Sanierung und Erweiterung der Kita Bewegungsreich in Berlin

Ein Gegenüber für den Plattenbau

Zwischen den hohen Wohnscheiben des Berliner Mühlenkiezes im Bezirk Pankow öffnet sich ein unerwartet ruhiger Freiraum. Große Bäume umgeben das Grundstück, ein Spielplatz breitet sich vor einem vertrauten Bauwerk aus: eine dreigeschossige Kindertagesstätte in Plattenbauweise aus den 1970er-Jahren, mit Waschbetonflächen, breiten Fensterbändern und den charakteristischen Betonformsteinen am Eingang. Erst beim Näherkommen tritt ein leicht gedrehter Anbau in Erscheinung, der gemeinsam mit dem Bestand einen kleinen Vorplatz fasst. Die Sanierung und Erweiterung der Kita Bewegungsreich planten Therese Strohe Michael Ullrich Architekten zusammen mit D+S Architekten. Die Maßnahme umfasst zugleich ein ökologisches Modellvorhaben zur Regenwasserbewirtschaftung.

Der Bestandsbau aus den 1970er-Jahren zeigt die typische Gliederung der Großtafelbauweise.
Die 45-Grad-Stellung des Neubaus schafft einen geschützten Zwischenraum zwischen Alt- und Neubau.
Der umlaufende Laubengang aus Betonfertigteilen bildet eine zweite Fassadenebene und übernimmt Erschließung sowie Sonnenschutz.

Weiterbauen im Gefüge der Großsiedlung

Die Kita entstand zeitgleich mit den umliegenden Wohnscheiben nördlich des S-Bahnhofs Greifswalder Straße. Bis heute bestimmen orthogonale Baukörper, großzügige Freiflächen und ein dichter Baumbestand das Quartier. Innerhalb dieser Struktur blieb die Kita lange unverändert. Mit der Zeit zeigten sich jedoch Schäden an den Betonfertigteilen, die technischen Anlagen waren überholt und die räumlichen Kapazitäten erschöpft. Derweil war der Bedarf an Betreuungsplätzen gewachsen.

Den langgestreckten Bestandsriegel ergänzten die Architekt*innen auf der Gartenseite um einen kompakten Baukörper mit nahezu quadratischem, um 45 Grad gedrehtem Grundriss. Dank dieser Drehung blieben die Blickbeziehungen aus dem Bestand ins Grüne erhalten und die Eingriffe in den gewachsenen Baumbestand ließen sich minimieren. Zugleich entstand zwischen Alt und Neu ein definierter Außenraum. Ein schmaler Verbindungsbau koppelt beide Gebäude und beherbergt neben Pausenräumen auch einen Aufzug, der erstmals sämtliche Ebenen der Tagesstätte rollstuhlgerecht erschließt. Durch Erweiterung und Umorganisation stehen heute rund 250 Kitaplätze zur Verfügung.

Den Anbau prägen umlaufende Laubengänge, die als Austritte und Fluchtwege dienen sowie die Fassade verschatten. Horizontale und vertikale Fertigteile – einige von ihnen bis zu 8,90 Meter lang – formen die Attika und die Brüstungen. Waschbetonelemente mit dunklem Basaltzuschlag nehmen Bezug auf die helle Splittoberfläche des Bestands. Mehrfach miteinander verbundene Räume mit starkem Außenbezug bestimmen die Grundrisse. Das Erdgeschoss ist mit seinem Gartenzugang den Kindern unter drei Jahren vorbehalten. Hier und im 1. Obergeschoss befinden sich je zwei Gruppenräume und flächige Spielflure. Im 2. Obergeschoss schafft eine freispannende Holzbinderkonstruktion größere Raumhöhen für einen zusammenschaltbaren Sport- und Bewegungsraum. Auf jedem Geschoss befinden sich in der Ost-Ecke die Sanitärräume.

Auch die Räume im Bestand orientieren sich konsequent zum Garten. Ehemalige Loggien des Bestands wurden zu verglasten Erkern umgebaut und bringen zusätzliche Aufenthaltsqualität in die Gruppenräume. Des Weiteren wurden Brand- und Schallschutz ver­bes­sert, Schadstoffe entfernt, Bodenbeläge, Fenster und Heiztechnik erneuert sowie Leitungen gedämmt.

Hybridkonstruktion als Weiterentwicklung des Typenbaus

Der Neubau basiert auf einem Stahlbetonskelett mit punktgestützten Flachdecken. Stützen, Unterzüge und Filigrandecken mit Aufbeton bilden das konstruktive Gerüst. Gegründet ist die Konstruktion auf einer Stahlbetonsohle mit Frostschürze, während die Laubengänge auf separaten Fundamenten stehen. Die Fassadenfelder zwischen dem Tragwerk füllen Holzrahmenbauelemente mit grüner Lärchenholzschalung. Davor treten die Betonfertigteile der Laubengänge als zweite konstruktive Schicht hervor. Somit ist die Hybridkonstruktion klar ablesbar. Zugleich wird die serielle Architektur des Plattenbaus fortgeschrieben, jedoch räumlich und konstruktiv weiterentwickelt.

Parallel zum Neubau erfolgte eine behutsame Instandsetzung der Waschbetonplatten, Fugen und Formsteine der bestehenden Kita. Spätere Farbbeschichtungen entfernte man, sodass die unterschiedlichen Nuancen der ursprünglichen Betonmischungen heute wieder sichtbar sind. Eine Verkieselung stabilisiert die Oberflächen dauerhaft. Der Verzicht auf einen neuen Fassadenanstrich reduziert zukünftige Wartungszyklen und erhält zugleich die Materialehrlichkeit des Gebäudes.

Modellvorhaben zur Regenwasserbewirtschaftung

Der Umgang mit Regenwasser macht das Projekt ebenfalls besonders. Ziel war die Abkopplung des Grundstücks von der öffentlichen Kanalisation, um den Niederschlag stattdessen vor Ort zu nutzen. Er wird gesammelt und gespeichert und dann für die Toilettenspülung und die Gartenbewässerung verwendet. Begrünte Dächer, Versickerungsflächen und bepflanzte Außenbereiche fördern Verdunstung und verbessern das Mikroklima. Offene Rinnen und Speier leiten das Wasser von den Laubengängen ab.

Die Erweiterung der Kita Bewegungsreich zeigt exemplarisch, wie sich Gebäude der industriellen Serienarchitektur weiterentwickeln lassen. Die Architektur wurde weitergebaut, nicht überformt: Der Bestand blieb ablesbar, neue Bauteile traten eigenständig hinzu. Dabei fungiert Beton als verbindendes Material zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Bautafel

Architektur: Therese Strohe Michael Ullrich Architekten mit D+S Architekten
Projektbeteiligte: Ingenieurbüro bauArt (Tragwerk); Akut Solar- und Haustechnik (Haustechnik); A-W-K Ingenieurgesellschaft (Elektroplanung / Brandschutz); Schönherr Landschaftsarchitekten (Freianlagen)
Bauherr*in: Pfefferwerk Stadtkultur
Fertigstellung: Mai 2025  
Standort: Hanns-Eisler-Straße 82-84, 10409 Berlin
Bildnachweis: Till Schuster (Fotos), Therese Strohe Michael Ullrich Architekten (Pläne)

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