Sanierung und Erweiterung des Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums in Stuttgart
Faserzementwellen als Bekleidung und Sonnenschutz
Was hatten Hegel, Loriot und der Architekt Hans Bregler gemeinsam? Alle drei besuchten dieselbe Schule in Stuttgart: ein Gymnasium illustre, das seit 1881 Eberhard-Ludwigs-Gymnasium heißt. Hans Bregler entwarf zudem 1955 bis 1957 gemeinsam mit seinem Vater Adolf das heutige Schulgebäude. Bis 2025 wurde es unter Federführung von LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei saniert und erweitert.
Das bereits 1959 mit dem Paul-Bonatz-Preis ausgezeichnete Ensemble gilt als eines der eindrücklichsten Beispiele der Nachkriegsmoderne in Stuttgart. Mit offenem Raumgefüge, großzügigen Erschließungswegen und weiten Fensterflächen verkörpert die Architektur Ziele humanistischer Schulbildung, etwa die Freiheit des Geistes.
Ein langgestreckter Riegel ist als Rückgrat der Anlage in die Hangtopografie eingeschrieben. Nordseitig, scheinbar nur zweigeschossig, schwebt er südseitig mit seinen vier oberen Geschossen über dem Schulhof. Drei weitere, unterschiedlich proportionierte Baukörper ordnete das Büro Bregler beidseitig dem Hauptbau unter: westlich die Verwaltung und die Turnhalle und südöstlich der Oberstufentrakt.
Weiterbauen im Geist der Nachkriegsmoderne
Neben der denkmalgerechten Sanierung hatte LRO die Aufgabe, zusätzliche Räume für die jüngste Erweiterung zum Musikgymnasium sowie für den Ausbau zur Ganztagsschule zu integrieren. Dabei durften sie die räumlichen Qualitäten des Ursprungsentwurfs – die Großzügigkeit und die fließenden Übergänge zwischen Innen und Außen – nicht allzu stark beeinträchtigen.
Zwischen den beiden westlichen Querflügeln wurde ein zusätzlicher Baukörper eingefügt. Dieser aufgeständerte, neue Fachklassentrakt definiert einen gedeckten Pausenhof, unter dem eine neue, seitlich belichtete Sporthalle und die neue Technikzentrale angeordnet wurden. Die ehemalige Turnhalle nördlich davon wurde zum Orchestersaal umgebaut. Aus den früheren Umkleiden darunter wurde eine Schulbibliothek.
Die vormalige Aula im Erdgeschoss der Verwaltung wich einer neuen Mensa, die nun direkt an das Foyer mit seiner geschwungenen Kaskadentreppe anschließt. Das große Ziegelmosaik an der konkaven Treppenwand mit dem Vogelmotiv des Bildhauers und Grafikers Fritz Melis wurde denkmalgerecht restauriert. Der Hauptbaukörper erhielt nordseitig eine kleine, trapezförmige Erweiterung mit Räumen für Musikunterricht, Fachlehrer und Instrumentenlager.
Zahlreiche originale Einbauten konnten aufgearbeitet und wiederverwendet werden. Das Farbkonzept zur räumlichen Gliederung orientiert sich nahe am bauzeitlichen Zustand. Im Zuge der Generalsanierung wurden allerdings auch Schadstoffe entfernt, die Gebäude- und Haustechnik ersetzt sowie Tragwerk und Brandschutz ertüchtigt.
Fassade: Variationen in Faserzement
Weitere wichtige Maßnahmen waren die konstruktive Aufarbeitung der Beton-Fassadenplatten und die energetische Ertüchtigung des Dachs. Die meisten Fenster konnten erhalten, originale Scheiben mit Sonnen-, Wärme- und Splitterschutz-Folien ertüchtigt werden. Auch die neuen Baukörper orientieren sich in Materialität, Proportion und Farbigkeit am Bestand, ohne diesen zu kopieren.
Ein Beispiel dafür ist die gezackte Struktur der bauzeitlichen Brüstungselemente: Sie wurde bei der neuen Dachuntersicht des Konzertsaals in einen größeren Maßstab übertragen. An den Fassaden der Ergänzungsbauten variierte man sie auf überraschende Weise durch den Einsatz von Faserzementwellen. Diese sind am neuen Fachklassentrakt überwiegend senkrecht montiert, wo sie leicht schräg ausgestellt die Fensterbänder verschatten. Am westlichen Fluchttreppenhaus erzeugt die Schrägstellung – in Verbindung mit dem Wechsel auf kleinere Elemente – eine geschuppte Fassadenoptik.
An der großen, südseitigen Verglasung des Konzertsaals sind nahezu horizontal auskragend weiß gefasste Wellen zu sehen. Hier schraubte man sie auf eine Metall-Unterkonstruktion vor die Glasebene, sodass sie als außenliegende Sonnenschutzblenden fungieren. Über der gezackten Dachuntersicht betonen mattgrüne Faserzementtafeln die Attika.
Insgesamt schreiben die Ergänzungen des Schulkomplexes die Architektursprache der 1950er-Jahre zeitgemäß fort. Das Neue ist erkennbar und fügt sich dennoch in das charakteristische Erscheinungsbild der Bregler-Architektur ein.
Bautafel
Architekten: LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei, Stuttgart
Projektbeteiligte: Marc Oei, Katja Pütter, Klaus Hildenbrand, Heiko Müller, Nicole Epple, Carla Feine, Henri-Pierre Finkeldei, Daniel Haselberger, Aline Kälber, Philipp Lülsdorf, Sonja Malm, Patrick Penteker, Johannes Schreiner, Patrizia Schreiner, Wolfram Sponer, Lukas Volz, Natalie Wurm, Jochen Bornträger (Projektteam Architekten), nps Bauprojektmanagement, Stuttgart (Projektsteuerung), ZPP Ingenieure, Karlsruhe (Tragwerksplanung), Reichert Tragwerksplanung, Schwäbisch Gmünd (Absturzsicherungen), matrix ingenieure, Stuttgart (Prüfstatik), umt Umweltingenieure, Ulm (Brandschutz), GN Bauphysik Ingenieurgesellschaft, München (Bauphysik), Mohr Solutions Ingenieure, Göppingen (Haustechnik), Conplaning, Neu-Ulm (Elektroplanung), Sakosta, Stuttgart (Schadstoffanalyse und -sanierung), Dr. Julia Feldtkeller, Tübingen (Restaurierung, Farbanalyse, Ziegelmosaik), Gänßle + Hehr Landschaftsarchitekten, Esslingen am Neckar (Freianlagen)
Bauherr*in: Landeshauptstadt Stuttgart
Fertigstellung: 2025
Standort: Herdweg 72, 70174 Stuttgart
Bildnachweis: Roland Halbe, Stuttgart (Fotos); LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei, Stuttgart (Pläne)
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