Sozialer Wohnungsbau bei Genf

Anspruchsvoller Wohnraum hinter massivem Kalksteinmauerwerk

Außerhalb Deutschlands wird der soziale Wohnungsbau mitunter deutlich weniger stiefmütterlich behandelt. Einige architektonisch hochwertige Beispiele in Frankreich und auf den Balearen haben wir an dieser Stelle bereits vorgestellt – siehe Bauwerke zum Thema. Nun zieht auch die Schweiz nach: Das erklärte Ziel der ARGE Perraudin Archiplein Consortium ist es, die Machbarkeit des Massivsteinwohnungsbaus im schweizerischen Kontext aufzuzeigen. Eines ihrer Projekte entstand in der Gemeinde Plan-les-Ouates in der Genfer Peripherie.

In Richtung Quartier weisen die Baukörper sechs bzw. acht Geschosse auf, zur ruralen Umgebung vier.
Einziger Fassadenschmuck sind die umlaufenden Gesimse, die das Regenwasser von der Fassade fernhalten.
Die Ecken der Baukörper sind eingeschritten, sodass sich großzügige Loggien ergeben.

Am Rand des neuen Quartiers Les Sciers platzierten die Architekt*innen zwei annähernd baugleiche Volumen auf rechteckigem Grundriss. Von dort eröffnet sich der Blick über Felder und Schrebergärten, die unmittelbar auf der anderen Straßenseite anschließen. Die beiden Baukörper sind jeweils in eine hohe und eine niedrige Hälfte geteilt. In Richtung Quartier weisen sie sechs bzw. acht Geschosse auf; zur ruralen Umgebung senken sie sich auf vier ab.

Steinerner Luxus für den sozialen Wohnungsbau

Beide Baukörper bestehen vollständig aus massiven Kalksteinblöcken, deren Farbigkeit und sägerauen Oberflächen die Fassaden und die Innenräume prägen und ihnen eine nahezu luxuriöse Anmutung verleihen. Dabei handelt es sich bei den 68 Einheiten um Sozial- als auch um vergünstige Eigentumswohnungen.

Die Kubatur weist eine gewisse klassizistische Strenge auf, die – so die Architekt*innen – aus dem Material selbst und seiner Bearbeitbarkeit resultiert. Einziger Fassadenschmuck, wenn man so will, sind die umlaufenden, die Stockwerke voneinander absetzenden Gesimse, die allerdings auch einen praktischen Nutzen haben: Sie halten das Regenwasser von den Fassaden fern und erhöhen somit ihre Langlebigkeit. Die Ecken der Baukörper sind eingeschritten, sodass sich zu zwei Seiten offene, großzügige Loggien ergeben, die im Sommer als Erweiterung des Wohnraums dienen. 

Jeweils in der Mitte des hohen und niedrigen Gebäudeteils liegen die Erschließungskerne, die pro Geschoss zu je vier Wohnungen führen. Die Grundrisse sind weitgehend frei von tragenden Innenwänden, wodurch eine flexible Raumaufteilung möglich ist.

Massives Kalksteinmauerwerk 

Die Außenwände und Erschließungskerne bilden die einzigen tragenden Strukturen. Sie bestehen vollständig aus Kalksteinblöcken mit dem beeindruckenden Format von 190 mal 80 cm. Hingegen sind die Zwischendecken aus Beton gefertigt. Für die maximale Steingröße bestimmend waren einerseits die natürliche Schichtenhöhe des Materials, andererseits die eingesetzten Abbauwerkzeuge. Jeder Block musste mit einem Kran versetzt und von zwei Maurer*innen millimetergenau positioniert werden.

Das Mauerwerk ist einschalig, ohne zusätzliche Dämmung oder Putzschicht. Die schiere Masse der Steine wirkt im Sommer als Hitzepuffer. Auch die kompakte Kubatur und das ausgewogene Verhältnis von Wand zu Öffnung tragen dazu bei, dass im Sommer wie im Winter das Raumklima angenehmen bleibt. Darüber hinaus erfüllt die Konstruktion die Anforderungen an die Erdbebensicherheit, die sich in der seismisch aktiven Region Genf ergeben.

Doch Kalkstein ist nicht gleich Kalkstein – so kamen je nach Einsatzort drei verschiedene Sorten mit unterschiedlichen Eigenschaften zur Ausführung:

  • Brétigny-Stein: hohe Druckfestigkeit und Frostbeständigkeit; für Sockelelemente, Fensterbänke und Gesimse 
  • Migné-Stein: geringere Frostbeständigkeit und Oberflächenhärte; für die Hauptelemente der Fassade und die äußeren Wände des Erschließungskerns
  • Estaillades-Stein: deutlich poröser und wenig frostbeständig; für die inneren Wände des Erschließungskerns

Gut fürs Klima und fürs Portemonnaie

Für Naturstein spricht auch seine Langlebigkeit – wie viele historische Städte belegen. Im Vergleich zu einer reinen Betonkonstruktion wurden zudem deutlich weniger CO2-Emissionen verursacht. Des Weiteren argumentieren die Architekt*innen, dass Kalkstein nicht nur heutige bautechnische Anforderungen erfülle, sondern sich auch relativ leicht abbauen lasse. Dabei ermöglichen die Vorkommen das Zuschneiden großer Blöcke zu wirtschaftlich vertretbaren Kosten. Für die beiden Wohngebäude mit einer Nutzfläche von 12.500 Quadratmetern betrugen die Nettobaukosten übrigens rund 24 Millionen Euro.

In Plan-les-Ouates wird deutlich, dass nachhaltiger Wohnungsbau und architektonische Qualität sich keineswegs ausschließen, sondern sich im Massivsteinbau harmonisch verbinden lassen.

Bautafel

Architektur: Perraudin Archiplein Consortium, Genf 
Projektbeteiligte: Perreten et Milleret, Genf (Generalunternehmer); Marty Construction, Genf (Bauunternehmer); Philipp Rück, Zürich (Geologe)
Bauherr*in: Gemeinde Plan-Les-Ouates
Standort: 1228 Plan-les-Ouates, Genf, Schweiz
Fertigstellung: 2021
Bildnachweis: Leo Fabrizio (Fotos); Perraudin Archiplein Consortium, Genf (Pläne)

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