Sozialer Wohnungsbau DREAM in Saint Denis

Holzhybrid mit Überkopfverschattungen

Zwei Jahrzehnte nach dem Brand in einem maroden Mietshaus markiert ein neues Wohnprojekt in Saint-Denis eine stille, aber kraftvolle Geste städtebaulicher Heilung. Auf einem lange Zeit brachliegenden Grundstück an der Rue Fraizier und Rue du Landy ist nach Plänen der Agentur DREAM ein Ensemble aus zwei gestaffelten Holzhybriden mit 44 Wohneinheiten entstanden – zur Hälfte zur Miete, zur Hälfte als gefördertes Eigentum, nach dem Modell des „Bail Réel Solidaire“ (BRS) eines französischen Konzepts für dauerhaft erschwingliches Eigentum. Die Neubauten schlagen nicht nur die Brücke zu einer inklusiven Stadtgesellschaft, sondern setzen auch ein Zeichen für klimagerechten Wohnungsbau: mit serieller Vorfertigung, grünem Innenhof und einer Fassadengestaltung, in der der Sonnenschutz zur architektonischen Hauptfigur wird.

Die Gebäudehülle besteht aus sandfarbenen Wellblechpaneelen, deren vertikale Struktur die Fassaden rhythmisiert und mit Licht und Schatten spielt.
Die seriell gegliederte Fassadenstruktur entsteht aus dem Zusammenspiel von Metallverkleidung, vorgefertigten Balkonmodulen und integrierten Verschattungselementen aus Holz.
Seitliche Fassadenabschnitte verfügen über eine vertikal gegliederte Holzschalung.

Ein Ort mit Geschichte und sozialer Dimension 

In der Nacht vom 1. auf den 2. Februar 2001 brannte hier ein heruntergekommenes Wohnhaus bis auf die Grundmauern nieder. Das Ereignis offenbarte die prekären Wohnverhältnisse und hinterließ eine Leerstelle im Quartier. Der Entwurf von DREAM versteht sich als architektonische und soziale Antwort auf die lange Phase der Vernachlässigung. Die Neubauten schließen die städtebauliche Lücke, wollen das Stadtviertel inklusiver und grüner machen. Die Wohnanlage entstand im Auftrag des öffentlichen Wohnbauträgers Plaine Commune Habitat und richtet sich sowohl an Menschen mit niedrigem Einkommen als auch an junge Familien, die über das BRS-Modell Eigentum erwerben möchten. 

Die Anlage liegt an einer zentralen Achse im Großraum Paris, die das Olympische Dorf 2024 mit dem Bahnhof Saint-Denis Pleyel und dem zukünftigen Stadtquartier La Plaine verbindet. Sie ist Teil der städtebaulichen Transformation im Rahmen des Projekts Grand Paris.

Holzhybride mit Rhythmus und Struktur 

Das Ensemble umfasst zwei versetzt zueinander angeordnete Baukörper mit vier bis sechs Geschossen, die ein Gesamtvolumen von 2.775 Quadratmetern Wohnfläche bilden. Die Gebäude reagieren mit ihrer gestaffelten Höhenentwicklung auf die kleinteilige Nachbarschaft und mikroklimatische Bedingungen vor Ort. Ihre Tragstruktur besteht aus einem hybriden System aus Holz und Beton, das durch vorgefertigte Fassadenelemente ergänzt wird. Die Fassaden selbst folgen einer rhythmischen Gliederung: Vertikale und horizontale Holzlamellen, sandfarbene Metallpaneele und offene Balkontragwerke aus Holz-Metall-Modulen erzeugen ein fein abgestimmtes Spiel aus Dichte, Transparenz und Schatten. Der Wechsel der Materialien sowie die Tiefenstaffelung der Bauteile verleihen den Volumen eine visuelle Leichtigkeit, die sich harmonisch in den städtischen Kontext einfügt.

Typologievielfalt, Gemeinschaft und private Rückzugsräume 

Die insgesamt 44 Wohnungen – zur Hälfte zur Miete, zur Hälfte im geförderten Eigentum – folgen keinem standardisierten Grundrissprinzip, sondern setzen auf differenzierte Typologien. Realisiert wurde das Projekt im Rahmen des noch jungen französischen Fördermodells Bail Réel Solidaire, bei dem das Grundstück dauerhaft im Besitz einer gemeinnützigen Stiftung verbleibt und nur das Gebäude an berechtigte Haushalte verkauft wird. So bleiben die Einstiegskosten niedrig und der Wohnraum langfristig erschwinglich.  

Nahezu alle Einheiten sind durchgesteckt, mehrfach orientiert und mit großzügigen Außenräumen versehen. Neben Balkonen oder ebenerdigen Gärten gehören auch großformatige Fensteröffnungen, separate Eingangsbereiche mit viel Stauraum und abgrenzbare Tageslichtküchen zur Ausstattung. Die Gestaltung folgt der Charta von Plaine Commune – einem interkommunalen Verband nördlich von Paris, der Qualitätsstandards für sozialen Wohnungsbau und nachhaltige Stadtentwicklung formuliert und als Bauträger fungiert. 

