Spielplatz Horismos in Vleuten

Vom Betonexperiment zur szenografischen Landschaft

Schaukeln, Klettergerüste und andere Spielgeräte sind selten eine Augenweide. Doch sind solche spezifischen Infrastrukturen überhaupt notwendig, um die Fantasie anzuregen? Studio Ossidiana schlug bei Horismos einen anderen Weg ein. Mit pigmentiertem Beton entwarfen die Architekt*innen einen Spielplatz, der seit 2020 die Grundschule Haarzicht im niederländischen Vleuten schmückt.

Die vier Elemente des Spielplatzes befinden sich an der Südostecke des Schulgebäudes..
Der Beton ist rosa und grün pigmentiert, die Rezeptur Ergebnis vieler Tests und Abstimmungen mit Firmen.
Das Becken mit den Sitzstufen wird im Spiel vielleicht zu einem Amphitheater.

Eigentlich begann alles mit einem Wettbewerb für ein Kunstwerk, das auf dem Schulhof entstehen sollte. Ähnlich wie in Deutschland gibt es auch in den Niederlanden das Konzept der Kunst am Bau. Bei kommunalen Neubauten sowie bei Gebäuden, in die die Gemeinde mehr als 50 Prozent investiert, sind anderthalb Prozent der Bausumme für diese Art von Projekten reserviert. In Vleuten erhielten Giovanni Bellotti und Alessandra Covini den Zuschlag. Ihre siegreiche Betoninstallation verwandelten sie dann jedoch in einen optisch gefälligen Spielplatz. 

Vier Orte entwarf das Duo: einen von gewellten Mauern durchzogenen kreisförmigen Kiesplatz, ein rundes Becken mit Sitzstufen, eine flache Schale mit Sand und ein kleines, gepflastertes Sportfeld mit zwei Toren. Die Elemente verteilen sich um die Südecke des Gebäudes herum. Dazu gesellt sich ein kleiner, grüner Hügel mit einem Tunnel und einem Klettergerüst, der nicht vom Studio stammt. Während Sandkasten, Rasenkanten sowie das kleine Amphitheater aus rosa pigmentiertem Beton gefertigt wurden, zeigen die Betonstreifen des Kiesplatzes sanfte Grüntöne.

Szenografische Landschaft

Inspirieren ließen sich die Architekt*innen von Aldo von Eyck und seinen bekannten, gleichermaßen minimalistischen wie mehrdeutigen Klettergerüsten und Podesten, von denen hunderte das Amsterdam der Nachkriegsjahrzehnte bevölkerten. Ebenso beeinflusste Johan Huizingas den Entwurfsprozess. In seinem Buch Homo Ludens beschreibt der niederländische Kulturphilosoph Spielplätze als „temporäre Welten“. Hier nehmen wir andere Rollen an und handeln Grenzen, Regeln, Wege und Gebiete aus. An dieses Konzept knüpft auch der Name des Projekts an: Horismos ist das altgriechische Wort für den Horizont, verstanden als Grenze, an der etwas Neues beginnt.

Davon ausgehend begann das Studio die Außenanlage als szenografische Landschaft zu begreifen. Deutlich wird das anhand der parallelen Betonstreifen im Kiesfeld, deren unterschiedlich gewellten Oberkanten und runden Öffnungen sich überblenden. Die Wellenform spiegelt die Hecken, Gartenmauern und die fließende Landschaft des Rheins wider – einst Grenzlinie des römischen Limes. Der Entwurf entwickelte sich schließlich durch intensive Diskussionen mit dem Betonhersteller, der Bauherrin und den Lehrkräften weiter. In diesem partizipativen Planungsprozess wurden die Kinder durch ein pädagogisches Team vertreten.

Sicher, auch ohne Plastik

Um die Aussparungen und Zwischenräume angemessen dimensionieren zu können, zeichneten die Architekt*innen 1:1-Aufrisse an ihre Atelierwände. Die Mauern sind 18 cm stark, bis zu 550 cm lang und nicht höher als 137 cm. Die Zwischenräume messen 1,68 m. Das Resultat ist eine kindgerechte Landschaft, ein offenes Labyrinth, das die Kleinen auf verschiedenen Routen durchqueren und erkunden können. 

Zugleich sind die Betonelemente robust genug, um auf ihnen zu klettern, und so niedrig, dass sich die Kinder beim Herunterrutschen und Herabhängen nicht gefährlich verletzen. Aufgrund der strengen Normen stellte der Verzicht auf Kunststoffe dennoch eine Herausforderung dar. Horismos erfüllt letztlich aber die geforderten Sicherheitsstandards.

Beton: Planung in Handarbeit

Studio Ossidiana ist bekannt für seine Experimente mit Beton, Zement und Terrazzo. In Handarbeit erforschen die Architekt*innen Gesteinskörnungen, Pigmente und andere Zuschläge sowie Schalungs-, Guss- und Nachbearbeitungstechniken, bevor die Erkenntnisse Eingang in die architektonischen Projekte finden. Dabei stellen sie regelmäßig Terrazzoarten her, deren Gesteinskörnungen nicht aus Marmor oder Granit bestehen, sondern etwa aus Holzkohle und Hanf. Ebenso experimentiert das Team mit Ton, Sand und Pigmenten. Für das Projekt in Vleuten wählte man ausschließlich mineralische Zuschläge aus.

Die erste Materialprobe wurde noch in der eigenen Werkstatt angefertigt und war klein genug, um auf eine Handfläche zu passen. Mehr und mehr Mockups hatten die Regale des Büros gefüllt, als die Experimente mit dem Rotterdamer Betonhersteller Tomaello fortgeführt wurden. Gemeinsam wurde Schritt für Schritt die Rezeptur verfeinert. 

Durch die Wellenformen und Aussparungen waren die Schalungen recht komplex. Vorab erhielten sie eine Beschichtung mit Trennmitteln. Dieser Arbeitsschritt führte zu der dichten Anmutung des Betons, frei von großen Poren und Lunkern. Beim Gießen war dann viel Geschick gefragt: Einerseits galt es, eine homogene, gleichmäßig pigmentierte Oberfläche zu erzeugen, andererseits die handgefertigten Terrazzostücke an ihren vorgesehenen, in den Werkplänen genau vermaßten Positionen einzuarbeiten. Nach dem Ausschalen wurden die Betonteile poliert, sodass die Kanten klar, die Oberflächen glatt und die Einschlüsse deutlich lesbar sind.

Bautafel

Architektur: Studio Ossidiana, Dordrecht (Team: Giovanni Bellotti, Alessandra Covini, Miriam Asghdom, Filippo Garuglieri, Regina Makhmutova, Niki Revo, Arthur Schoonenberg)
Projektbeteiligte: Tomaello, Vlaardingen (Beton)
Bauherr*in: Gemeente Utrecht, OBS Haarzicht
Fertigstellung: 2020
Standort: Haarzichtsingel 15, 3451 Utrecht, Niederlande
Bildnachweis: Kyoungtae Kim (Fotos); Studio Ossidiana (Pläne)

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