Sanierung und Umbau der Volksschwimmhalle Lankow in Schwerin
Wohnen statt Schwimmen
Die 1976 zu DDR-Zeiten erbaute Volksschwimmhalle Lankow, im Westen Schwerins, direkt am Lankower See gelegen, war in die Jahre gekommen. Anders als viele ähnliche Hallen wurde sie aber nicht abgerissen, sondern umgebaut. Dabei erhielten die Planer*innen des Büros Schelfbauhütte nicht nur einen Teil des Beckens für Schwimmkurse und -therapie, sondern schufen auch neuen Wohnraum. 2017 war die Transformation abgeschlossen.
Hallenbad in Fertigbauweise
Volksschwimmhalle hießen in der DDR die öffentlichen Schwimmbäder. Viele von ihnen wurden in 1960er- und 1970er-Jahren als sogenannte Typenbauten errichtet. In Lankow steht ein Typ B – Bitterfeld, 1951 vom Hallenser Architekten Herbert Müller entwickelt und standardmäßig mit einem 25-Meter-Becken und einem kleineren Nichtschwimmerbecken ausgestattet.
Typs B ist ein Skelettbau mit vorfabrizierten Stützen und Riegeln aus Stahlbeton. Die Dachkonstruktion bestand aus sogenannten hyperbolischen Paraboloidschalen, kurz HP-Schalen, die ebenfalls vorgefertigt waren. Aneinandergereiht ergaben die doppelt und gegenläufig gekrümmten Schalen die markante Wellenform an der Dachkante. Raumseitig war die Struktur jedoch verdeckt. Hier sorgen stabilisierende Rippen und eine dezente Kassettierung für noch mehr Material- und Gewichtsersparnis. Dadurch waren die Typenbauten leicht und robust zugleich sowie sehr ressourceneffizient. Zum Beispiel erreichen die Deckenelemente der Volksschwimmhalle bei einer Schalendicke von nur 4,5 cm messen bis zu 24 m in der Länge und 2 m in der Breite.
Vor dem Abriss gerettet
Da die Schwimmhalle am Lankower See als letzte ihrer Art in Mecklenburg-Vorpommern noch über das HP-Schalendach verfügte, wurde sie 2015 unter Denkmalschutz gestellt. Dennoch beabsichtigte die Stadtverwaltung, sie abzureißen, nachdem mehrere Jahre lang vergeblich nach einem Investor gesucht wurde. Als das Gebäude bereits leergeräumt war und die Bagger anrückten, fand das Schweriner Architekturbüro Schelfbauhütte auf Drängen einer Bürgerinitiative dann doch eine maßgeschneiderte Lösung für den Erhalt des Baudenkmals und die Stadt konnte zum Verkauf bewegt werden.
Neue Mischnutzung
Bestandteil des einzigartigen Konzepts sind neben dem Erhalt eines Teils der Becken insgesamt 16 Zwei- bis Drei-Zimmer Wohnungen. Acht von ihnen sind eingeschossig, die andere Hälfte als Maisonette gestaltet. Des Weiteren bietet das sanierte Gebäude Platz für eine Arztpraxis, die ein Neurologe bezog. Entlang der beiden großflächig befensterten Längsfassaden ordneten die Planer*innen die vollständig barrierefreie Wohnungen an. Im inneren, niedrigeren Bereich der Halle deckte man den größten Teil des Schwimmbeckens mittels einer neu gegossenen Betondecke ab. Der dabei entstandene Hohlraum mitsamt seinen alten Fliesen wird nun als Keller genutzt.
An zentraler Stelle befindet sich somit ein großzügiges Foyer, von dem aus die Wohnungen erschlossen werden. Die Galerie des neuen Obergeschosses ist über eine Holztreppe und eine Liftplattform erreichbar, während ein Korridor die restlichen Wohnungen an der Südfassade anbindet. Darüber hinaus erfüllt das Foyer die Funktion eines Gemeinschaftsraums, etwa für Kindergeburtstage oder erste Fahrübungen mit dem Fahrrad. Die Praxisräume und das übrige Schwimmbecken nehmen das nordöstliche Viertel des Grundrisses ein.
Nachhaltigkeit bei Baustoffen, Dämmung, Energiekonzept
Unter Berücksichtigung sämtlicher Denkmalschutzvorlagen wurde das Gebäude innen grundsätzlich neu konzipiert. Im Fertigteilgebäude kam ein weiteres Fertigteilsystem zum Einsatz – aber aus einem nachwachsendem Rohstoff: Während man aber in der DDR auf Beton setzte, wurden die neuen Decken und Wände mit vorgefertigten Holzelementen errichtet, die auf der Baustelle nur noch zusammengesteckt werden mussten und reversibel sind. Die Außenwände erhielten eine Innendämmung aus Zellulose und die neuen Fenster sind dreifach verglast.
Als Reminiszenz an das alte Schwimmbad blieb der alte Startblock im Foyer erhalten. Auch die Bodenfliesen dort entsprechen genau denen des alten Bades. Somit behält das Gebäude auch seine Identität für viele, die das Bad noch aus ihrer Kindheit kennen und dort ihre ersten Züge machten. Neu ist allerdings, dass die zuvor innen nicht sichtbare Schalen-Konstruktion freigelegt ist, die im Zusammenspiel mit den anderen Bauteilen eine neue, besondere ästhetische Wirkung erzielt.
Das Regenwasser, das sich auf der nach innen geneigten Dachfläche ansammelt, wird als Grauwasser genutzt. Eine PV-Anlage auf dem Dach produziert Energie für die Infrarotpaneele an den Decken und Wänden im obersten Geschoss, die die Räume heizen. Zum Aufheizen von Wohnräumen und Brauchwasser wird Fernwärme genutzt.
Preiswürdiges Projekt
Durch Sanierung und Umbau konnte der Abriss verhindert und der Lebenszyklus des Betonbestands deutlich verlängert werden. All dies lobt die Jury des 2024 erstmals verliehenen Klaus-Dyckerhoff-Preises für Architektur. Überzeugen fand sie auch die „außergewöhnliche Qualität und Stimmigkeit des Gesamtkonzeptes, den originellen typologischen Wandel des Gebäudes sowie die konsequent auf Nachhaltigkeit bedachte Bauweise“. Bereits vor dem Umbau, im Jahr 2019, hatte die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) das Projekt ausgezeichnet.
Bautafel
Architektur: Schelfbauhütte, Schwerin
Projektbeteiligte: Schelfbauhütte, in Zusammenarbeit mit lokalen Firmen und Lieferanten (Generalunternehmer); Ingenieurgesellschaft Dr. Apitz, Schwerin (Tragwerksplaner); Energiespar-Haus – Dipl. Ing. Architekt Frank, Schwerin (Energieplanung)
Bauherr*in: Ruth und Ulrich Bunnemann, Schwerin
Standort: Lübecker Straße 266, 19059 Schwerin
Fertigstellung: 2017
Bildnachweis: Jörn Lehmann (Fotos); Ulrich Bunnemann, Schelfbauhütte (Pläne)
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