Zentrale Bestandteile des Konzepts sind zudem gemeinschaftlich nutzbare Zonen: Eine einladende, halboffene Eingangshalle schafft eine Pufferzone zwischen Straße und privatem Wohnraum. Im Inneren verbindet ein begrünter Hof beide Gebäudevolumen miteinander – ein öffentlicher Durchgang führt sowohl von der Rue du Landy als auch von der Rue Fraizier in diesen grünen Kern. Auf den Dächern entstanden zusätzlich nutzbare Gärten, die als Rückzugs- und Begegnungsorte dienen. 

Sonnenschutz in Schichtung: Zwischen Fassadengestaltung und Klimaregulierung 

Eine zentrale Rolle für die Aufenthaltsqualität und Energieeffizienz des Projekts spielt der sorgfältig entwickelte bauliche Sonnenschutz. Die Balkone aus vorgefertigten Holz-Metall-Konstruktionen wurden auf gestaffelten Trägern montiert und dienen nicht nur als Erweiterung des Wohnraums, sondern auch als Überkopfverschattung für die darunterliegenden Fensterzonen. Ihre Untersichten aus feinen Holzlamellen erzeugen eine visuelle Leichtigkeit und reduzieren gleichzeitig die direkte Sonneneinstrahlung: Die horizontal angeordneten Lamellen erstrecken sich über die gesamte Breite der Fassade, sodass auch die Zwischenräume zwischen den Balkonen effektiv verschattet sind. Sie greifen die vertikal gegliederte Struktur der Wellblechfassade auf und erzeugen durch ihren Schattenwurf interessante Hell-Dunkel-Muster. Auch das oberste Vollgeschoss sowie das darüberliegende Staffelgeschoss sind mit den charakteristischen Überkopfverschattungen ausgestattet – trotz fehlender Balkone. Ergänzt wird dieses System durch integrierte Verschattungselemente in den Fassadenmodulen, die im Werk vorgefertigt und mit Fenster und Dämmung als Einheit geliefert wurden. 

Das Schattenspiel an der Fassade ist nicht nur funktional, sondern auch gestalterisch wirksam: Durch den Wechsel von offenen und geschlossenen Flächen, rohem Holz und metallisch reflektierenden Paneelen entsteht ein grafisch rhythmisierter Ausdruck, der die Volumetrie der Gebäude auflockert und die Verschattungselemente klar als integralen Bestandteil der Architektur hervorhebt. 

Die Höhenstaffelung und Ausrichtung der Bauvolumen basiert auf einer morphologischen und mikroklimatischen Analyse des Standorts: Tageslichtoptimierung, natürliche Belüftung und sommerlicher Wärmeschutz waren zentrale Planungsparameter. Mit einer Wohnfläche von 2.775 Quadratmetern (SHAB) und einer Bausumme von sieben Millionen Euro wurde das Projekt im geförderten Rahmen umgesetzt. Die Zertifizierung nach dem französischen Standard NF Habitat sowie die Einhaltung der Wärmeschutzverordnung RT 2012 mit einer um 20 Prozent unterschrittenen Primärenergiegrenze unterstreichen die ökologische Ausrichtung des Projekts. Der Energiebedarf des Gebäudes liegt damit deutlich unter dem nationalen Neubau-Standard – vergleichbar mit einem besonders effizienten KfW-40-Gebäude im deutschen Kontext und ein überdurchschnittlich guter Wert für sozialen Wohnungsbau. -sr

Bautafel

Architektur: DREAM, Paris / Nizza
Projektbeteiligte: Stella Buisan, Paris (Projektleitung); Bollinger+Grohmann, Paris (Tragwerk); ENEOR, Paris (Haustechnik); Le Sommer, Paris (Zertifizierung); VPEAS, Paris (Kostenermittlung); LMP Conseils, Paris (Straßen + Infrastruktur); AIDA, Paris (Akustik); Cap-Exe, Paris (Projektkoordination); Meha Construction Bois, Valenton (Fassade); MTTB, Grisy-Suisnes (Tragwerk); Palm Étanchéité, Mougins (Abdichtung); Aequo Construction, Paris / Bagnolet (Koordination Rohbau + Landschaft); Perasol, Sarcelles (Innenausbau); P-tec, Tremblay-en-France (Technik); Sloveg, Créteil (Elektro); OTIS, Puteaux (Aufzüge); Topager, Paris (Landschaft)
Bauherr*in: Office public Plaine Commune Habitat, Saint-Denis
Fertigstellung: Januar 2025
Standort: Rue Fraizier / Rue du Landy, 93200 Saint-Denis
Bildnachweis: Cyrille Weiner, Paris (Fotos); DREAM, Paris (Pläne)

Fachwissen zum Thema

Das Zusammenspiel von Fassade und Sonnenschutz prägt sowohl die Ästhetik der Gebäudehülle als auch Komfort, Energieeffizienz und Lichtqualität im Inneren. Im Bild: Aedes Architekturforum / ANCB am Pfefferberg in Berlin

Das Zusammenspiel von Fassade und Sonnenschutz prägt sowohl die Ästhetik der Gebäudehülle als auch Komfort, Energieeffizienz und Lichtqualität im Inneren. Im Bild: Aedes Architekturforum / ANCB am Pfefferberg in Berlin

Grundlagen

Sonnenschutz und Fassade

Viele Überkopfverschattungen an Fassaden sind aus Metall.

Viele Überkopfverschattungen an Fassaden sind aus Metall.

Arten und Formen

Überkopfverschattung

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