Sanierung: Diözesanmuseum in Freising

Regenerative Energieversorgung mit Flusswasser

Der knapp dreißig Meter hohe Domberg markiert die weithin sichtbare Mitte der Stadt Freising, etwa dreißig Kilometer nördlich von München. Auf der Bergkuppe thronen die ehemalige Fürstbischöfliche Residenz und der Dom St. Maria und St. Korbinian, der um 1200 seine heutige Gestalt erhielt. An der prominenten Westseite des Dombergs befindet sich das 1870 im klassizistischen Stil erbaute Gebäude des Knabenseminars, das seit 1974 das Diözesanmuseum beherbergt. Wegen Brandschutzmängeln musste es 2013 schließen; ein Jahr später wurde ein Architekturwettbewerb zur Sanierung des denkmalgeschützten Bauwerks ausgelobt, den Brückner & Brückner Architekten für sich entscheiden konnte. Die Wärme- und Kälteversorgung des Hauses erfolgt nun vollständig ohne fossile Energieträger.

Vor dem Umbau waren die Fenster mit Brüstungen versehen, die der Entwurfsidee folgend jetzt entfernt wurden, sodass mehr Tageslicht hineingelangt und man von innen einen besseren Blick auf die Umgebung hat.
Der Lichthof ist das Herz des Gebäudes.
Die neue Offenheit des Gebäudes erlaubt einen weiten Ausblick auf die Stadt Freising und die umgebende Landschaft.

Transparenz und Dialog

Ihrem Entwurf gaben die Planer*innen den Titel Geöffnete Wände, was durchaus mehrschichtig zu verstehen ist. Einerseits öffneten sie das Gebäude baulich, um den Blick auf die Landschaft und die Stadtsilhouette zu lenken und innen vielfältige Perspektiven zu schaffen. Diese neue Transparenz soll andererseits aber auch Neugier wecken, Begegnungen ermöglichen und den Dialog zwischen Menschen, Exponaten und Umgebung fördern. Kurz: Das Haus soll – von altem Ballast befreit – wieder atmen können.

Erlebbare Geschichte

Die Sanierungsarbeiten orientieren sich an der historischen Bedeutung, der handwerklichen Tradition und der charakteristischen weißen Farbgebung der Gebäude des Dombergs. Zeitlose Materialien wie Holz, Stein, Eisen, Glas und Putz vermitteln durch ihre hohe Qualität eine besondere Wertigkeit. Historische Elemente vergangener Jahrhunderte wurden so integriert, dass sie die Geschichte des Ortes greifbar machen und die Architektur als eine begehbare und erlebbare Verbindung zur Vergangenheit wirken lassen. Die Architekt*innen beschreiben das Konzept mit den Worten: „So, wie es ist, war es noch nie. Aber es fühlt sich an, als ob es schon immer so war.“


Christliche und säkulare Kunst

Die Innenraumgestaltung wurde vom Büro iam – interior architects munich in Zusammenarbeit mit Christian Schmid entwickelt. Sie zeichnen insbesondere für die Präsentation der neuen Schausammlung verantwortlich, die christliche Kunst aus zwei Jahrtausenden umfasst. Zeitgenössische Kunst ist ebenfalls prominent vertreten, darunter eine Lichtinstallation des US-amerikanischen Künstlers James Turrell in der ehemaligen Hauskapelle, die vom zentralen Lichthof aus gut sichtbar ist.

Technik im Verborgenen

Ein wichtiges gestalterisches Ziel war es, den Lichthof, die Ausstellungsräume sowie die Arkadengänge von klima- und sicherheitstechnisch notwendigen Einbauten und Leitungsverzügen zu befreien. Die Versorgungsstränge verlaufen nun von den Technikzentralen aus in nicht sichtbaren Kanälen und Schächten zu den Geschossen und dem Atrium. Die Lüftungsanlage wurde dafür unter räumlich herausfordernden Bedingungen in den historischen Dachstuhl integriert. Die Öffnungen für Frischluft, Wärme und Kälte sind unauffällig in Decken und Böden integriert.

Energie aus dem Fluss

Das Diözesanmuseum verzichtet bei der Energieerzeugung vollständig auf fossile Brennstoffe. Sowohl die Wärme- als auch die Kälteproduktion erfolgen über Wasser/Wasser-Wärmepumpen bzw. Kältemaschinen. Sie sind verbunden mit Grundwasserbohrungen in der rund 250 m entfernten Moosachaue am Fuße des Dombergs. Diese aufwendige Lösung lässt den Hang des Dombergs unangetastet und ist zugleich effizienter als eine Variante, die Luft als Energieträger nutzt. Die Planenden errechneten, dass die regenerative Wärmeerzeugung jährlich rund 220 Tonnen Kohlendioxid im Vergleich zu Erdgas einspart.  Im Sommer ermöglicht das Grundwasser eine „freie Kühlung“ für große Teile der Anlage, die nur minimal Energie für die Umwälzung benötigt. Das Projekt wurde mit dem Bayerischen Architekturpreis und Staatspreis für Architektur 2024 ausgezeichnet. -tg

Bautafel

Architektur: Brückner & Brückner Architekten, Tirschenreuth und Würzburg
Projektbeteiligte: Ernst & Young, München (Projektsteuerung); Rudolf + Sohn Architekten BDA, München (Ausschreibung und Bauüberwachung: (LPH 6-9)); Sailer Stepan und Partner, München (Tragwerk); Ottitsch, Ingenieurbüro Gebäudetechnik, München (Technische Ausrüstung (Elektro, HLS, Sicherheit)); Müller BBM, Planegg (Bauphysik); Dorn Architekten Ingenieure – Gesellschaft für Gebäude-u. Brandschutzplanung mbH, München (Brandschutzkonzept); Die Lichtplaner, Limburg/Staffel (Lichtplanung); iam interior.architects.munich, München (Innenarchitektur/Ausstellungsgestaltung Schausammlung und Krippenausstellung): Der goldene Schmid, München (Innenarchitektur/Ausstellungsgestaltung Schausammlung und Krippenausstellung); realgrün Landschaftsarchitekten, München (Landschaftsarchitektur)
Bauherr*in: Erzdiözese München und Freising, vertreten durch Direktor Dr. Christoph Kürzeder
Fertigstellung: 2022
Standort: Diözesanmuseum Freising, Domberg 21, 85354 Freising
Bildnachweis: André Mühling, München; mju-fotografie, Marie Luisa Jünger, Hümpfershausen; Thomas Dashuber, München


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