAMA Architects, Vilnius (Innenarchitektur); Algimantas Mikėnas (Bestandsbau von 1963).
Projektbeteiligte: UAB Infes, Vilnius (Generalunternehmer/Bauausführung); UAB Akustika Plius, Vilnius (Akustikplanung); WSDG/ADA-AMC, Berlin (Akustikprüfung und -messungen); Energy Green, Vilnius (Lichtplanung); Aresline, Thiene (Bestuhlung); JUNG, Schalksmühle (Schalter und Steckdosen).
Bauherr: Klaipėda State Music Theatre, Klaipėda
Fertigstellung: 2024
Standort: Danės g. 19, Klaipėda, Litauen
Bildnachweis: Leonas Garbačauskas
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